Und dann: Pommes

„Du hattest mir doch mal eine Pommesbude empfohlen…“ schreibe ich dem Kumpel aus einer anderen Ecke des Ruhrgebietes, der mir in den letzten zehn Jahren schon verlässlich manchen Schlemmer- Tipp gegeben hat. Er kommt viel rum und kennt sich aus. Noch bevor ich weiter ausführen kann, dass ich leider die Stadt nicht mehr so recht weiß, weil hier die Städte bekanntlich zu einer einzigen Ruhrgebietsgroßstadt zusammenzuwuchern gewöhnt sind, sodass man am Ende manchmal gar nicht so genau weiß, ob man gerade in Essen, oder schon in Duisburg oder Mülheim seine Pommes in die Mayo stippt, antwortet er: „Der Pommesbauer!“. Als gäbe es nur diesen einen Imbiss zwischen Möhnesee und Rhein. Ich gebe zu bedenken, dass ich doch noch gar nicht näher eingegrenzt hätte in welchem Teil des Potts ich eine Frittenempfehlung suche. Der Pott ist schließlich eine riesige Pommeshochburg. Ich muss eine Budenverwechslung ausschließen. „Der Pommesbauer“ wiederholt mein Tippgeber knapp. Dann schiebt er nach: „Ich bin sicher, weil: ich empfehle nur den Pommesbauern.“

Na gut. Der Pommesbauer. Das kulinarische Highlight des bevorstehenden Ausflugs ist damit gesetzt.

Den nötigen Hunger holen wir uns auf der zweiten Fotosafari des Jahres. Auf dem Fahrplan stehen diesmal die Ausstellung im Gasometer Oberhausen und der Landschaftspark Duisburg Nord. Vom Ablauf: “Erde bestaunen, durch den Park latschen und dann: Pommes“ ist Glo schnell überzeugt.

Das zerbrechliche Paradies

„Das zerbrechliche Paradies“ heißt die Ausstellung im Gasometer Oberhausen. Sie läuft noch nicht lange und ist eine Fortsetzung von „Wunder der Natur“, die mich vor einigen Jahren wahnsinnig begeistert hat. Auch diesmal sind im Erdgeschoss und Obergeschoss Naturfotografieren ausgestellt. Oben hängt eine Weltkugel von 20m Durchmesser, auf der mehrere Projektoren alles mögliche abbilden, was um unseren Planeten herum so passiert.

Als wir um halb elf durch die Kasse gehen ist der Andrang noch überschaubar. Gemeinsam mit ein paar beigen Rentnerkleingruppen schlendern wir zum Eingang. Unscheinbar wirkt diese riesige Metalldose, wenn man sich ihr nähert, und passt damit perfekt ins unprätentiöse Landschaftsbild. Schön ist hier nicht, was man rausputzt bis es glitzert, schön ist, was Geschichte hat und danach aussieht. Und Geschichte, das hat der Gasometer. Sein Dach verschwindet heute in einer dicken nebeligen Suppe. Wegen der Aussicht auf CentrO, Rhein- Herne- Kanal und: „Kumma, Mutti, ganz schön grün, unser Ruhrgebiet, wonnich?“ ist heute vermutlich niemand hier. Heute muss der Gasometer mit innen Werten glänzen. Und: das tut er.

Wir schieben die Eingangstür auf und stehen am Anfang der Reise. Zum Glück, denke ich, haben wir uns für diesen Teil unseres Ausflugs großzügig drei bis vier Stunden eingeplant. Die werden wir brauchen. Nach gut 90 Minuten erreichen wir die Treppe zum Hauptraum, in dem die Weltkugel schwebt. Bis dahin haben wir Naturgewalten gesehen, alle möglichen Tiere, Wälder, Meere. Eigentlich ist mein kleines Gehirn schon voll, als wir, inzwischen mit latentem Mittagessensapetit, die Stufen zum Weltraum hoch stapfen. Sphärische Musik, eine Kugel von 20 Metern Durchmesser und dieser riesige Raum machen, dass ich mich sehr, sehr klein fühle. An unserem Planeten vorbei schauen wir nach oben in die Finsternis. Den Deckel des Gasometers kann man von hier unten nicht sehen. Die riesige Erde über uns scheint vollkommen schwerelos im Raum zu schweben. Viel besser kann man diese riesige Blechdose nicht nutzen, denke ich, und obwohl die Finger langsam unangenehm kalt werden (hier drin sind knapp 2°C) zieht es uns auf eins der riesigen Sitzkissen. Da liegen wir dann, wie zwei Raumfahrerinnen, die aus dem Fenster der ISS auf ihren Heimatplaneten gucken, und über uns dreht sich die Welt. Flugbewegungen, Schiffe, Wolken, Sonnenauf- und Untergänge. Ich könnte hier stundenlang liegenbleiben, wenn es nur nicht so arschkalt wäre. Irgendwann, viele „Boahs“ und „Wie machen die das?“ später steigen wir in den Aufzug zum Gasometerdach. Auf dem Weg in die zehnte Etage vergesse ich kurz die kalten Finger. Hier ist es nicht kalt. Hier ist es hoch. Glo freut sich und steht am Fenster. Ich mach auf mutig, stehe aber einen Schritt hinter ihr.

Oben angekommen wird mutig tun nicht gerade leichter Über Gittertreppen geht es am Rand des Gasometers weiter nach oben. Schade, dass wir heute noch nicht einmal mit der sonst so fantastischen Aussicht belohnt werden. Der Nebel sorgt dafür, dass wir beschließen, bei „besser Wetter“ wiederzukommen. Den Blick auf die gar nicht mehr so neue neue Mitte, die jüngst fertig renaturierte Emscher und die vielen kleinen und großen Landmarken um uns herum muss ich Glo zeigen. Heute kann man kaum den Parkplatz direkt unter uns sehen. Dass dahinter das CentrO liegt muss Glo mir einfach glauben. Überprüfen kann sie es nicht.

Rotkehlchen (und andere komische Vögel)

Hungrig und begeistert beenden wir unsere Runde durch die Ausstellung, kehren dem Gasometer den Rücken zu und machen im Auto die Sitzheizung auf „Ja!“. Dann sammeln wir auf dem Weg zu unserer nächsten Station einen Snack ein und parken, keine halbe Stunde später, am Landschaftspark. Verglichen hiermit ist die Henrichshütte eine H0-Miniatur. Als wir vom Parkplatz zum Eingang latschen meldet sich die LaPaNo- App. Dass ich die vor ein paar Tagen geladen habe hatte ich schon wieder vergessen. Nach einem Blick auf die Karte beschließen wir, den einen oder anderen vorgeschlagenen Punkt anzusteuern, uns aber grundsätzlich treiben zu lassen. Alles schaffen wir eh nicht. Auch hier stellen wir fest, dass viele Fotos mit grünen Bäumen vor blauem Himmel sicher noch besser zur Geltung kämen, sind aber deshalb nicht unzufrieden mit unserem Ausflug.

Wir sind längst nicht die Einzigen, die zum Fotografieren hier sind. Zwischen den Gebäuden räkeln sich belederhoste, weiß geschminkte Frauen, deren Stil wir auch nach näherem Hinsehen nur als „Aha! Na sowas.“ einordnen können ebenso wie ein Footballspieler, der in seiner Leggins ganz schön friert unterm Helmchen. Anmerken lässt er sich nichts.

Auf dem Cowperplatz vor dem Hochofen macht ein Straßenkünstler zur Freude von Kindern und Fotografen riesige Seifenblasen, in denen sich der Hochofen kopfüber spiegelt, bis hektische Kinderhände die Blase zu packen kriegen und die Lauge in strahlende Kindergesichter platscht. Auch wir suchen hier lange nach dem perfekten Foto, bevor wir durch die Möllerei in Richtung Sinterplatz weiterziehen. Eher zufällig stoßen wir unterwegs auf ein übermütiges Rotkehlchen, das sich anstrengt, zum Star unseres Rundgangs zu werden. Sogar als wir uns direkt vor ihm hinhocken und ich das Objektiv wechsele bleibt es cool. Wer in der Möllerei sein Nest baut ist wohl Fotoshootings gewöhnt.

Viele Aufnahmen von Hochöfen, uns völlig rätselhaften Stahlkonstruktionen und undurchschaubar angeordneten Riesenrohren später zieht es uns schließlich zurück in Richtung Sitzheizung. Und: Richtung Pommesbauer.

Joppie ftw!

„Denk an Wechselkleidung“ hatte der Frittentippgeber zwinkernd geraten. Stimmt. Das war mir in Erinnerung geblieben vom letzten und bisher einzigen Besuch dieses Pommespalastes: es riecht vorzüglich nach Frittiertem. Und zumindest für den restlichen Tag darf man, quasi als Erinnernug an das Erlebnis, den Geruch sogar mit nach Hause nehmen.

Nach eingehendem Studium der Karte entscheide ich mich für eine Frikandel Spezial mit einer Pommes Spezial. Da ich ein Geschäft, in dem ich Joppiesoße haben kann, nicht verlasse, ohne Joppiesoße zu haben, wähle ich einen Mix aus Mayo und Joppie zum Curryketchup, ernte anerkennende Blicke der Verkäuferin und hebe mit meiner Erfindung die Pommes Spezial auf ein neues Level. Glücklich über die Weisheit meiner Bestellung gelingt es mir, nahezu die ganze Portion zu verspeisen. Ein bisschen ärgere ich mich, nicht explizit eine kleine Portion Pommes bestellt zu haben. Man scheint hier dem Prinzip zu folgen, dass, wenn eine Kundin keine Größenangabe macht, man ihr einfach einen großen Teller verkauft. Auf meinem bleiben schließlich ungefähr zwei Liter Soßenmischmasch übrig. Die Pommes und die Frikandel schaffe ich tapfer und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Als sich schließlich an der Kasse herausstellt, dass wir kleine Pommesportionen hatten relativiert sich mein Eigenlob und ich bin dankbar, nicht versehentlich eine Größenangabe gemacht zu haben. Denn: wer bestellt bei einigermaßen klarem Verstand schon eine kleine Pommes? Das wäre eine abenteuerliche, wenn nicht sogar verhängnisvolle Pommeserfahrung geworden mit mir und der großen Pommes Spezial. Aber das hier scheint mein Glückstag zu sein.

War töfte! Bis nächstema!

Auf dem Rückweg zum Auto versuche ich Glo zu überzeugen, dass sie doch sicher auch mal Brummi fahren möchte. Dass wir uns die Fahrten zu unseren Ausflügen teilen hat Tradition und noch heute denke ich sofort an ihre ersten Erfahrungen beim Abwürgen bockiger Benzinmotoren in den Baden- Badener Bergen, wenn ich Musik von damals im Ohr habe. Heute allerdings ist die Glo bockiger als der Motor. Unsere Mägen sind voll, die Füße müde und die Köpfe leer. Am liebsten säßen wir wohl beide eingemummelt auf der Brummirückbank. Das hieße, dass wir fortan gegenüber vom Pommesbauer unser Quartier hätten. Und, ganz ehrlich, ich könnte mir schlechteres vorstellen.

Danke, Glo, für einen weiteren wundervollen Ausflug und danke, Ruhrgebiet, datte uns auch inne dicksten grauen Suppe noch n paar schöne Motive hin am stellen bis.

Nächstema komm we wenn de Lorenz am scheinen is un we bissken besser weiter inne Gegend gucken können, wonnich.

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