Tante Siegrid

Ich sitze auf dem Gartenstuhl mit dem bunten Kissen und nippe an dem ausgespülten Senfglas. Das Wasser hat mehr Sprudel als das Zuhause. Unzählige kleine Bläschen klettern innen am Glas nach oben, und wenn man ein bisschen gegen die Sonne guckt sieht es darüber aus wie ein richtiger kleiner Springbrunnen. Mir gegenüber, auf der selbstgebauten Holzbank, sitzt meine Tante Siegrid. Eine immer freundliche, eher kleine Frau mit kurzen Haaren, die auf diesem Bauernhof den Takt vorgibt, weil sie den Haushalt führt und zum Beispiel dafür sorgt, dass jeder pünktlich am Kaffeetisch erscheint. Wenn es sein muss ruft sie dann laut über den ganzen Hof, dass es jetzt Kaffee gibt und man seine Erledigungen in Stall, Schreinerei oder wo auch immer kurz ruhen lassen muss.

Zwischen uns, auf dem Tisch mit der farbenfrohen Wachsdecke, die von einigen fruchtigen Tischdeckenbeschwerern an ihrem Platz gehalten wird, steht eine große gelbe Waschschschüssel, bis oben hin voll mit frisch geernteten “dicke Bohnen”. Die öffnen wir, mit dem Daumen, und schieben dann die Böhnchen aus ihrem flauschigen Mantel in eine zweite kleinere Waschschüssel. Ich mag keine dicke Bohnen. Eigentlich mag ich gar keine Bohnen. Aber ich mag das Ploppen, wenn sie sich aus der Schale lösen und Böhnchen für Böhnchen in die Schüssel kullert. Und ich mag es, hier zu sitzen, unter den Bäumen, am Tisch mit der bunten Wachsdecke auf dem Stuhl mit dem gemusterten Kissen, und was zu tun zu haben.

Ab und zu fährt mein Onkel vorbei, auf seinem alten blauen Hanomag- Trecker, eine Hand am Lenker, die andere am Überrollbügel. Je nachdem wie weit die Heuernte gerade ist hat er neben sich ein kleines Mähwerk oder hinten den Heuwender montiert. Oder die Presse. Wenn Zeit für die Presse ist werde ich allerdings nicht auf der Bank sitzen sondern hinten auf dem Hänger, und wie die Erwachsenen die Ballen stapeln, die die Kräftigsten uns mit der Heugabel anreichen. Die kleine Presse wird sie formen und ausspucken. Und dabei stundenlang dieses tolle bumpernde, schmatzende Geräusch machen, wenn sie das auf Reihe gezogene Heu vorne aufnimmt und in ihrem Körper auf magische Weise zusammenknotet. Wenn es gut läuft tuckert und bumpert die Presse gleichmäßig vor sich hin und frisst Heu und spuckt Ballen aus. Zu oft aber ist irgendwas verstellt. Dann sind die Bänder um das Heu zu locker und die Ballen fallen auseinander. Und mein Onkel muss mal wieder vom Hanomag absteigen und sich, in Hemd und abgeschnittener Jeans, unter die Presse legen und das in Ordnung bringen. Und dann läuft sie wieder, die Presse. Und mein Onkel steigt, verschwitzt und überall voll Heu, zufrieden wieder auf den Hanomag.

Es muss Ende der Achtzigerjahre sein, als ich da so bei den Dicke Bohnen sitze. Hochsommer, vermutlich. Vielleicht haben wir Ferien. Ich kann mich nicht genau erinnern, denn es gab viele solcher Sommer. Wenn gerade nicht Dicke Bohnen oder Heuernte war, fuhr ich mit irgendwas über den Hof, am liebsten gemeinsam mit meinem besten Freund, der das Landleben genau so liebte wie ich und auch noch einen Trampeltrekker hatte, als wir eigentlich schon lange zu groß waren, um damit zu fahren. Oder wir fuhren Kettkar, oder BMX, oder schossen den Fußball abwechselnd vor die weiße Wand des Schuppens neben der Bank unter den Bäumen, den alle hier Margaretenhäuschen nannten, und hofften keine Ballabdrücke zu hinterlassen. Das war einer der wenigen Momente, in denen meine Tante auch mal ernst mit uns wurde. Denn Flecken am Margartenhäuschen, das passte ihr gar nicht. Solange man aber nur unten gegen den braun gestrichenen Sockel des Schuppens kickte und versprach, nichts schmutzig zu machen, war kein Ärger zu befürchten. 

Wenn ich so zurückdenke war der Bauernhof, den meine Tante und mein Onkel als Nebenerwerb betrieben, kein Ort, an dem ich oft Ärger gekriegt hätte. Im Gegenteil: meine Erinnerungen sind schöne. Es gab immer irgendwas zu erleben. Es gab Katzenbabys, die mein bester Freund Andreas und ich zwischen den Ballen auf dem Heuboden versteckten, es gab einen Bauerngarten, in dem man mit etwas Glück reife Erdbeeren fand, oder Pflaumen, oder Kirschen im Obsthof nebenan. Und wenn ich doch mal genug hatte, vom draußen Spielen, dann gabs mit etwas Glück eine Partie Kniffel gegen meine Tante. Die fand je nach Wetter auf der Bank neben dem Margartenhäuschen oder in der kleinen Küche im ersten Stock des Bauernhauses statt, auf der Eckbank, wo immer ein Stapel Landwirtschaftlicher Wochenblätter lag.. Und, na klar, auch beim Kniffel gab es den Sprudel mit erstaunlich viel Bubber. Meist bekam ich Tipps, was ich mit dem ersten Wurf am besten anzufangen hätte und wenn es mal nicht so lief, mit dem Würfelglück, dann musste eben noch eine Runde gespielt werden. Weil es nie wirklich ums Gewinnen ging. Eher ums Miteinander.

Kaum zu glauben, dass das alles über 30 Jahre her sein soll. Die Bäume, die Bank und das Margaretenhäuschen gibt es noch. Auch ein Trekker fährt ab noch und zu über den Hof. Am Steuer sitzt dann aber, vermutlich mit einer Hand am Lenker und einer am Überrollbügel, mein Patenkind, der Enkel meines Onkels. Der hat von Opa und Papa alles gelernt, was man über Trekker und Hof wissen muss. Heu wird hier nicht mehr gemacht, und ob meine Cousine in dem Bauerngarten noch Dicke Bohnen anbaut, müsste ich sie mal fragen.

Die Zeit hat sich weitergedreht, auf dem Bauernhof. Hier, wo bis auf wenige Tage im Jahr nahezu rund um die Uhr jemand Zuhause ist, ist Gemeinschaft ein wichtiger Punkt. Solange ich zurückdenken kann haben drei Generationen diesen Hof bewohnt. Als die Generation meines Opas ging, kamen seine Ur-Enkel dazu.

Nun aber, und deshalb komme ich auf diesen Text, sind meine Tante und mein Onkel alt geworden. Der jüngste Enkel bewohnt inzwischen mit seiner Freundin den ersten Stock des Bauernhauses, weil die Treppe für seine Großeltern irgendwann beschwerlich wurde und sich eingebürgert hat, dass die Ältesten irgendwann ins Erdgeschoss ziehen. Mein Onkel, schwer dement und rund um die Uhr pflegebedürftig, hat hier schon lange nichts mehr repariert. Auch das übernehmen jetzt die folgenden Generationen. Meine Tante wird sich, seit Wochen schwer krank im Krankenhaus und mit schwachem Herzen, auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin einer notwendigen OP unterziehen. Die Ärzte befürchten, dass ihr Herz die Anstrengungen einer Narkose nicht mehr schaffen könnte.

Der Gedanke daran, dass meine Cousine die Mutter, deren Kinder die Oma, meine Mama ihre einzige Schwester, mein Onkel seine Frau und alle den Mittelpunkt des Hofs zu verlieren drohen, zerreißt mich. Obwohl ich weiß, dass jedes noch so erfüllte Leben irgendwann endet, und obwohl ich weiß, dass ihr Kräfte immer mehr schwinden. 

Klar – der Bauerngarten wird weiter bepflanzt und die Bank unter dem Baum auch zukünftig besetzt. Aber meine Tante hatte in den letzten 40 Jahren hier das Heft in der Hand, hat Kinder und Enkel und ja offenbar auch mich mit geprägt und ich kann mir noch nicht vorstellen, wie jemand diese Lücke irgendwann füllen soll.

Ihr dürft also heute bitte alle mit mir die Daumen für Tante Siegrid drücken, ein paar gute Gedanken schicken und wenn ihr mögt, dann kniffelt doch vielleicht ne Runde, esst Dicke Bohnen oder trinkt Wasser mit zu viel Sprudel aus einem ausgespülten Senfglas. Schießt nur bitte den Ball nicht gegen die weiße Wand am Margaretenhäuschen, wenn ihr keinen Ärger haben wollt.

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