„Das wird aber keinen Spaß machen heute…“ sagt der Mann, der gerade vor dem Hotel zwei Fahrräder auf einen Fahrradträger geladen hat, beim Blick auf unsere Mopeds. „…ich habe meine Tochter gerade mit dem Auto abgeholt. Wir wollten eigentlich 80 Kilometer Fahrradfahren, aber das geht gar nicht. Bei dem Wetter.“ – „Wir haben keine Wahl.“ entgegne ich schulterzuckend. Und zuppele vor mir den Tankrucksack zurecht. „Wo musst du denn hin?“ will der verhinderte Radfahrer wissen. „A2, Dortmund.“ sage ich, und werde sofort auf die Sperrung der A2, ausgerechnet in Höhe der nächsten Auffahrt, hingewiesen. „Du musst in Burg auffahren! Anders geht‘s nicht.“ Google und ich haben das also auf dem Schirm. Und auf dem drücke ich jetzt: Navigation starten. Denn mir brennt vom kurzen Smalltalk der Helm. Fahrtwind muss her.
Auch Thom hat sich zurecht geruckelt. Dass er sich bei den weit über 30°, die uns gleich garen, gegen die dicke Mopedhose entschieden hat, beäuge ich skeptisch, bin aber auf die zu erwartende Durchlüftung auch ein bisschen neidisch. Dann fahren wir los. Ein letztes: „Ach, das war ne schöne Tour!“ und ein schon knarzendes: „Ja, das haben wir doch wieder gut hingekriegt!“ schaffen wir noch, dann trennt die größer werdende Distanz die Helmverbindung. Ab jetzt müssen wir irgendwie allein durch die Hitze und ich hoffe, dass Thom auch ohne mich reichlich Pausen ein- und das nasse Handtuch auf die glühende Hirse legt. Aber: der Kerl ist ja schon groß. Er wird wissen, was zu tun ist… Bloß, wenn Freunde, die man mag, aufm Moped sitzen, und man weiß davon, dann fährt mit denen auch immer ein kleines bisschen Sorge mit. Erst recht in Jeans. Bei Gluthitze. Wird schon gutgehen…
Ich habe mir vorgenommen, die Tour in 100km Schritte einzuteilen und den allergrößten Teil der Strecke auf der A2 zu verbringen. Da ist die Versorgung gesichert. Es ist Sonntag und es ist die schnellste und einfachste Art, zurück tief in den Westen zu gelangen. Ich starte mit 4:25h vor mir liegender Fahrzeit.
Als ich Burg erreiche und die A2 schon in greifbarer Nähe scheint, bremst mich eine geschlossene Bahnschranke. Also öffne ich den Helm, stelle den Motor aus und trinke einen Schluck. Und warte. Auf dem Gleis steht ein Güterzug. Kein gutes Zeichen, finde ich. Und auch andere Menschen finden das. Vor und hinter mir wenden die ersten Pkw. Auch ich werde langsam ungeduldig. Denn ich sitze auf einem heißen Motor unter einem schwarzen Helm in einer dicken Jacke in der prallen Sonne. Uff. Als ich feststelle, dass google maps in erreichbarer Nähe keine Brücke oder Unterführung kennt, hält neben mir ein sehr, sehr betagter Mann auf einer sehr, sehr betagten Simson. Meine Rettung? „Kennst du dich hier aus?“ frage ich betont freundlich: „Denn ich kenne mich überhaupt nicht aus und möchte zur Autobahn!“ – „Ja.“ sagt der Mann und lässt seine Simson wieder an. „Kannst du mir da rüber helfen? Auf die andere Seite?“ – „Ja.“ sagt er nochmal, wendet um mich herum, ruft: „Ich fahr schon mal vor.“ und knattert los. Ich schließe hektisch den Helm, mache das Handy fest, wende unbeholfen und hole ihn ein, als er gerade mit guten 65 einen Kindergarten passiert hat. Sportlich, denke ich, und folge ihm aus dem Ort heraus, auf die Landstraße. Und da fahren wir… und fahren… uuuund fahren. Er ganz rechts am Rand, immer knapp 70 auf der Uhr, Halbschalenhelm, weiße Socken, Birkis, ich versetzt dahinter. Und wir fahren… erreichen einen Ort, biegen einmal ab… und fahren und… naja, fahren. Inzwischen bin ich ein wenig unsicher, ob er verstanden hat, dass ich hoffe, er zeigt mir den Weg. Das Navi jedenfalls weiß nix vom blockierten Übergang und will mich pausenlos zum Wenden überreden. Nach einigen Minuten kommen erste Zweifel auf. Ich habe inzwischen Thom am Telefon, der kurz vor der ersten Pause ist und schon ein Drittel seines Heimweges bestritten haben dürfte. Ich bin inzwischen nicht mehr so sicher, ob ich gerade entführt werde oder der Mensch vor mir gar nicht mehr weiß, dass ich keine Stalkerin bin, sondern er mir den Weg weisen wollte. An der nächsten roten Ampel muss ich das klären. Die nächste rote Ampel ist auf dem Dorf allerdings schwer zu finden. Der Zufall will, dass eine kommt. Eine für Fußgänger. Die zeigt für uns zwar rot, aber die Abwesenheit von Fußgängern oder die Abgebrühtheit des Simsonfahrers oder beides macht, dass er keine Anstalten macht, auch nur kurz anzubremsen. Oha. Irgendwann allerdings, ein Dorf weiter, kommt er in einer Fahrzeugschlange zum Stehen. „Hilfst du mir wirklich über den Bahnübergang?“ frage ich, noch immer mit Thom im Helm. „Ja!“ sagt der Mann, aber das reicht mir nicht. Ich muss anders fragen: „Du wolltest mir ja helfen, den Weg zu finden…“ – „Wo willst du denn hin?“ unterbricht mich der Mann. Ja. Klasse. „Auf die A2! Nach Hannover!“ sage ich zu laut und zu deutlich. „Die ist gesperrt!“ sagt der Mann. Ja, na sowas. „Da musst du nach Burg fahren!“ – „Wir waren doch in Burg!“ erwidere ich leicht genervt. Da war doch der Bahnübergang blockiert. „Ja…“ sagt der Mann. „..in Burg.“ Dann: Schweigen.
Ich weiß nicht ob ich lachen oder weinen soll: „Ich muss auf die A2 – kannst du mir dabei jetzt helfen oder nicht?“ sage ich, jetzt wirklich zu laut und ein bisschen forsch, aber ich brauche die erste Pause. Und vor allem muss ich aus der Sonne. „Ja. Nach Burg musst du fahren… Da hättest du aber auch am Bahnübergang warten können!“ Ich entscheide mich für Lachen: „Was?? Aber ich dachte zu zeigst mir, wie ich das umfahren kann?!“ – „Du musst da hinten rechts. Da geht‘s nach Burg!“ Er zeigt quer über die Felder. Ich habe die Hoffnung verloren, setze noch einmal nach: „Ok, nach rechts abbiegen, was ist denn da ausgeschildert?“ Burg wird es nicht sein, denke ich, denn das war nicht da hinten rechts, da kommen noch mindesten drei Dörfer dazwischen. „Was da steht? Hm. Keine Ahnung. Musst du gucken, was da steht, wenn du abbiegst.“ Schulterzucken.
Ich bedanke mich, weil ich inzwischen nicht mehr weiß ob ich hier an den Dorfverrückten, den Dorfdementen oder den Dorftrottel geraten bin. Dann fahre ich los. Das Navi möchte mich beharrlich zu dem Bahnübergang zurück schicken. Um nicht dem nächsten Simsonfahrer zu begegnen entscheide ich mich, Gloria anzurufen und ihr meinen Standort freizugeben. In geduldigster Pfadfinderigkeit lotst sie mich über Schleichwege nach Burg und dann auch noch zur Tanke. @Glo: du bist die Beste! <3
Als ich getankt und den ersten Liter Wasser in mich hineingegossen habe ist seit meinem Aufbruch deutlich über eine Stunde vergangen. Thom hat den Heimweg halb geschafft. Ich bin noch nicht mal auf der Autobahn. Fantastisch.
Ich nehme meinen Mut zusammen, fahre vollgetankt und noch immer kopfschüttelnd am mehrere Kilometer langen Rückstau auf dem Weg auf die A2 vorbei. Die ist dann, bis auf einen kleinen Stau, durch den ich zum Glück vorsichtig filtern kann, um nicht von unten und oben bei inzwischen 37° Luft und erheblich höherer Mopedtemperatur geröstet zu werden, ganz nett zu mir.
Dann muss ich nur noch geradeaus. Das sollte ich schaffen, auch ohne dass mir ein Simsonfahrer hilft.
Zwei Liter Wasser, zwei Liter Cola, drei Eis, fünf Stunden und zwei Podcasts später fahre ich Zuhause von der A1 ab.
Meine Güte. Was n Tach. Fotos gibt es kaum. Das war heute wirklich nicht zu verlangen…



