Erste Hilfe

dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig – komm schon, so tot siehst du gar nicht aus sechsundzwanzig, siebenundzwanzig – außerdem waren wir ja wohl echt schnell bei dir, das kann doch jetzt nicht zu langsam gewesen sein.

Ich setzte kurz ab, während ein Mann, den ich nicht kenne, dir die Beatmungsmaske aufs Gesicht drückt und dich beatmet. Dann kommt wieder mein Part. So geht das schon ein paar Minuten. „Lass mal wechseln!“ unterbricht der andere Ersthelfer meine Gedanken. Er hat dir vorhin während der Herzdruckmassage die enge Motorradjacke ausgezogen, so gut es ging.

Hast du denn fliegen sehen?“ frage ich den Mann, der jetzt selbst ab und zu laut mitzählt, während er drückt. „Nein.“ sagt der kurz: „Aber die Beiden da hinten gehören zu dem hier, die sind hinter dem gefahren.“ 

Die Beiden da hinten sind genauso wie unser Schwerverletzter ungefähr Mitte 20 und tragen enge Motorradkleidung. Ich bitte meinen Kollegen, nach ihnen zu sehen. Zwar stehen sie aufrecht neben ihren Maschinen, aber offenbar gewaltig unter Schock. 

Es ist Sonntag, bestes Moppedwetter. Wir knien auf einer Bundesstraße, einige Kilometer außerorts, zwischen Maisfeldern und Weiden, die eigentlich viel zu friedlich wirken rund um dieses Trümmerfeld.

Der Autofahrer, der dich an der Einmündung übersehen haben muss, wird von zwei Anwohnern des nahen Reiterhofs betreut. Er begreift noch nichts von dem, was hier gerade passiert. 

In der Ferne hören wir Martinshorn, das nach großen roten Autos klingt. Wird Zeit, dass ihr kommt, denke ich, und biete dem Mann an, noch einmal zu tauschen und das Drücken zu übernehmen. „Kommt mir vor wie Stunden, was wir hier machen!“ sagt der, als er sich kurz aufrichten kann. „Bisschen müssen wir noch!“ sage ich, und zähle wieder.

Langsam baut sich um uns herum aus dem Chaos eine Unfallaufnahme und Patientenversorgung auf, als wir endlich von zwei Profis vom Rettungsdienst abgelöst werden.

Mein Ersterhelfer- Kollege und ich sind völlig geschafft. Mental und körperlich. Erst jetzt haben wir Gelegenheit uns kurz zu unterhalten.

Er ist ein Stück hinter den Motorrädern gefahren, hat den Unfall nicht gesehen, aber sofort gehalten. „Mutig, danke!“ sage ich in dem Wissen, dass es tatsächlich Menschen gegeben haben wird, die einfach weiter gefahren sind, durch die Trümmer deines Motorrades und vorbei an deinem leblosen Körper. „Eher selbstverständlich…“ sagt der Mann: „…ich studiere Medizin. Aber sowas hatte ich auch noch nie!“ – „Was denkst du, wie wir waren?“ will ich wissen, denn für mich war es auch die erste Reanimation. „Ganz gut, glaube ich…“ antwortet er schulterzuckend und fügt hinzu, dass sich das ja Ende zeigen wird.

Am Ende, so zeigt sich, konnten wir dir nicht mehr helfen.

Meine erste Reanimation war also erfolglos. Und obwohl der Notarzt mir versichert, dass es nicht an uns lag und von Beginn an nichts mehr zu retten gewesen sein dürfte bin ich an der Unfallstelle einige Zeit mit einer gewissen Schwere im Herzen vorbei gefahren. 

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