Schon zum zweiten Mal diese Szene: Ein Auto fährt vor auf dem Resthof mit Ferienwohnung gleich am Teich unter den Linden in Atzenhausen. Ein Mann steigt aus, öffnet die Haustür, begrüßt überschwänglich eine vor die Wand gelaufene, schwarze Fellwurst, die nur deshalb nicht wild mit dem Schwanz wedelt, weil da kein Schwanz ist am Ende dieses Tieres. Hund auf den Beifahrersitz und weg.
Apropos weg: Die Runde ohne Gepäck soll heute uns führen zu einem einschlägigen Treffpunkt der Motorradfahrer in der Region. Nichts für mich, eigentlich, aber es ist ja kein Wochenende und so dominieren die Fahrradfahrer in Hemeln im Lokal an der Weserfähre.
Und das ist eine Kneipe, wie es sie längst nicht mehr geben kann, alles atmet Geschichte, die Toiletten im Hof mit dem Leergut, die Holzstühle in den Räumen mit den getäfelten rauchgelben Wänden und wenn ein Bierkutscher sich im Garten unter den Bäumen mit einem Nachtwächter, einem Tuchmacher und einem Gerber um ein paar Taler gestritten hätte, es hätte mich nicht gewundert. Die Bedienungen, seit 40 Jahren im Beruf, seit 40 Jahren hier, mindestens, vom Gewicht der Tabletts gebeugt an den Schultern, bringen Wasser, Bier, Kartoffelsalat und Bockwurst an die Tische mit den gebräunt-muskulösen, neonfarbenen Aktivsenioren, die den Weserradweg bevölkern und an unseren auch.
Die Weser hinunter. Ein bisschen Bundesstraße, links Hessen, rechts Niedersachsen, dann enge Kurven, das Ziel eine Burgruine, die sich erhebt über einer Stadt, die von den Einwohnern aufgegeben scheint und erst wieder Reiz entfaltet als Modellbaulandschaft, so nämlich sieht sie aus vom Burgturm aus betrachtet. Zu dem sind wir gelangt in mutiger Steilfahrt und haben gefunden einen Parkplatz, wo es keinen gibt. Doch der Burgwächter ist milde von der Arbeit an Insektenhotels, die er verrichtet, um die Wartezeit auf Besucher zu verkürzen und eines unserer Nummernschilder ist Gesprächsanlass, weil: auch Burgwächter ursprünglich zuhause in der Gegend, die das Kennzeichen verrät und natürlich gut bekannt mit der Sippe meiner Begleiterin. Der Norddeutsche in mir erfährt ein zweites Mal auf dieser Tour, wie gesprächig Fremde miteinander werden können, wenn sie nicht aus dem Norden kommen.
Dann – Bundesstraße, rechts Hessen, links Niedersachsen bis Hann. Münden. Ein Flashback – hier war ich vor zwei Jahren schon auf einer Motorradtour – zweimal sogar – eine lange Geschichte, die abgekürzt lautet: mein Navi hatte mich Hops genommen. Und weil ich vor zwei Jahren wenig Gutes zu sagen hatte über diesen Ort, an dem Werra und Fulda zur Weser werden, angesichts von Tankstellen, die Barzahlung wollen und ein zu kleines Sortiment an Kabeln im Regal haben, stapfen wir diesmal eine Runde durch die Altstadt, analysieren Unfallspuren an Kleinwagen, kriegen Kaffee (draußen nur Kännchen!) und Schorle von einer jungen Frau mit Kinderhandschrift serviert und ich schwadroniere, als wäre ich gebildet, vom 30-jährigen Krieg, von Tilly und Kanonen und vielen Toten – wie gut, dass es Wikipedia gibt.
An dieser Stelle ist wieder eine Korrektur fällig: am Vortag sorgt – anders als in diesem Artikel beschrieben – Aenni dafür, dass wir nicht verhungern. Todesmutig durchquert sie den Supermarkt in Witzenhausen, ich darf draußen bleiben und rauchen und menschenscheu die Steine zählen auf dem Parkplatz und deshalb ist am Ende des gestrigen Tages alles gut.
Heute erst verpassen wir den letzten Supermarkt auf der Route, so dass ich am Abzweig, an dem sich Hochkultur und Malle-Schlager treffen – ausgeschildert sind: Stockhausen und Atzenhausen – noch einmal umdrehe und mich davon überzeugen darf, dass Hedemünden noch viel trauriger aussieht als jede andere Stadt, die wir bis dahin durchquert haben. Brötchen gibt’s erst in Witzenhausen, aber das ist nicht weit, wenn man über die Bundesstraße fliegt, und es gibt dort einen Bäcker mit Drive in.
Am Abend ermitteln schöne Menschen im Fernsehen, so dass die Begleiterin fast aus der Haut fährt angesichts der vorbeiflimmernden Karikatur von Polizeiarbeit, dann: Augen zu und Rainald Grebe setzt das am Vorabend angefangene Hongkong-Konzert fort, wieder ohne, dass ich das Ende erlebe.

Kommentar verfassen