Die Chefin dieser lebensbejahenden Veranstaltung namens aenni.online – und damit wissen Sie, dass hier gerade ein anderer schreibt – die Chefin jedenfalls hat gesagt, ich soll aber nicht so nett sein. Das ist bemerkenswert, denn das kommt selten vor, meistens ist es ihr lieber, wenn ich nett bin und „nett“ ist ja an sich nichts Schlechtes, selbst noch als kleine Schwester von Scheiße ist „nett“ irgendwie ok, aber es gibt Gründe.
Legen Sie also auf einiges von dem, was nun folgt, gern noch eine Schippe drauf, malen Sie sich Ort, Menschen, Ereignisse gern in dunkleren Farben aus, als dieser Gastbeitrag es tut, denn dem Schreibenden ist nicht nach Aufregung, wegen Urlaub und so und auch, weil manche Dinge fürs eigene Gewissen eben durch den Weichzeichner müssen. Zumindest, wenn zur Wahrheit dazu gehört, dass im konkreten Fall das Bedürfnis nach Frieden die Oberhand behalten hat, über den eigenen Widerspruchssgeist, auch wenn der einiges zu tun gehabt hätte. Keine Sorge, das erklärt sich später. Und vergessen Sie Chronologie – irgendwie werden Sie sich die Sache schon zusammenreimen.
So, genug Erwartungshaltung geweckt, worum gehts? Um eine Motorradfahrt als Überthema, das sollte klar sein, heute aber unter besonderer Berücksichtigung der Hitze und eines (Gruselstimme mit viel Hall): GEHEIMNISVOLLEN HOTELS.
Bei der Buchung schon ist klar: unsere Zimmer werden an das Ende der 90er Jahre erinnern, das Drumherum an die 2010er, aber in beiden Jahrzehnten hat jemand ins obere Regal gegriffen… sprich: das, was damals für ein Landhotel im Brandenburgischen oberer Standard war, findet sich hier, es gibt Appartements über zwei Etagen, Waschbecken, die wie edle Schalen auf den Waschtischen thronen, Balkons mit Teppich und Glasscheiben im Geländer, damit der Blick frei bleibt ins Grüne, dazu üppige, auf Bequemlichkeit und Komfort hin eingerichtete Wintergärten und draußen, da wo das Blätterdach großkroniger Bäume nicht hin reicht, Sonnensegel, die automatisch ein- und ausfahren.
Aus Gründen müssen wir trotz App telefonieren, um zu buchen – der Mann am Telefon drängt auf Barzahlung und freut sich über meinen deutschen Vornamen. Was wir in der App vorher gesehen haben und was uns dazu brachte wirklich gern dort übernachten zu wollen, war die Lage des Ladens an einem Kanal, mit einer Möglichkeit zu baden, was uns reizvoll schien, wussten wir doch, dass wir ankommen würden am Ende einer Reise mit 40 Grad im Schatten und einem besonderen Mangel an Schatten in den brandenburgischen Dörfern, deren Einwohner Bäume zu hassen scheinen, dass wir gefahren sein würden, dunkel gekleidet und mit Aggregaten zwischen den Beinen, die nicht umsonst „Verbrennungsmotoren“ genannt werden.
Schon am Morgen nach dem Abend im Grünen See stellt sich völlig überraschend heraus, dass der graue Schotter und das großflächig verlegte Pflaster, dass die ungedämmten Blockhütten und die nie gepflanzten Bäume, kurz, dass unsere Unterkunft nicht so wahnsinnig gut zu morgendliche Temperaturen von um die 28 Grad passt. Wer gern Wurst als warmen Brei isst und nichts lieber hat, als einen buchstäblich gekochten Hintern auf dem Motorradsitz, der mag an sowas Spaß haben, wir aber experimentieren nach dem Aufstehen hektisch mit nassen Handtüchern und suchen für die Mopeds Schattenplätze auf den zentimeterschmalen Kleinstrasenflächen, die – das wird man sich denken können – wiederum nicht so gut geeignet sind für Seiten- geschweige denn Hauptständer. (hihihihi… er hat Ständer gesagt!)
Dafür geht es dann auf den ersten Kilometern aber ganz gut, ein nasses Handtuch wirkt auch in den Pausen Wunder, vor allem in einem Dorf namens Horst, das mitten im Ort, neben den alten Feuerwehrschuppen, Baum, Schatten, Bank und ein sehr freundlich beschriebenes Gästebuch zu bieten hat und eine Schwengelpumpe auch und das dadurch insgesamt sehr sympathisch wirkt und selbst nach anderthalb Stunden Fahrt ist das Gemüse noch in Form. Überhaupt: Rohkost! Das viel unterschätzte Powerfood der Motorradreise! Ich hätte nie gelaubt, das so zu sagen, aber. Ist so. Ja. Kohlrabi! Paprika! Tomaten! Perfekt für eine Tour durch den Klimawandel.
Wie bitte?
Ach so.
Die Chefin sagt, ich soll das Eis nicht vergessen. Das sei auch ganz wunderbar geeignet für die bereits skizzierten Gegebenheiten, erst Recht, wenn es in einem Ort namens „Altes Lager“ in Spaghettiform auf den Tisch kommt, in einem Eiscafé, das seit 1988 existiert und in dem mit Freundlichkeit serviert und mit Humor abkassiert wird.
Na klar erwähne ich das noch. Ehrensache. Kaffee können die auch.
Bemerkenswert noch: eine üppige Ansammlung kleiner und kleinster Transportfahrzeuge allen Alters, die zu überholen wir nach dem Eis die Freude hatten. Offenbar waren wir Zeugen eines Treffens von Liebhabern dieser Gefährte, und diese Liebhaber, so sehen wir, meinen es so ernst, dass sich einige von ihnen unbehütet mit Warnwesten in die pralle Sonne stellen, um die Ausfahrt entsprechend zu lenken. Bitte mitsingen: 36 Grad und es wird noch heißer…
So heiß, dass es irgendwann besser ist, das Visier zu schließen. Kein Wind ist besser, als ein Fahrtwind, der brennt auf der Haut und in den Augen. Ampeln? Unerträglich. Wirklich unerträglich. Alles kocht.
Und dann sind wir da und sehen den Kanal und ein Hotel, das voller Schilder ist:
- Zur karierten Zirbelfichte (Name geändert)
- Nur für unsere Hotelgäste
- Nur zum Ein- und Ausladen
- Herzlich Willkommen!
- Betreten verboten (sinngemäß)
- Vereinsgelände, Verein Tri-Tra-Trullala „Malen mit Kartoffelsalat“ (Name geändert)
- Mir missfällt vieles in diesem Land (im Original ein Zitat eines berühmten Mannes, Schrifttype: Fraktur – Wortlaut geändert)
- diese Liegeschaukel ist toll, aber nichts für Kinder (sinngemäß)
- Ich finde öffentlich-rechtliche Medien nicht gut (Wortlaut geändert)
- Licht an und Fenster auf bringt Ihnen Viecher ins Zimmer (sinngemäß)
- Drehen Sie doch bitte die Heizung runter, wenn Sie gehen, wegen Klima (sinngemäß)
- Ins Klo gehört nur, was ins Klo gehört, weil wir eine Schmutzwasserpumpe haben, die sonst verstopft (sinngemäß)
- Der Kühlschrank ist für Dinge, die Sie kühlen möchten. (sinngemäß)
- Basenwasser
Wir checken ein und zahlen bar und fangen keinen Streit an, wegen Urlaub und so, auch nicht, als der Hotelier, Typ Preußischer Offizier, aber in müde, am Rezeptionscomputer Youtubevideos aus der Verschwörungsbubble laut macht und immer lauter, wenn einer vorbei geht. Als selbstermächtigende Geste hängt ein Aluhut am Kleiderständer.
Wir beziehen unsere Zimmer, gehen baden im Kanal, liegen auf Liegen, sitzen auf Sitzen, grüßen andere Gäste, erfreuen uns an einem Hund, schmunzeln über Männer, die sich laut ihre Prostata-Vorsorgeuntersuchungen beschreiben, wundern uns über die Mehl-Kompetenz am Nachbartisch, die zum Vorschein kommt, nachdem Essen geliefert wurde, Teigwaren inklusive, und wir dann so: darauf hätten wir auch kommen können, doch da war schon einer einkaufen gewesen und deshalb gibts im Restaurant-Ambiente am Kanal unter alten Bäumen, neben Schaukeln, die nicht für Kinder sind, unter Sonnensegeln, die sich automatisch ein- und ausrollen, unter Beobachtung lustiger Mitgäste und eines Hunds, an einem Ort, um den sich Hochzeitspaare aus ganz Berlin für ihre Feier reißen würden, Stulle mit Brot und Fertigsalat und Kefir und Russisch Ei aus dem Supermarkt, gegessen mit Campingbesteck. Und keiner findet das komisch.
War es genau genommen auch nicht. Denn auf den zweiten Blick war alles hier dann doch längst nicht mehr so schick, wie es klassische Brautpaare bräuchten, viele Möbel abnutzt, die Teppiche auf den Balkonen durchscheinend längst und abgetreten, die Korbmöbel mit Tape geflickt, der gute Holzsteg zum Badeponton improvisiert mit Metallgitter belegt, die Zimmer, die Flure und Schließsysteme 90er, wie gesagt, die Beete, der Rasen, die Sträucher zwar nicht sich selbst überlassen, aber doch merklich ungepflegter, als es wohl früher – mutmaßlich vor Corona – hier üblich war.
Das Frühstücksbüfett (um kurz vorzugreifen auf den kommenden Morgen) war für uns völlig ok, aber für die Hotel-Liga, in der hier offenbar einst gespielt wurde: übersichtlich.
Am späten Abend, nach einem Regenschauer über uns, nach Blitz und Donner in der Ferne, dringen durch offene Zimmerfenster Gesprächfetzen in den Hotelhof, Jugendherbergsstimmung, aber mit erwachsener Klientel. Schließlich gibts Bier im Kuhlschrank neben der Rezeption, jeder schreibt auf, was er hatte und zahlt hinterher selbstständig.
Und beim Lauschen in die Stimmen im Hof immer der Versuch, aus dem Inhalt eine Antwort auf die Frage zu finden: Sind die, die da plaudern, so wie wir in etwas hinein geraten, oder teilen die anderen Gäste die weltanschaulichen Merkwürdigkeiten, die hier so aufdringlich zur Schau gestellt werden? Esoterik und Verschwörungsglaube… alle an Bord? Und wenn wir hier unser Geld lassen… dann unterstützen wir ja den Laden. Doof. Aber: Hätten wir weiter fahren sollen, bei 40 Grad, nach vier Stunden Anfahrt, weiter in eine noch ungefundene Herberge ohne Kanal und die Aussicht auf ein Bad? Es ergeht der Beschluss: Situation nicht optimal, aber: Entscheidung zu bleiben angesichts der Umstände vertretbar.
Das Internet übrigens weiß: Der Verein, der laut Schild das Gelände nutzt, bietet allerlei an, von dem ich sagen würde: muss man dran glauben. Und selbst wenn man dran glaubt… das ist nichts für arme Leute. Neben Angeboten gemäß des Vereinsnamens Tri-Tra-Trullala „Malen mit Kartoffelsalat“ (Name geändert) gibt es für knapp 1.000 Euro drei Tage „Innere Einkehr mit Maulwürfen“ – mit „Maulwurfsbegegnungen auf Augenhöhe“. Eigener Maulwurf kann gegen Unterbringungsgebühr mitgebracht werden. (Aus Gründen der Anonymisierung verzichte ich auf Originalzitate und biete Ihnen stattdessen hier meine von der Realität abweichende Version dessen, was da so feilgeboten wird, aber das haben Sie auch so bemerkt, oder?)
Und in Wahrheit ist auch das schon ein Vorgriff auf den kommenden Tag. Da erst googeln wir den Verein, während wir in schwäbischer Mundart befrühstückt werden. Schließlich werden wir mit Uff und Puuuuh und Ächz und Stöhn die Koffer und Taschen packen und in unterschiedliche Richtungen in den letzten Reisetag fahren.







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