„Pommes!“ – antwortet Tina blitzschnell auf Peters Frage, ob es denn wenigstens eine Belohnung gibt, wenn man einen Labcache fertig hat. Er fragt natürlich nicht nach einem Labcache, er fragt, was man bekommt, wenn man „das hier“ fertig hat. Vermutlich meint er mit „das“ aber sowas wie „das sinnlose Gelatsche“ – er sagt es bloß freundlich. Danke dafür an dieser Stelle. Wir arbeiten uns am Wasserdings auf dem Marktplatz vorbei zu einer Kirche, die mir weniger in Erinnerung bleiben wird als die Brücke davor, deren Pfeiler jeweils von einem Bronzeschwein besetzt werden. Wissende Vorbeigehende kraulen, je nach Schweinchenposition, kurz Bauch oder Ohr, ehe sie ihren Weg fortsetzen. Auf der Suche nach der Sage, derentwegen hier Schweinebäuche auf Hochglanz geschubbert werden, stoße ich auf das Baujahr der Brücke. 1994. Entweder ich bin so alt, dass ich schon 11 war, als Sagen entstanden, oder der Schweinebrückensouvenirladenbesitzer schräg gegenüber hat wirklich ein erschreckend gutes Marketing. In jedem Fall hat er 2,50 Euro mehr im Sparschein. Ich habe einen Schweinepridemagneten gekauft.
Mit zwei Kugeln Eis im Bauch, Schweinemagnet in der Tasche und gelöstem Labcache im Handy gehen wir nach einer netten Runde durch Altstadt und Hafen zum Auto zurück. Die beim Blick aufs Regenradar entstandene Idee, dem Wetter in Richtung Norden auszuweichen, weil Petrus offenbar beschlossen hat, den Schweriner See heute mal ordentlich aufzufüllen, ist absolut aufgegangen.
Am Abend brausen (bzw. E-Biken) wir dann am Schloss vorbei in Richtung Pommes. Dazu soll es ein Schnitzel werden, in das ein Schweriner Schnitzelbräter zu Peters Zufriedenheit Chorizo und Käse gefüllt hat. Tina und ich entscheiden uns für Burger und Pommes. Die Bedienung entscheidet sich, Tinas zweites Getränk erst zur Rechnung zu servieren und anschließend entscheiden wir uns, noch kurz am Marktplatz vorbei zu brausen, wo ein Sänger sich dazu entschieden hat, sich die Bühne mit einem lebensgroßen Einhorn und einem Hahn zu teilen. Welche abendliche Entscheidung die verrückteste war, bemisst bitte jeder und jede von euch für sich.
Das ist dann auch der Zeitpunkt, an dem wir den Rückzug antreten. Am Schloss ist schon die Kitschbeleuchtung an, über dem See verziehen sich die letzten freundlichen Wolken des Tages. Wir setzen uns (warum auch immer) statt aufs Sofa auch heute Abend wieder an den Esstisch der Ferienwohnung, über dem die dimmbare Lampe alle paar Minuten langsam aber stetig eigenständig zu dimmen beginnt. Also: aus geht. Vielleicht ein Zeichen, dass auch wir diesen Tag langsam beenden sollten.
Gestern übrigens lief der Tag recht ähnlich ab. Allerdings war der Ausflug nach Wismar da ein Ausflug nach Schwerin, anstelle von Schnitzel und der Burger befanden sich auf dem Ferienwohnungstisch die Reste des unsterblichen Nudelsalates und als die Lampe friedlich in den selbstbestimmten Feierabend überging, zockte mich Tina im Schummerlicht mehrfach knapp in Rummikub ab, während wir uns nicht sicher waren, ob Peters Actionfilm nebendran evtl morgen (das ist heute) zu Schlagzeilen á la: „Heftige Explosionen in Ostorf – Rummikubpartie wegen starker Erschütterungen mehrmals unterbrochen. Keine Schweriner unter den Opfern“ führen würde. Ich habe mich nicht getraut, in die Zeitung zu schauen, aber wer auch immer bschlossen hat, dass Actionszenen die etwa 24fache Lautstärke des übrigen Films haben, dem möge fortan das Kopfkissen immer auf beiden Seiten warm und die Ärmelbündchen immer ein wenig feucht sein.
Hach. Sumpfzypresschen und die mehr als sieben ZwergeHach.Winkel: weitHab kurz gedacht, die Radtour sei eskaliert.Markt.Hach.Füsch.Eis. mit eine WENIG Eierlikör.Tisch. Noch nicht erschüttert.Wismarer Prideschwein.Zwischenstopp an der FeWoNoch mal los zum Essen am abendlich leuchtenden Sc
Heute: Schwerin. Nachdem gestern auf dem Weg zum Einkaufen nur ein mühsamer Blick aus dem Autofenster in Richtung Schlosspark drin war, wollen wir heute auch das Schloss sehen. Wir, das sind zwei Schweriner Erstbesuchende und ich, die gerade überlegt, wie oft sie schon am See entlang in Richtung Schloss geradelt sein mag. Das Handy weiß es vermutlich. Und ältere Lesende auch. Ich scheitere daran, die Kurzbesuche mitgerechnet, die Schlossblicke an einer Hand abzuzählen. Einmal dachte ich ja, ich sei fertig mit diesem großen Dorf. Aber man muss auch einsehen, wenn man sich getäuscht hat. Hatte ich offenbar damals. Denn auch heute freue ich mich, als zwischen den Bäumen des Schlossparks vor grauem Himmel die goldenen Spitzen erscheinen. Wenn jetzt auch noch die Sonne rauskäme, ich wäre fast ein bisschen sauer, wie hübsch das alles schon wieder ist. Aber dass ich aus irgendwelchen Gründen dieses See-Schloss-Park-Museums-Fuzo-Marstall-Noch-N-See-Waffel-Noch-N-See-Ensemble (Einheimische lesen das bitte laut vor) auch bei Regen nicht hässlich finden kann, hatte ich ja vor Jahren schon hier festgestellt.
Wir gehen einen Runde an der Schwimmenden Wiese vorbei zum Schloss, haben auch beim Spaziergang drumrum sogar das Glück, trocken zu bleiben und schaffen es mit nur einem kleinen Schauer bis zu einem Café mit Waffeln, die sich zu Peters Erschüttern in der Karte als zucker-und weizenfrei herausstellen. Ist das überhaupt erlaubt? Regen, Dinkel… was noch, Schwerin? Was noch? Auch bei Tina kommt die fluffige Dinkelhaftigkeit des Gebäcks nur begrenzt an. Ich vermute allerdings, wer sich eine Waffel mit Rhabarber bestellt und im Übrigen die fiesen eckigen braunen Klötze aus der Haribo-Colorado-Mischung am liebsten mag, sollte mit Urteilen über den Geschmack von Süßspeisen eher zurückhaltend sein. Aber da mag ich auf Widerspruch stoßen…
Ich versuche, die Neubesucher auf dem Rückweg zur Ferienwohnung mit einem Blick von Adebors Näs über den Schweriner See wieder auf meine Seite zu bringen. Adebors Näs dürfte, wenn ich nicht ganz falsch liege, sowas wie „Storchenschnabel“ bedeuten. Jedenfalls führt hier, ein ganzes Stück vom Schloss entfernt, ein langer schmaler Hozsteg über moorigen Boden durch hohe Ufergräser ans Wasser und man kann, wenn nicht gerade Sonntag ist und da Menschen sind, eigentlich ganz nett sitzen und gucken. Aber Sitzen und Gucken ist hier heute offenbar nicht gefragt, denn erstens ist Sonntag und hier sind Menschen und zweitens gucken die die Gräser hier nicht nur an sondern konsumieren auch welche, was beim Sitzen und Gucken zu einer gewissen Geruchsbelästigung zum Nachteil der Mitreisenden geführt hätte. Bei der anschließenden Diskussion merke ich an, dass Kiffer im Gegensatz zu Trinkern nach meiner Erfahrung immerhin am Ende des Tags friedlich ihrer Wege ziehen und man, was den Job angeht, erstmal keinen Ärger und mehr oder niger neuerdings ja auch sonst keine Baustelle mehr hat, kommen wir auf keinen grünen Zweig. Immerhin schaffen wir es aber trotz Adebors Umweg noch trocken in die Ferienwohnung zurück.
Tina zieht mir beim Monopoly Deal die Millionen aus der Tasche. Ich ergebe mich meinem Schicksal, zahle bis zum Bankrott und tröste mich mit dem Gedanken, gleich eine unvernünftig große Portion Nudelsalat von gestern zu essen.
Als Peter anschließend versucht, mich argumentativ mit der Qualität einer Netflixserie zu überzeugen gelingt es mir zwar nicht, ihm plausibel zu erklären, dass mit mir keine Folge zu gucken sein wird, ich werde aus dem Thema aber irgendwann an mein iPad entlassen. Wer auch immer schon versucht hat, mit mir zusammen Fiction außerhalb von Comedy und oder einem Tatort zu gucken, wird wissen, dass mein Griff zum iPad für Alle das Beste war. Außerdem hab ich das Ende der Serie, die jetzt gerade in diesem Moment schräg neben mir läuft, schon lange gegoogelt. Die Zeit, das zu gucken könnten die Beiden sich demnach eigentlich sparen. Wartet, ich rufe kurz rüber… „Samma: Wisst ihr eigentlich, was die in der Seniorenresidenz wirklich ge…“ – ah, nee, vielleicht lieber nicht… Wer die braunen Hariboklötze mag, dem ist schließlich alles zuzutrauen…
Schloss. Noch da. Ein Rahmen hat noch keinem Bild geschadet. Schüff.9,99km – die 10m hätte ich auch noch gehen sollen… naja…Wenn DAS deine Lieblings sind, dann… geh halt zum Arzt 😉 Der Mann im Fernsehen guckt so gruselig, während ich hier tippe.
Die zweite Etappe auf dem Weg in Richtung Schwerin wird ein wenig kürzer. Entsprechend entspannt kann der Tag bei einem Hotelfrühstück starten, dass wir sogar fast draußen in der Sonne gegessen hätten, denn im Gegensatz zu gestern guckt heute keine Wolke grimmig auf uns runter.
Ich tippe auf der Hotelterrasse zwischen Kloster und Hochzeitsgesellschaft den ersten Text, klemme die Taschen ans Moped und natürlich brauchen wir auch an Tag zwei gute 15 Minuten, um die Helme miteinander zu verbinden. Nach einigen Neustarts beider Helme und der dazugehörigen Apps stellt sich raus, dass es an der Insta360 liegt, die die Verbindung zum Helm wohl gern exklusiv für sich hätte. Irgendwann läufts dann. Die Sprachqualiät allerdings erinnert heute gewaltig an eine Deutsche Bahn Durchsage aus den 90ern. Bzw. ehrlicherweise: eher an einen durchfahrenden Güterzug. Wir leben damit. Was bleibt uns übrig…
Zum auch heute natürlich pflichtgemäß geplanten Zwischenstopp treffen wir Tina unmittelbar nach der Überquerung der Elbe in Dömitz. In der Sonne erreicht uns hier das erste Softeis der Reise. Es wird nicht das letzte sein, hoffe ich. Auch wenn ich nicht der größte „DDR Softeis“ Fan bin, gehört es zu einem Ausflug nach MV irgendwie dazu, wenn man die Touristenpflichten halbwegs ernst nimmt.
An der Ferienwohnung im Viertel der Besserverdienenden parken wir die Mopeds im Carport zwischen zwei Mercedes und einem SUP Board und Tina hat dem Vermieter inzwischen auch wieder verziehen, dass er ihr jovial angeboten hatte, mal eben ihr Auto rückwärts für sie in die Einfahrt zu bugsieren. Das Gesicht und die sicherlich na-hömma-mäßig in die Hüften gestemmten Arme hätte ich gern gesehen. Er scheint verstanden zu haben und erklärt kurz darauf seiner Frau, dass es entgegen ihrer Vermtung gar nicht nötig sei, den Hof großflächig frei zu machen, Tina kriege das mit dem rückwärtsfahren sicher hin. Habe sie ja auch eben schon.
Anschließend erklärt uns der Herr des Hauses alles bis zur kleinsten Gewürzschublade (von der ich seit dem Autofahr-Mansplaining-Move gar nicht mehr so sicher bin, ob er sie vor seinem Auszug aus der jetzigen Ferienwohnung je von innen gesehen hat… und schickt, obwohl ich mehrmals drauf hingewiesen habe, dort schon mehrmals vorbeigeradelt zu sein als ich in Raben Steinfeld mein Campingquartier mit dem Bulli aufgeschlagen hatte, eine Anfahrtsbeschreibung zum Strand in Zippendorf. Streng genommen kann man da nicht viel falschmachen, solange man Schwerins größten See findet und es dann schafft, nicht rein- sondern rechterhand dran längs zu radeln. Aber mit einem Hinweis eines Schweriners wird es gleich noch einfacher sein…
Den Weg zum Einkauf erklärt er uns natürlich auch. Mit dem Fahrrad. Wir allerdings fahren mit dem Auto hin. Der Einkauf selbst eskaliert komplett. Und zu den vier Packungen Müsliriegel, die Tina eh angeschleppt hatte, kommt noch ein Einkaufswagen voller Sachen, die wir zu einem Nudelsalat in Mannschaftsgröße verarbeiten. Dagegen, dass wir also die nächsten Tage einen Bottich Nudelsalat im Kühlschrank haben werden, kann auch der Schweriner aus der Nachbarschaft, der am Abend noch zu Besuch kommt, nichts ausrichten.
Im Gegensatz zum Vermieter erzählt er uns über seine Heimat Dinge, die gerade thematisch passend, hilfreich und interessant sind. Danach halte ich tapfer bei der zweiten Halbzeit des letzten deutschen WM-Testspiels meine müden Augen offen. Angesichts der Bildqualität und der Trikots hätte es auch die WM 1994 sein können. Allein daran, dass zwischendurch kein Schmählied über Berti lief und dass nirgends ein ausgewechselter Spieler einen Mittelfinger zeigte, war zu erkennen, dass es evtl doch nicht die olle Kamelle von damals war. Angst vor Jordan Letschkow muss also dieses Jahr hoffentlich niemand haben…
„Oh. Hattest du ne Panne?“ – ist angesichts meiner gelben Leuchtweste Peters erste Frage, als er hinter mir anhält und den Helm abnimmt. „Haa-Haa.“ denke ich. Und sage es vielleicht auch. Je nachdem, was das Wetter in den nächsten Stunden mit uns vorhat ist es mir allerdings lieber, weird zu leuchten und vielleicht in letzter Sekunde gesehen zu werden als nicht zu leuchten und weird in irgendeiner Einmündung zu liegen. Außerdem sehe ich die Weste ja als Einzige nicht. Glück für mich.
Als wir nach nur ungefähr 37 erfolglosen Versuchen dann irgendwann unsere Helme miteinander verbunden haben schnaube ich das erste: „Öff!“ ins Interkom, klettere aufs Motorrad und wir biegen ab, in Richtung Hagen. Gar nicht mal so schön hier. Das Navi lotst uns durch Haspe und am Bahnhof vorbei durch Wehringhausen, als wollte es uns noch überzeugen, wirklich hier weg zu fahren. Machen wir doch eh. Die Abstände zwischen den Ampeln werden länger. Die Autos werden teurer, die Landschaft weiter. Wir verlassen bekannte Ecken und Landkreise und gurken, immer mal wieder den Blick kritisch auf die griesgrämigen Wolken über uns gerichtet, in recht gerader Linie nach Nordosten. An einem Café legen wir einen Stopp ein, wie es das Motorradreisegesetz vorsieht, dann machen wir wieder ein bisschen Meter und beschließen, auch wie es das Gesetz will, dass wir gleich aber wirklich noch mal kurz absteigen. Gleich, wenn sich ein Spot anbietet. Und der kommt natürlich nicht. Und wir fahren einfach, bis auf einen Tankstopp, durch. Ich bin ganz froh, dass ich ab und an einen Schluck Wasser aus dem neuen Tankrucksack schlürfen kann, würdelos, durch den Schlauch, wie man das als Trinkblasenbesitzer eben tut. Die ersten 20cm Wasser sind dann immer warm, bevor es dann erfrischend schmeckt.
Immerhin ist die Wolke bislang noch nicht erfrischend. Erst kurz vor Erreichen des Tagesziels macht sie für ein paar Minuten halbwegs ernst. Wenn das allerdings alles an Regen war, waren es ungefähr 2% von dem, was ich für die Anreise befürchtet hatte. Ich bin allerdings, was den Weg hierher betrifft, auch gebranntes Kind. Oder besser: gebadetes. Ältere Leser erinnern sich an meinen Weg an Celle vorbei mit neuem Tattoo vor ein paar Jahren. Damals war unterwegs nicht klar, ob man blinken oder ein Typhon tröten muss, wenn man von einem Kanal auf den anderen rudert.
Als wir am Hotel am Kloster in Wienhausen einparken empfängt uns Tina in ihrer Funktion als weltbeste Touristeninformation winkend an der Einfahrt. Die gut zwei Stunden Vorsprung scheint sie genutzt zu haben, um sowohl in die Klostergeschichte als auch in die Hausordnung des Hotels abgetaucht zu sein. Parkplatz? Da müssen wir hier einmal rum, hinter Haus 1, neben der Tür, rechts oder links. Dann parkt sie gleich noch so rückwärts nebenan, dass, wenn Feueralarm wäre, die Hotelmitarbeiterin alle gut noch in Sicherheit bringe könnte. Es folgen die Infos zu Frühstückszeit, der Tisch für den Abend im Restaurant nebenan ist natürlich reserviert und auch die anschließende Verdauungsrunde am Kloster enthält alle wichtigen Infos zu Geschichte, Sehenswürdigkeit, Qualität des Spaghettieises, Bank mit Aussicht und Wanderrast am Kircheneingang. Wenn ihr fragen habt, kann ich Kontakt herstellen…
Die aufmerksame Leserin hat schon längst bemerkt, dass ich hintenraus nachlässig geworden bin, was die Dokumentation des Frankreichurlaubs anging. Nicht aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit. Es war die Faulheit, die mich abhielt, euch zu berichten, von den letzten Stopps. Und ein bisschen auch die Tatsache, dass ich genervt war, von der ewigen Suche nach der Wolkenlücke auf dem Regenradar bei der Auswahl des nächsten Ziels.
Reiten wir also im Eselstrab zügig, aber nicht übereilt, durch die Aufzeichnungen meines Tagebuchs und werten gemeinsam aus, was da noch so war…
Lac du Der
Auf dem Weg weiter nach Norden, zu einem Camping, von dem ich euch gleich auch definitiv noch zu berichten haben werde, machen wir bei herrlicher Sonne einen ausflugsartigen Zwischenstopp an einem der vielen Seen, die Frankreich hier, in seiner Mitte (naja, da haben die ja viel von, aber hier ist auf jeden Fall auch eine) bereithält.
Als wir uns an der Karte langsam ran zoomen, an den Lac, stellt sich bald heraus, dass das hier keine entspannte Spazierrunde um den See werden könnte. Wer deutsche Zoomverhältnise gewöhnt ist, vermutet das beim Blick auf die Karte vielleicht. Im Größenvergleich zu Frankreichs Mitte ist das hier ein normalgroßer See. Im Vergleich zur Hunderunde allerdings sind es mehrere Tagesritte.
Also lassen wir uns von kommot einen machbaren Ausflug planen, finden bald heraus, dass das hier Frankreichs größter Stausee zu sein scheint, besuchen die beim Stauseebau errichtete Kirche und staunen über das Kirchenfenster, das in Gedenken an die im See versenkten Dörfer eine Giraffe ziert, die am Seegrund im ehemaligen stehend ihren Kopf im Gegensatz zu allen anderen noch aus dem Wasser zu recken in der Lage ist.
Wir peilen Pommes an, müssen dazu über eine (wie ich, wieder vollends von meinen Fußgängerbrücken Erfahrungsgrößen ausgedribbelt die Seegröße verkennend) für eher kurz gehalten hatte, die sich aber dann als Metallgitterkonstruktion erweist, auf die verständlicherweise der Hund nicht eine Pfote zu setzen bereit ist. Der Hund natürlich, der bei der Giraffenkirche noch seine untere Hälfte in den See getunkt hatte. Bei der 10minütigen Brückenquerung kühlt also nun Ivos feuchte Plauze meine bislang trockene. Aber was tut man nicht alles für seinen kleinen Hausmeister…
Auf dem Rückweg nah der feine Herr Fifi dann auf meiner rechten Schulter platz, was mir ein bisschen erleichterte Trageverhältnisse und ihm die Option verschaffte, sich mit seinem linken Hinterbein auf meinem Rücken festzukrallen.
Camping Le Colombier
Auf dem Weg zum Campingplatz fuhren wir dann durch eine Landschaft, die sehr an die Eifel erinnert, allerdings mit dem Unterschied, dass das Fachwerk hellbraun ist, die urigen Straßendörfchen winzig sind und jede Milchkanne hier ein eigenes kleines Rathaus hat.
Irgendwann wird die Landschaft weiter, wir passieren einen enormen Militärstandort und parken ein paar Kilometer weiter den Brummi an der Einfahrt einer keinen Festung, die offenbar unser Campingplatz sein soll. Hinter den Mauern verschwindet Glo zu einem etwa 20minütigen Eincheckvorgang, bei dem ihr der Platz, die Schlappenpflicht im Sanitär, die Sehenswürdigkeiten der Gegend und alles darüber hinaus erläutert werden. Dann suchen wir zu Fuß einen Platz aus, finden einen ohne Nachbarn im Halbschatten und die Masse Schranke öffnet sich. Wenn alle Campingplatzbetreiber sich nur halb so viel Mühe gäben wie dieser hier, wäre die Welt eine deutlich bessere.
Auch hier haben wir uns in Sachen See verschätzt, was die Entfernung zum Ufer und die Größe des Gewässers betrifft, aber immerhin schaffen wir es an zweiten Tag unter die Bäume am Ufer, um dort mehreren Jetskifahrern zu lauschen, die die eh viel zu herrliche Ruhe mit ihren monströsen Maschinen zum Glück ein bisschen unterbrechen. Wir spielen ein paar Runden Quixx auf einer Picknickbank und schaffen es angemessen hungrig an den heimischen Grill zurück. Ich will nicht sagen, wir seien primitive Esserinnen, aber Bratkartoffeln mit Bratwurststücken und Baguette mit Humus tragen uns recht verlässlich durch diese Reise.
Um die kulinarische Erfahrung vollends abzurunden entscheide ich mich für ein Twister Eis aus dem Campingshop und packe zufrieden am Abend die Küche und die Sitzgelegenheiten wieder ins Auto. Morgen geht es weiter. Über Nacht soll es Regnen. Die Regeln des Urlaubs gelten für alle Stationen…
Calais
Das Regenradar verspricht für die kommenden Tage nur für wenige Abschnitte der Küste ein wenig Hoffnung auf Sonne. Also gurken wir schon wieder einige hundert Kilometer nach Norden. Die Eifeligkeit der Landschaft nimmt langsam ab, bis wir irgendwann in Calais auf einen Platz fahren, der mit dem letzten bis auf den Zweck des Übernachten wenig gemeinsam hat. Die Frau am Empfang hat keine Lust auf irgendeine Art von Erklärung. Der Flyer mahnt, dass „Abflüge“ bis maximal 12 Uhr zu erfolgen haben und auch sonst ist das hier alles eher ein nett parzellierter Parkplatz mit okayem Sanitär.
Hinter dem Zaun und einem kleinen Wohngebiet stehen wir dann plötzlich am Meer. Nach London wäre es jetzt näher als nach Hause. Leider haben wir gerade weder Kahn noch Reisepass, also entscheiden wir uns, den Urlaub hier zwei Tage ausklingen zu lassen und dann scharf nach Osten abzubiegen.
Calais hält, was eine Gebrauchs-Stadt verspricht. Alles hier dient dazu, dass Menschen auf Fähren oder in Tunneln auf eine Insel kommen. Der Stadtkern hat weitestgehend keine Lust auf Kundschaft und schließt seine Geschäfte, wenn Menschen dort etwas zu kaufen drohen. Die meisten Cafés und Restaurants fallen deshalb aus. Mit Ach und Krach gelingt es uns, einen Magneten in der Touristeninfo zu kaufen. Der anschließende Cappuccino erweist sich als lauwarmer Milchkaffee mit Sprühsahne. Immerhin gibt diese „Stadt“ ein stimmiges Bild ab. Als wir uns im Einkaufscenter vor dem Regen verkriechen wollen stellt sich raus, dass der Hund nicht mit rein darf. Dass er daraufhin seinen Mageninhalt vor den Haupteingang ausleert, finde ich übertrieben. Aber muss er selbst wissen. Glo sucht in dem Center dann eine Toilette, findet aber nur einen Viererzug Nationalgardisten in urbanem Flecktarn an den Schaufenstern entlang Streife gehen, dass es jedem Taschendieb Angst und Bange wird. Der Jüngste in der Runde sieht ernsthaft aus, als sei er noch gar nicht volljährig und müsste in Helm und Sturmgewehr erst noch reinwachsen. Aber die anderen drei haben ausreichend trainiert, um den kleinen sicher wieder nach Hause zu tragen.
Pudelnass kommen wir am frühen Abend zum Auto zurück und müssen die seltsamen Eindrücke erstmal verarbeiten.
Am nächsten Tag also geht es nach Hause, obwohl noch ein paar Urlaubstage übrig sind. Aber meine Laune hat einen Wasserschaden und ich bin ganz dankbar, dass Glo damit leben kann, die nächsten Tage bei mir in der Heimat zu verbringen, wo wir aus einer festen Unterkunft mit trocken erreichbarem Klo heraus noch einen Ausflug ins Centro planen, ein Krimispiel lösen und einfach ein bisschen sitzen.
Calais kann Küste. Guck. Calais kann aber kein‘ Cappuccino. Rathaus Calais. Als hätte jemand beim Legobauen noch Steine übrig gehabt.Grau. Regenwettergesicht.Muss man tragen können.Apéro. Sonne tanken, solange sie da ist.Schlaue Stunde im Brummikino.Eifel. Hochskaliert.Eis essen. Urlaubspflicht.Sitzen. auch Urlaubspflicht.Festung-Er wird mit jedem Meter ein Kilo schwerer.Wir sind so anspruchslos. Ich lieb’s.Hund. Diffundiert in Schoß.Hm?Aufbruch aus dem AirBnB.
Ohne Magnet, ohne Yousef und im Regen lassen wir das AirBnB hinter uns. Dem Wetter zu entkommen ist heute mal wieder unsere Mission. Damit die Menschen angesichts der Fotos nachher sagen, dass wir ja Glück hatten mit dem Wetter. Hatten wir dann mal wieder nicht, aber wir hatten einen Brummi und Sprit im Tank und ein Regenradar. Und sind immer rechtzeitig weitergezogen, wenn es möglich war.
Heute ist es möglich. Wir ziehen weiter nach Wassy. Falls sich jemand fragt, wo das ist: keine Ahnung. Nördlich von Mâcon, da wo das Regenradar eine Lücke hat. Der Platz fühlt sich an wie eine Park-Anlage. Gegenüber eines kleinen Spielplatzes und neben dem gepflegten Sanitär stülpen wir dem Brummi die Regenhaube über und verkriechen uns. Ab und zu zieht Glo mich bei Dizzle ab. Dann geht Hund mit uns eine kleine Runde. Dann sitzen wir wieder. Es passiert so wenig, dass ich noch nicht mal die Kamera aus ihrem Versteck ziehe. Die Gegend ist so herrlich langweilig, dass sie zu filmen zu aufregend wäre. „Hier verläuft man sich nicht hin, hierfür muss man sich entscheiden“ fasst Glo passend zusammen. und dann sitzen wir wieder. Und wischen über die Displays, auf der Suche nach der nächsten Wolkenlücke im Regenradar, die uns den nächsten Stopp verheisst. Und die Abende enden mit der Buskinopremiere des Jahres. Die Bergretter in der BR Doku sind in höchster Not. Wir legen die Füße hoch, bewundern ihre Arbeit und essen unser kleines Apéro, auf das heute nur ein schlichter Nudelsalat folgt. Nudeln. Und Pesto. Genau die Aufregung an Mahlzeit, die uns heute noch zuzumuten ist.
Camping du Buisson. Apéro-Abendessens-SituationBuskino <3Es ist ein Shrimp. <3Sehr viel Buisson hier. Wir haben hier nicht nur gegessen. WirklichKraulz und DizzleAwwww. Noch n Aaaawww
Es sei sein letzter Anruf, sagt Yousef, und, dass er uns alles Gute wünscht. Glo bedankt sich freundlich. Schade, dass unsere kurze Telefonfreundschaft mit dem sehr bemühten AirBnB-Kundenbetreuer schon wieder endet.
Klar, so ein AirBnB hat Vorteile, wenn man sich ein paar Tage vor dem Regen verkriechen mag. Es gibt eine Küche, die man nicht draußen auf dem hohen Tisch neben dem kleinen Tisch neben den Klappstühlen aufbauen muss. Es gibt eine Dusche, die man in weniger als einem Tagesritt erreicht und es gibt ein Sofa, auf dem man die Füße hochlegen und im Fernsehen ein bisschen Quatsch gucken kann. Und zwischendurch gibt es Sandwiches.
« Ah, nooon! The pömp does not work, but… » Der Mann an der Kasse zuckt die schmalen Franzosenschultern « … you can buy here! » . Mit den Händen formt er einen Quader vor seiner Brust. „Non, merci, I‘m fine!“ seufze ich in meinem gepflegtesten Frenglisch, während ich schon wieder in Richtung Tür stapfe. Glo sieht schon aus der Ferne, dass ich wohl erfolglos war. An dieser Rastanlage kriegen wir wohl kein AdBlue. Ich habe mindestens zehnmal den kleinen Rüssel in den Bulli gefriemelt und dabei versucht, möglichst wenig dieser fiesen weißen Kristalle abzugrabbeln, die an der Zapfpistole gerne mal festpappen. An der hier ging es sogar.
Dieses Jahr setzt die gepflegte Verwahrlosung erfreulich schnell ein, finden wir. Gleich nach dem Einparken, um genau zu sein. Denn wir beschließen, dass wir heute keinen Tisch mehr brauchen. Also: bis auf den kleinen, auf den wir die Füße legen und den hohen, auf dem wir nachher die Nudeln kochen. Aber essen, das geht super mit Schüssel in der Hand im Klappstuhl hinter dem Bulli. Und auch sonst läuft Urlaubstag eins erstaunlich flüssig. Wir kommen gut durch, auf unserem Weg in den Süden, und ich darf sogar zweimal den Notruf wählen. Einmal, als der dickbäuchige Mann im engen goldenen Jogginganzug mit zwei Überbrückungskabeln winkend an der Ausfahrt Ferntal Hilfsbedürftigkeit vortäuscht, und nochmal wegen des brennenden Mercedes ein paar Hundert Kilometer weiter, wo der Kollege am Telefon schon niedlich nach Schwarzwald klingt.