Der Harz schuldet uns noch eine Woche Sonne, finden Thom und ich. Und beschließen deshalb, der Region, die Deutschland so praktisch zwischen unsere Heimatorte gelegt hat, 2024 eine neue Chance zu geben. Letztes Jahr war es eine Spur zu nass zwischen den sterbenden Fichten.
Inzwischen liegt eine Woche am östlichen Harzrand hinter uns. In meinem Kopf wirbeln Erinnerungen an kletternde Ennos, einen Badesee, den Thom partout nur Teich nennen möchte, mehrere Schnitzel, sterbende Gastronomie und nachwachsende Wälder wild durcheinander. Keine Ahnung, wie ich das sortieren soll.
„Schreib doch das, was du kannst… oder lauter wilde Assoziationen“ empfiehlt der Co-Pilot, als ich ihm mein Leid klage, ich hätte noch die gesamte letzte Woche Harz für mein Tagebuch zusammenzufassen. Der Lesbarkeit halber versuche ich, die wilden Assoziationen tageweise in geordnete Bahnen zu lenken.
Keine Ahnung, was ihr so für bescheuerte Ideen hatte in den letzten Monaten. Einer meiner wildesten Einfälle war jedenfalls, die Komfortzone zu verlassen und an einem Motorrad- Fahrsicherheitstraining teilzunehmen.
Schuld daran, nein anders: Anlassen dessen war der runde Geburtstag meines geschätzten Co-Piloten. Der nämlich hatte vor einiger Zeit beim Thema Geschenke mal erwähnt, dass es doch einfach sei, Menschen mit klaren Hobbys eine Freude zu machen. Er zum Beispiel spiele ja Gitarre und fahre Motorrad, da hätten doch die Schenkenden immer einen guten Anhaltspunkt. Ein Fahrsicherheitstraining zu Beispiel, das würde er gerne einmal machen.
So richtig alleine unterwegs über mehrere Etappen war ich noch nie. Das ändert sich genau an diesem Wochenende. Und es fällt mir leichter als ich erwartet hätte.
Nur mit einiger Mühe konnte ich dieses lange Wochenende komplett frei machen, Umso größer ist die Freude, als die Taschen auf dem Motorrad endlich gepackt und die Koffer geschlossen sind. Die Route verspricht weniger Spannung als die Termine. Und das Wetter weniger Freude als ich mir erhofft hätte. Dennoch stimmt die Laune. Die Regenklamotten sind vom Stiefel bis zum Kragen zugezogen und absagen kann ich das alles jetzt so oder so nicht mehr.
„Oaaahhhrrr….. Ich kann den Limes nicht mehr sehen!“ Ich klappe den Helm auf und schüttele den Kopf. „Hier waren wir jetzt schon zweimal. Der Limes wurde ausreichend überschritten!“ – wenn wir zurück an der Ferienwohnung sind muss ich die genaue Herkunft des Sprichwortes noch mal googlen. Hier und jetzt jedenfalls bedeutet „den Limes überschreiten“, dass wir uns verfahren haben und immerzu wieder an denselben braunen Schildern vorbei gurken, die uns auf den Verlauf des Limes hinweisen.
„Ist das TheHoff?“ Tina bleibt stehen. Eigentlich sind wir wegen der Basilika in diese Straße abgebogen. Jetzt verharren wir vor dem großflächig bedruckten Sichtschutz. Links darauf ein Mann, der tatsächlich eine schmeichelhaft gephotoshopte Version des inzwischen leicht verbrauchten 80er Jahre Bademeisters sein könnte. Rechts von ihm André Rieu. Tragischweise einbeinig. Der Bildbearbeiter hatte sein Pulver vermutlich beim geradebügeln von The Hoffs Gesicht verschossen. Kann man verstehen.
Als ich in Atzenhausen die Koffer ans Motorrad schiebe und mit einem Tuch die Sitzbank vom Regen der Nacht befreie, hängen die Wolken über den Dörfern tief und drücken auf die Laune. Einerseits, weil das Ende des Urlaubs langsam näher kommt, andererseits, weil ausgerechnet heute, auf dem Weg durch den Harz, vorbei an Osterode und Hahnenklee, die Straßen doch bitte trocken sein könnten.
Als ich vor Jahren das erste Mal in dieser Region war habe ich mich gleich schockverliebt in die dicht bewaldeten Täler, die verschlungenen Straßen und die urigen Dörfer, die ihren eigenen, rustikalen Charme haben.
Heute raschelt beim Aufsteigen neben mir Thoms Regenhose und deutet darauf hin, dass wir von meinem eh schon gemächlichen Tempo noch ein paar Kmh abziehen werden. Zwar hat es freundlicherweise gerade zu regnen aufgehört, aber die Straßen sind noch nass, und da, wo sie langsam trocknen, traue ich dem Frieden nicht. Die Mischung aus böigem Wind und der griesen Wolkensuppe über uns macht das Losfahren heute schwer. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man lieber seiner gemütlichen Höhle bleibt. Auch wenn die dekoriert ist wie die Roller- Möbelausstellung.
Aber was hilft es, sich vom Wetter anstecken zu lassen? Wir müssen los, wir dürfen los, und wenn das Regenradar nicht ganz verkehrt liegt wird es über den Tag auch immer trockener.
Jetzt, am späten Vormittag, muss ich allerdings noch reichlich Tropfen vom Visier wischen und drücken das Motorrad nur sehr zögerlich in die feuchten Kurven zwischen Wildemann und Lautenthal,
Zwischendurch hebe ich immer wieder fasziniert den Kopf. Über den Spitzkehren in den Fichten versucht der Morgennebel nach Kräften, sich noch ein bisschen an den Bäumen festzuhalten. Und so gern ich auch trockene Straße hätte, so sehr steht diese Schwere, die mit den Wolken über den Bergen hängt, dieser Gegend.
Ich muss nur ein bisschen aufpassen, dass diese Schwere nicht auch mich immer mehr nach unten zieht, denn besonders auf zwei Rädern hätte ich gerade wirklich nichts gegen etwas mehr sonnige Leichtigkeit. Die höbe die Laune. Und wenn die gerade nicht zu haben ist, dann könnte uns Beiden gerade ein Mittagessen auch nicht schaden. Und die Laune heben.
Und da ist es wieder, das Tolle daran, sich treiben zu lassen, nicht alles zu googeln und zu zerdenken: man erlebt einfach kleinen Überraschungen. Wobei: diese hier ist eine eher große Überraschung. Sie steht am Ortseingang von Langelsheim, heißt Harzer Schnitzelkönig und ist eine moderne Form gutbürgerlicher Küche.
Mein geschultes Auge findet zwischen XXXL Burgern und hipen Salaten zielgerichtet das Pfefferschnitzel. Thom entscheidet sich für irgendwas mit Käse überbacken. Der Mann hat ja viele Talente, aber von Essen leider wirklich keine Ahnung…
Satt, zufrieden und sogar trocken parken wir nur knappe 10 Kilometer später unsere Motorräder in einem Hinterhof zwischen Gewächshaus und Waschbetontreppe. Ein bisschen feige drücke ich mich heute vor dem Einchecken und habe einen guten Riecher. Das ältere Ehepaar, dass in seinem Haus eine Souterrainwohnung an Gäste vermietet, hat nicht nur einen Hang zu großen floralen Motiven sondern offenbar auch Redebedarf.
Thom wird, während ich noch am Motorrad beschäftigt tue, in einen Sog aus Erklärungen gezogen, der bei: „Bitte nicht aufs Waschbecken setzen, das bricht dann ab!“ beginnt und einfach nicht enden will. Schüchtern schleiche ich bis zur Wohnungstür, bereit, Thom zu retten, falls er wirklich keinen Ausweg mehr findet und die Ohren bluten. Aus sicherer Entfernung lausche ich der Entwarnung: „Die Katze tut nichts!“ , eile aber, als der Vermieterinnenmonolog hörbar näher kommt, zurück zum Motorrad, schnell wieder beschäftigt tun.
Wir übernachten unter schweren Plümos, essen vorher Döner auf Seidenkissensesseln und ich habe das dringende Bedürfnis, mir im Angesicht der wilden Tapetenmuster die Augen mit Seife auszuwaschen. Natürlich, ohne mich dazu aufs Becken zu setzen.
Als am nächsten Morgen schon vor 10 Uhr die Türklingel schellt ist tot stellen keine Option. Diesmal bin ich es, die mutig öffnet, während Thom im Wohnzimmer sehr beschäftigt seine Koffer packt. Na klar ist es die Vermieterin. Sie bringt einen Teller Kuchen, den: „Mein Mann und ich“ doch sicher mögen. Natürlich traue ich mich nicht, die vorausgesetzte Ehe sofort wieder aufzulösen, schon allein, um das Gespräch so kurz wie möglich halten. Sie hätte Thom auch meinen Sohn, meinen Vater oder meinen Entführer nennen können. Ich hätte mit freundlichem Servicelächlen den Teller geschnappt und die Tür geschlossen. Das Ding ist: ich mag keinen Kuchen und wir haben noch nicht einmal 10 Uhr am Morgen. Wohin mit dem Zeug? Im Müll findet sie ihn sofort. Essen ist keine Option. Das wird gleich sehr, sehr unangenehm,
Mit in den Sehnerv eingebrannten Plümomustern und immerhin einem kleinen Muffin im Bauch gestehen wir beim Auschecken kleinlaut, die Torte verschmäht zu haben. Dann schiebe ich die Koffer ans Motorrad, zuppele an den Klamotten, bändige das Handy und klettere, mit einem nachdenklichen Öff auf die Sitzbank.
Als ich den Motor starte ist Thom schon vom Hof gefahren. Nach einer Woche muss ich jetzt wieder ohne Kurvenerkunder, Navigator, Pausenplatzfinder und Reisekumpanen auskommen.
Und wenn ich mich nicht ganz arg täusche, bin ich nicht die Einzige hier, die jetzt schon Lust hätte, die nächste Tour zu planen. Also, Thom: die Frage ist nicht ob, sondern nur wann und wohin.
Ich mag es ja so dezent…Interessanter Stil, überall LemurenDoping auf dem RückwegDas „ich habe noch nicht mal eingeparkt und könnte schon wieder los“ GesichtDer Tag danach. Alles auf Anfang
Heute wieder größeres Öff. Die Koffer sind gepackt, für die Weiterfahrt. Von Potzwenden geht es nur eine gute halbe Stunde weiter nach Atzenhausen. Man könnte meinen, wir hätten die Stopps dieser Reise nach den weirdesten Ortsnamen ausgesucht. Die sind hier aber kein Argument, weil: alle verrückt.
In Atzenhausen dann weder Waldbad noch Hütte noch 70er Kacheln sondern eine neu renovierte Gästewohnung auf einem Resthof. Ausgebauter Heuboden statt holzvertäfelter Hütte. Ausreichend dekoriert, um als Nippes- Ausstellung durchzugehen und die Decken so tief, dass ich ständig im Augenwinkel gucke, ob Thom sich im nächsten Moment irgendwo übel den Kopf andoingst.
Als wir den Vermieter, einen sympathischen Mittfünfziger im Muskelshirt, fragen, ob wir eventuell eine zweite Nacht dranhängen könnten, blitzt es kurz in seinen Augen. Klar, können wir, denn seine Frau, die hier eigentlich die Wohnungen vermietet, ist eh nicht da, kommt erst übermorgen wieder und wenn wir morgen nicht auszögen, dann müsste er nicht in Abwesenheit der Hausfrau hinter uns putzen. Ganz schön clever, der Mann. Gefällt uns.
Wir laden die Koffer ab und suchen nach einer Option fürs Mittagessen. Google Maps schlägt uns ein Bauerncafé auf einem Kirschhof vor. Offenbar hat es den Hof auch einer Rentnergruppe aus Unna vorgeschlagen. Jedenfalls sind wir beim Einparken kurz davor, uns von einer rüstigen Unneranerin einen mittelgroßen Anpfiff einzuhandeln, als sie unseretwegen, als Anführerin einer ganzen Unneranerinnen- Crew, ihren unneraner Kombi nicht wie beabsichtigt in eine der freien Lücken rangieren kann. Natürlich machen wir Platz. Erstens, sind wir höflich und zweitens haben wir echt keinen Bock auf Beef mit einer Gruppe hungriger Ruhrgebietsrentnerinnen. Als die resolute Dame ihren Begleiterinnen den Tagesbefehl erläutert (Kirschwanderweg! Essen, fassen! Einrücken in Unterkunft!), nutzen wir die Chance, noch vor der Horde im Hofcafé Platz zu nehmen und unsere Schnitzelbestellung zu platzieren. Glück gehabt.
Zwischen Rentnern und Strandkörben lauschen wir mit Schnitzel im Bauch den süddeutschen Dialekten um uns herum. Dann parken, wir von Unneranerinnen unbehelligt aus und kurven weiter durch Dörfer mit Namen wie Waldkapell, Cornberg und Bebra. Fast alle niedlich und fast alle mit der obligatorischen abknickenden Vorfahrt. Nur schöne Pausenplätze bleiben rar.
Die Runde, die wir am Ende gemacht haben, ist heute deutlich kleiner als die, die wir vor hatten. Aber uns beiden steht nicht mehr der Sinn nach sehr vielen Kilometern. Dafür sind wir ganz gut im Sitzen und gucken. So vermeiden wir größere Abnutzungserscheinungen und stoßen durch Zufall sogar auf einen der top Aussichtspunkte der Region. Die Menschen, die dort auf unsere unbekannten Kennzeichen aufmerksam werden, nutzen jede Chance, sich von uns ein Kompliment für ihre Heimat abzuholen. Wir können das sehr gut verstehen und betonen wahrheitsgemäß, wie sehr wir den diese Gegend unterschätzt haben.
Auf den letzten Kilometern verpassen wir den Abzweig zum Supermarkt und ich darf schon mal alleine vor dem nahen Regen flüchten, während Thom anbietet, den Umweg zum Abendbrotkauf ohne mich zu machen. Richtiger Gentleman, mein Reisebegleiter. Vielleicht freut er sich auch ein bisschen, wenigstens ein paar Kurven lang nicht auf die vorsichtig folgenden Scheinwerfer zu achten. Ich gönne es ihm, denn dass er das ständig zu tun scheint macht mir ein bisschen mehr Druck, als ich zugeben möchte. Einerseits weil ich schon ganz gut auf mich aufpassen und auch mal ein Stück in Ruhe und Abstand hinterherfahren kann, andererseits weil ich mich auch ein bisschen dafür verantwortlich fühle, dass auch Thom einen Urlaub nach seinen Vorstellungen hat.
Er allerdings wird nach wie vor nicht müde zu betonen, dass ihm das nichts ausmacht, er gern Rücksicht nimmt und mein Reisetempo vollkommen klar geht. Wenn ich es noch ein paar mal höre, glaube ich es sogar vielleicht ein bisschen.
Wenn zwei gemeinsam reisen und Einer fährt vor und Eine folgt nach, und beide gucken durch zwei ganz verschiedene Visiere auf die Gegend, die sich unter ihren Reifen längs schiebt, dann müssen die beiden sich gar nicht immer einig sein, über ihre Eindrücke. Als ich Thom also bat, meinen Rückblick auf Tag drei unserer Tour zu lesen, bot er mir gleich an, Passagen zu ergänzen und richtig zu stellen. Ergänzen, das leuchtete mir ein, aber… richtig stellen? Ich weiß ja nicht…
Thoms Anmerkungen habe ich zur besseren Lesbarkeit eingefärbt und kursiv gestellt. Inhaltlich erkennt ihr sie daran, dass er natürlich maßlos übertreibt. Also: finde ich.
Ob Thom vielleicht Lust hätte, Tag zwei unserer Tour zusammenzufassen, fragte ich mich. Und dann ihn. Hätte er, schrieb er. Und tippte los. Das werde dann aber nicht so detailliert, ich sei ja immer so akribisch. Seine Vermutung. Minuten später hatte ich Post.
Danke, Thom. Für’s Vorwegfahren, Warten, Pausenplätze Finden und für diesen zauberhaften Text. Ich bin Fan!
Hätte ich doch noch ein T-Shirt einpacken sollen? Oder die von Thom so massiv beworbene Thermo-Unterwäsche? Egal. Die Koffer sind zu, das Navi ist an. Ich fahre jetzt.
Die Einfahrt runter, über den kleinen Hubbel, kurz aufstehen und die Hose zurecht zuppeln. Nicht mehr an fehlende T-Shirts denken. Ab jetzt ist Urlaub.
An der Tankstelle hadere ich ein letztes Mal mit meinen Pack- Entscheidungen, dann nehme ich die Autobahnauffahrt und beschleunige mein voll bepacktes Reise- Muli. Raus aus dem Dorf, raus aus dem Ruhrgebiet, immer in Richtung Nordosten. Bei Paderborn verlasse ich die A44 und hangele mich von Dorf zu Dorf, bei Bad Pyrmont mache ich die erste richtige Pause. Das T-Shirt ist nass. Volle Breitseite hat die Sonne versucht, mein Resthirn sous vide zu garen. Mit einer kalten Flasche Wasser aus dem Tankrucksack und der Aussicht auf eine kühle Cola halte ich tapfer dagegen.