„Da hinten hat ein Mann ein Pferd weggetragen!“

Hätte ich doch noch ein T-Shirt einpacken sollen? Oder die von Thom so massiv beworbene Thermo-Unterwäsche? Egal. Die Koffer sind zu, das Navi ist an. Ich fahre jetzt.

Die Einfahrt runter, über den kleinen Hubbel, kurz aufstehen und die Hose zurecht zuppeln. Nicht mehr an fehlende T-Shirts denken. Ab jetzt ist Urlaub.

An der Tankstelle hadere ich ein letztes Mal mit meinen Pack- Entscheidungen, dann nehme ich die Autobahnauffahrt und beschleunige mein voll bepacktes Reise- Muli. Raus aus dem Dorf, raus aus dem Ruhrgebiet, immer in Richtung Nordosten. Bei Paderborn verlasse ich die A44 und hangele mich von Dorf zu Dorf, bei Bad Pyrmont mache ich die erste richtige Pause. Das T-Shirt ist nass. Volle Breitseite hat die Sonne versucht, mein Resthirn sous vide zu garen. Mit einer kalten Flasche Wasser aus dem Tankrucksack und der Aussicht auf eine kühle Cola halte ich tapfer dagegen.

Als ich kurz vor dem Etappenziel rechts ran fahre um abzuchecken, wie ich denn in der Zeit liege und ob ich evtl. schon vor dem Treffen mit Thom ein Mittagessen einschiebe, schickt der gerade ein Foto aus einem Burgerladen. Boah! Selten war ich leichter zu influencen. Ein Blick auf die Karte verrät, dass FastFood in nächster Umgebung unkompliziert zu erreichen ist. Erst jetzt merke ich, dass ich dringend schon lange hätte Pause machen und etwas essen sollen. Das nicht zu tun  und immer noch ein Stück weiter zu fahren ist bisher eine meiner größten Schwächen im Reise- Game.

Mit Chicken- Nugget Burger im Bauch und amtlichem Cola- Hirnfrost hinter dem Sonnenvisier starte ich die letzte Anreise-Etappe, bevor ich an einem Scheunen-Café irgendwo südlich von Hannover eine gute Stunde später zum ersten Mal mein Moped neben Thoms richtiger Reiseenduro parken darf. 

Manchmal habe ich kurz das Gefühl, dass mich dringend mal jemand kneifen sollte. Dass ich das bin, die ab heute eine Woche durch die hügelige Landschaft fahren wird, will mir noch immer nicht so recht in den Kopf passen. 

Heute vor erstaunlich genau zwei Jahren, als Thom seine GS bei einem Treffen in Uelzen neben meinem Pössl parkte, wurde mir klar: ich will das auch. Und jetzt habe ich nicht nur den Führerschein sondern auch ein Motorrad und das Glück, eine Woche auf Tour sein zu dürfen, mit einem so geduldigen, erfahrenen, rücksichtsvollen Touren- Kumpel, wie ich ihn mir toller nicht wünschen könnte.

Ob es nicht ein wenig zu früh ist für derartige Vorschusslorbeeren, meint ihr? Ob Thom nach wenigen Kurven die Nerven und mich aus dem Rückspiegel verliert? Ob wir ganz verschiedene Reisevorstellungen haben für so eine Woche? Verschiedene Ansprüche an Unterkunft und Verpflegung? So richtig wissen kann ich das jetzt noch nicht, aber ein wenig kennen wir uns ja schon und ich habe großes Vertrauen in Thoms Geduld mit mir und meinen Macken. Und wenn es doch irgendwie doof wird, wenn es doch nicht passt, dann macht eben auch mal jeder seins und man trifft sich abends zum Essen wieder. So jedenfalls ist mein Plan B, falls ich fürchte, den Mann mit den 30 Jahren mehr Fahrerfahrung zu arg auszubremsen.

Heute besteht diese Gefahr noch nicht. Heute sitzen wir nach langer Anreise bei Cola und Kaffee im schattigen Café hinter der Scheune irgendwo bei Hannover, und freuen uns auf eine Woche Urlaub. Vor uns liegen nur wenige Kilometer, die kaum mehr als ein erster Eindruck sein werden, wie es so ist, zu zweit unterwegs zu sein.

Für die erste Nacht fällt unsere Wahl auf ein Gasthaus an der Weser. Wir checken ein, müssen ein wenig Überzeugungsarbeit leisten, damit der komplett überforderte Service erstmal den PC einschaltet und unsere Reservierung sucht, essen im angrenzenden Biergarten und latschen anschließend noch ein paar Meter am Flüsschen lang.

An einer Bank treffen wir einen Rentner im königsblauen T-Shirt einer mittelmäßig erfolglosen Fußballmannschaft westlich von Herne, der gerade den Sitzplatz frei macht. Thoms Frage, ob wir uns dann wohl setzen könnten, ist ihm Anlass genug, uns den Grund seiner E-Bike Rast und direkt auch entscheidende Teile seiner Vita zu erläutern. „Halber Schalker! Aber mit acht Jahren vonne Familie da wech entführt, hier inne Gegend, aber machse nix!“. Einen meiner doofen Sprüche später gerät unser neuer Bekannter derart in Plauderlaune, dass wir am Ende nicht nur alles über seine berufliche Karriere als Zeitsoldat und Discobesitzer erfahren, sondern auch lernen, dass einer seiner Vorfahren: „Also: nicht meiner Vorfahren, sondern der meines Opas, da hinten mal ein echtes Pferd weggetragen“ hat. „Gibt’s auch n Denkmal für!“

Und während ich mich diebisch freue, über dieses Smalltalk- Gold, sitzt neben mir ein fassungsloser Norddeutscher auf der Bank an der Weser und kann nicht glauben, dass man es unter Ruhris tatsächlich drauf anlegt, fremden Menschen bei vollkommen zufälligen Begegnungen Schwänke aus der Jugend zu erzählen, bevor man sich mit einem: „Ja dann, mach’ gut!“ ganz unverbindlich wieder voneinander verabschiedet. Könnte daran liegen, dass die Menschen im Norden erstmal ein Pferd satteln oder ein Reisemotorrad tanken müssen, um überhaupt an einer Bank am Wasser auf andere Menschen zu treffen, die ihnen Geschichten zu erzählen hätten.

Notiz an mich: wenn ich nicht als kompletter Creep enden will, sollte ich solche Gespräche nördlich von Hannover mit erkennbaren Nicht- Ruhris besser vermeiden und zu einem weniger geschwätzigen: „Moin!“ übergehen.

Auf dem Rückweg zu unserer Pension lässt mir dann die Pferdewegtragesache dann doch keine Ruhe und ich bin weniger erstaunt als belustigt, dass google mir unter „Tündern Pferd weggetragen“ wirklich eine Statue auswirft, die Jobst-Hinrich Meier darstellt, der gerade ein mopsiges Pony geschultert hat.

Der Abend endet bei noch immer für meinen Geschmack zu sommerlichen Temperaturen, die ich jetzt einfach mal dafür verantwortlich mache, dass ich am nächsten Morgen mittelmäßig genervt zum ersten Mal für diese Reise meinen Motorradschlüssel suche und ihn vermutlich nicht zum letzten Mal im Koffer steckend finde. Heute allerdings mit dem kleinen Fun- Fact, dass ich die Koffer über Nacht am Motorrad gelassen habe. Stellt sich raus: die Menschen hier sind nicht nur dafür berüchtigt, Pferde wegzutragen, sind haben auch erstaunlich wenig Interesse am Besitz kaum gefahrenen Kawasakis. Selbst, wenn der Schlüssel steckt.

Wäre irgendwie schon auch ein wenig ärgerlich, wenn der Bericht jetzt damit endete, dass ich euch erzählte, wie mir auf meiner ersten Moppedtour gleich in der ersten Nacht mein quasi neues Motorrad unter dem Schlafzimmerfenster gestohlen wurde, weil ich Depp beim Auspacken der Koffer den Schlüssel abzuziehen vergaß.

Glück gehabt, würd ich sagen. Mopped noch da, Koffer noch zu, die gemeinsame Reise kann also richtig starten.

Von Tündern bei Hameln geht es weiter nach Potzwenden bei Göttingen. Und ich bin sehr gespannt, was die Menschen dort zu erzählen haben. Ob jemand die Pferdegeschichte toppen kann?

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