Als ich in Atzenhausen die Koffer ans Motorrad schiebe und mit einem Tuch die Sitzbank vom Regen der Nacht befreie, hängen die Wolken über den Dörfern tief und drücken auf die Laune. Einerseits, weil das Ende des Urlaubs langsam näher kommt, andererseits, weil ausgerechnet heute, auf dem Weg durch den Harz, vorbei an Osterode und Hahnenklee, die Straßen doch bitte trocken sein könnten.
Als ich vor Jahren das erste Mal in dieser Region war habe ich mich gleich schockverliebt in die dicht bewaldeten Täler, die verschlungenen Straßen und die urigen Dörfer, die ihren eigenen, rustikalen Charme haben.
Heute raschelt beim Aufsteigen neben mir Thoms Regenhose und deutet darauf hin, dass wir von meinem eh schon gemächlichen Tempo noch ein paar Kmh abziehen werden. Zwar hat es freundlicherweise gerade zu regnen aufgehört, aber die Straßen sind noch nass, und da, wo sie langsam trocknen, traue ich dem Frieden nicht. Die Mischung aus böigem Wind und der griesen Wolkensuppe über uns macht das Losfahren heute schwer. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man lieber seiner gemütlichen Höhle bleibt. Auch wenn die dekoriert ist wie die Roller- Möbelausstellung.
Aber was hilft es, sich vom Wetter anstecken zu lassen? Wir müssen los, wir dürfen los, und wenn das Regenradar nicht ganz verkehrt liegt wird es über den Tag auch immer trockener.
Jetzt, am späten Vormittag, muss ich allerdings noch reichlich Tropfen vom Visier wischen und drücken das Motorrad nur sehr zögerlich in die feuchten Kurven zwischen Wildemann und Lautenthal,
Zwischendurch hebe ich immer wieder fasziniert den Kopf. Über den Spitzkehren in den Fichten versucht der Morgennebel nach Kräften, sich noch ein bisschen an den Bäumen festzuhalten. Und so gern ich auch trockene Straße hätte, so sehr steht diese Schwere, die mit den Wolken über den Bergen hängt, dieser Gegend.
Ich muss nur ein bisschen aufpassen, dass diese Schwere nicht auch mich immer mehr nach unten zieht, denn besonders auf zwei Rädern hätte ich gerade wirklich nichts gegen etwas mehr sonnige Leichtigkeit. Die höbe die Laune. Und wenn die gerade nicht zu haben ist, dann könnte uns Beiden gerade ein Mittagessen auch nicht schaden. Und die Laune heben.
Und da ist es wieder, das Tolle daran, sich treiben zu lassen, nicht alles zu googeln und zu zerdenken: man erlebt einfach kleinen Überraschungen. Wobei: diese hier ist eine eher große Überraschung. Sie steht am Ortseingang von Langelsheim, heißt Harzer Schnitzelkönig und ist eine moderne Form gutbürgerlicher Küche.
Mein geschultes Auge findet zwischen XXXL Burgern und hipen Salaten zielgerichtet das Pfefferschnitzel. Thom entscheidet sich für irgendwas mit Käse überbacken. Der Mann hat ja viele Talente, aber von Essen leider wirklich keine Ahnung…
Satt, zufrieden und sogar trocken parken wir nur knappe 10 Kilometer später unsere Motorräder in einem Hinterhof zwischen Gewächshaus und Waschbetontreppe. Ein bisschen feige drücke ich mich heute vor dem Einchecken und habe einen guten Riecher. Das ältere Ehepaar, dass in seinem Haus eine Souterrainwohnung an Gäste vermietet, hat nicht nur einen Hang zu großen floralen Motiven sondern offenbar auch Redebedarf.
Thom wird, während ich noch am Motorrad beschäftigt tue, in einen Sog aus Erklärungen gezogen, der bei: „Bitte nicht aufs Waschbecken setzen, das bricht dann ab!“ beginnt und einfach nicht enden will. Schüchtern schleiche ich bis zur Wohnungstür, bereit, Thom zu retten, falls er wirklich keinen Ausweg mehr findet und die Ohren bluten. Aus sicherer Entfernung lausche ich der Entwarnung: „Die Katze tut nichts!“ , eile aber, als der Vermieterinnenmonolog hörbar näher kommt, zurück zum Motorrad, schnell wieder beschäftigt tun.
Wir übernachten unter schweren Plümos, essen vorher Döner auf Seidenkissensesseln und ich habe das dringende Bedürfnis, mir im Angesicht der wilden Tapetenmuster die Augen mit Seife auszuwaschen. Natürlich, ohne mich dazu aufs Becken zu setzen.
Als am nächsten Morgen schon vor 10 Uhr die Türklingel schellt ist tot stellen keine Option. Diesmal bin ich es, die mutig öffnet, während Thom im Wohnzimmer sehr beschäftigt seine Koffer packt. Na klar ist es die Vermieterin. Sie bringt einen Teller Kuchen, den: „Mein Mann und ich“ doch sicher mögen. Natürlich traue ich mich nicht, die vorausgesetzte Ehe sofort wieder aufzulösen, schon allein, um das Gespräch so kurz wie möglich halten. Sie hätte Thom auch meinen Sohn, meinen Vater oder meinen Entführer nennen können. Ich hätte mit freundlichem Servicelächlen den Teller geschnappt und die Tür geschlossen. Das Ding ist: ich mag keinen Kuchen und wir haben noch nicht einmal 10 Uhr am Morgen. Wohin mit dem Zeug? Im Müll findet sie ihn sofort. Essen ist keine Option. Das wird gleich sehr, sehr unangenehm,
Mit in den Sehnerv eingebrannten Plümomustern und immerhin einem kleinen Muffin im Bauch gestehen wir beim Auschecken kleinlaut, die Torte verschmäht zu haben. Dann schiebe ich die Koffer ans Motorrad, zuppele an den Klamotten, bändige das Handy und klettere, mit einem nachdenklichen Öff auf die Sitzbank.
Als ich den Motor starte ist Thom schon vom Hof gefahren. Nach einer Woche muss ich jetzt wieder ohne Kurvenerkunder, Navigator, Pausenplatzfinder und Reisekumpanen auskommen.
Und wenn ich mich nicht ganz arg täusche, bin ich nicht die Einzige hier, die jetzt schon Lust hätte, die nächste Tour zu planen. Also, Thom: die Frage ist nicht ob, sondern nur wann und wohin.






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