Kategorie: Reisen

  • Saumur – raus aus dem Gewimmel

    Saumur – raus aus dem Gewimmel

    „Noch ein bisschen mehr Hund, dann wird‘s braun!“ sagt Glo. Ich stelle den Kocher ein wenig heißer und gieße einen Schluck Teig in den Ridgemonkey. Nach zwei Tagen Paris, in denen wir nicht selbst gekocht haben, steht heute zum ersten Mal der Gaskocher vor dem Brummi.

    Bei Pfannkuchen mit Nutella beenden wir Tag drei unserer Reise. Heute Morgen haben wir Paris hinter uns gelassen, die hupenden Autos, die Menschen, die fahren, als wollten sie partout alle Vorurteile verwirklichen, die eimergroßen Schlaglöcher in den Stadtautobahnen, all das haben wir eingetauscht gegen die Niedlichkeit der Loire.

    Als wir auf den Campingplatz einbogen ploppte wie bestellt das Schloss von Saumur im Hintergrund auf. Vorne trug die Loire beschaulich plätschernd historische Holzboote flussabwärts und um unseren Stellplatz herum zwitscherten die Vögel, als wollten sie das Autobahncampingplatzambiente der ersten beiden Nächte zügig ausgleichen.

    Passend zur gemütlichen Szene radelten Glo und ich also heute nur einmal über den Fluss, hoch zum Schloss, genossen Panorama und Ruhe und setzten uns dann, wie wir es vorhatten, gemütlich vor den Brummi. 

    Und nachdem der letzte Pfannkuchen gewendet und der Kocher verstaut war feierte das Open Air Brummikino seine Premiere und wir schauten, immerzu über den Irrsinn dieser zugleich unfassbar witzigen und übertriebenen Anschaffung kichernd, mehr oder weniger dick eingemummelt vor der Brummitür der Bergwacht Ramsau dabei zu, wie sie heute in Saumur die am Abend zuvor in Paris zurückgelassenen Verletzten rettete.. 

    Morgen werden wir das erste Mal so richtig ausschlafen, bevor wir nach nur einer Nacht an der Loire weiter ziehen wollen, Richtung Westen, bis irgendwo das Meer kommt.

    Einen Platz haben wir nicht reserviert. Aber jetzt, in der Nebensaison, sollte sich wohl einer finden.

  • Paris 2/2 – Den gibt‘s ja wirklich!

    Paris 2/2 – Den gibt‘s ja wirklich!

    „Erstaunlich!“ sagt Glo, als wir um die Ecke biegen, „Den gibt´s ja wirklich“. Wir sind offenbar nicht die Einzigen, die sich davon persönlich überzeugen wollen. Vor, neben, hinter uns zücken tausende Menschen staunend ihre Handykameras.

    Bisschen unpraktisches Geschenk, denke ich. Muss man ja auch Platz für haben. Für mich wärs nix. Hier allerdings passt er ziemlich perfekt hin, dieser monströse Stahlkoloss. Größer als ich ihn mir vorgestellt hatte ist er jedenfalls. Und elegant. Sehr elegant.

    Mit der GoPro im Anschlag manövriere ich zwischen den Plastekitscheiffeltürmchenverkäufern in Richtung Turm. Im Augenwinkel beobachte ich, wie die Männer mühelos größere Mengen Plastiktürmchen unters staunende Volk bringen. Das Portfolio reicht von der bescheidenen Schlüsselanhängervariante für einen schmalen Euro bis zu Highend- Deluxeversion für das 16fache. Diese allerdings begeistern den Betrachter mit einer batteriebetriebene LED-Blitzeblinkfunktion. Wer kann, der kann…

    Wir widerstehen knapp der Nippes-Versuchung und heben den Blick von den Displays in Richtung Original. Allein dem Zufall haben wir zu verdanken, dass wir uns dem Spektakel von hinten nähern und jetzt diesen beeindruckenden Blick haben. Oder ist das hier vorne? Weiß das jemand? Da stehen wir also eine Weile mit toller Aussicht über den terrassenartigen Park, fotografieren, staunen und beobachten wie Nippesverkäufer, Touristen und Taschendiebe ihrem Tagewerk nachgehen. Im Park versuchen Hütchenspieler aufgesetzt begeistert über horrende Gewinne Opfer zu akquirieren, ein paar Meter weiter scheuchen Polizisten mit Blaulicht und Horn übervorsichtige Selfiestickbesitzer von der Kreuzung. 

    Auch wir streifen weiter, lassen den Turm hinter uns, wenden den Blick dabei aber immer wieder nach oben. Hier, nahe des Besuchereingangs, treffen wir auf vier schwer bewaffnete Soldaten, die in Carmouflage mit Maschinenpistolen und Plattenträgern patrouillieren. Bis auf diese Vier scheinen die Kollegen es aus Gründen vorzuziehen, sich vor den Touristenmassen in ihren Fahrzeugen zu verstecken. Die Soldaten bleiben von nervigen Touristenfragen offenbar unbehelligt. Die MPs wirken. 

    Nach einem Mittagsstopp (klar, landestypisch gib`s Pho und Bratnudeln) lassen wir uns auf dem Weg Richtung Norden weiter treiben. Als wir an der Pont Neuf die Seine überqueren stoßen wir zufällig auf den Place Dauphine. Zwischen chicen Cafés werfen Grüppchen von Parisern ihre Pétanque Kugeln mehr oder weniger geschickt hinter den Schweinchen her. Hätten wir nicht noch ein Ziel gehabt, ich hätte hier ewig sitzen und der Mischung aus Gemurmel und dem Plok Plok der Kugeln zuhören können.

    Entlang der Seine zieht es uns in die Metro in Richtung Sacré-Cœur. Auch als zwei blutige Paris-Anfängerinnen haben von dem ganz chicen Ausblick über die Stadt gehört (Spoiler: wenn wir das wissen, wissen es auch alle (!) anderen…) und finden, der könnte unseren Tag doch gut abrunden. Also steigen wir nahe der Seine in die Metro und beobachten kopfschüttelnd, wie im Bahnhof Abbesses die Menschen lemmingartig in den Fahrstuhl drängen. Alle zu faul für die paar Treppen aus der U-Bahn im Gegensatz zu uns… und den anderen dümmlichen Touristen, die sich fürs Treppenhaus entschieden haben. Ungewöhnlicherweise hat der Architekt sich für eine Wendeltreppe entschieden. Unfreiwillig habe ich in unserem Grüppchen die Pole- Position und stapfe also nun, ohne es zu ahnen, eine schier endlose Kurve Stufe für Stufe für Stufe nach oben. Langsam schwant mir, dass man von Sacré Cœur aus deshalb einen so schönen Ausblick hat, weil es sich auf einem Hügel befindet. 

    36 Meter, sagt Wikipedia, überwinden wir keuchend, begleitetet vom Schnaufen der Touristen hinter mir, die aus Verzweiflung inzwischen begonnen haben, Stufen zu zählen. Dass wir noch lange oben sind wird mir schlagartig bewusst, als ich auf Google Maps die Zahnradbahn erahne, die zur Basilika pendelt. Ich entscheide mich, Glo diesen Fun Fact aus Motivationsgründen zu verschweigen. Dann stapfen wir weiter, bis die Mühe mit einem fantastischen Ausblick über die Dächer dieser unglaublichen Stadt belohnt wird. 

    Auch hier stehen wir zwischen den obligatorischen Nippesverkäufern und knipsen und staunen und filmen den Ausblick über die hunderttausende Dächer, und ich fühle mich sehr, sehr klein, als mir klar wird, wie unmöglich es ist, diese Stadt überhaupt auch nur ansatzweise als Touristin zu erfassen. Ein vergleichbarer Ausblick wird schwer zu finden sein. Der über New York war ähnlich, aber doch auch ganz anders.

    Die Entscheidung, weiterzuziehen, nimmt uns schließlich ein Straßenmusiker ab, der zwar sehr geschickt darin ist, sein E-Piano aufzubauen, dann aber dermaßen tragisch daran scheitert, es zu spielen, dass wir fluchtartig Montmartre verlassen, um keinen Hörsturz zu erleiden. Einmal im Leben hätte ich gern das Selbstbewusstsein wie dieser Schwachkopf, der sich feiertags abends an den belebtesten Platz der Stadt hinter ein Klavier setzt, was er nicht spielen kann, um dazu ein Lied anzustimmen, das er nicht singen kann.

    Auch für uns geht es fortan steil bergab, zurück in die Metro, in eine Regionalbahn und einen Bus, der uns direkt vor den Toren unseres Campingplatzes absetzt. 

    Noch eine Nacht an der A4, dann ziehen wir weiter, 300km nach Westen, an die Loire, wo wir den zwei Tagen in Paris große Beschaulichkeit entgegen setzen wollen.

    Der Abend endet mit der Premiere des Brummi Kinos. Der frisch erstandene Beamer erweist sich als vorabendseriengeeignet. Als die Bergrettung Ramsau den Fall gerade zur Hälfte gelöst hat, verlassen uns aber die Kräfte und wir entscheiden, dass der Rettungshubschrauber morgen weiterfliegen muss.

    Gute Nacht, Paris!

  • Paris 1/2 – Erstaunlich

    Paris 1/2 – Erstaunlich

    „Erstaunlich!“ sage ich, als wir aus Vincennes in Richtung Coulée verte René-Dumont radeln. „Hier kann man ja besser Fahrradfahren als letztes Jahr in Stella Plage.“ Der Coulé verte, das „grüne Band“, ist eine ehemalige Bahnlinie, die direkt ins Stadtzentrum führt. Bahntrassenradeln, nicht das Erste, an das man denkt, wenn man nach Paris reist.

    Todesmutig haben wir also dem Internet geglaubt, dass es möglich sei, vom Camping Paris Est an der Marne durch den Wald von Vincennes mitten nach Paris zu fahren. Und das auch zu überleben. Nach der Anreise von Zuhause ist uns nach ein wenig Bewegung, außerdem sind wir neugierig auf die Stadt, also verlieren wir nach dem Einchecken keine Zeit, heben die Räder vom Brummi und strampeln los. 

    Bis auf wenige Meter können wir unbehelligt von Autos und Bussen,auf separaten Radwegen bis an die Seine und quer durchs Pariser Stadtzentrum fahren. Fast durchgehend sind die Radwege baulich von der Fahrbahn getrennt. Wo das noch nicht der Fall ist, halten uns Leitbaken den Verkehr vom Leib. Paris scheint sich entschieden zu haben, den Autos Platz wegzunehmen und ihn den Fahrrädern zu überlassen und allein dafür muss man die Stadt schon ein kleines bisschen mehr mögen, als sowieso.

    Um hier heutzutage mit einem Auto rein zu fahren muss man entweder komplett verrückt sein, Stau mögen oder gern hupen..

    Um einen allerersten kleinen Einblick in den Wahnsinn des Stadtzentrums zu erhaschen strampeln wir in zweiter Reihe nördlich der Seine bis in den Marais. Dort essen wir bei Tata Burger, einem offenbar queeren Burgerladen, Burger und Frites, bevor unsere Route uns durch den Schlosspark des Louvre auf die südliche Seine- Seite führt. Entlang an den zahllosen Läden der Bouquinisten am Gehweg, noch immer vor den hupenden Autos baulich geschützt, gehts zurück Richtung Osten. Als wir den Wald von Vincennes erreichen atmen wir durch. 

    Was ist das bitte für eine verrückte Stadt? Wie groß sind die Parks? Wie viele hunderttausende Touristen wuseln wild murmelnd zwischen den weltbekannten Sehenswürdigkeiten, alle auf der Suche nach denselben Fotos… 

    Morgen wollen wir uns ohne Fahrräder selbst noch tiefer ins Getümmel wagen, selbst mitwimmeln und murmeln. Und die typischen Fotos, die machen wir ganz bestimmt auch.

  • Die große Stadt

    Die große Stadt

    “Könnte auch Frankfurt sein” denke ich laut, als Lisa und ich unsere Koffer aus dem Berliner Ostbahnhof ziehen. Ich muss kurz stehenbleiben und überlegen, wie das hier letztes Mal aussah. Der Blick in Richtung Warschauer Straße fällt jetzt auf kleine Skyline. Hotels und Firmen wie Mercedes Benz und Zalando residieren hier, in hohen Häusern aus Glas, Beton und Stahl. Ich hatte diese Gegend als Brachfäche oder zumindest als Großbaustelle in Erinnerung. Irgendwann war dann die O2 World gebaut worden, dann entstand drum herum ein Klotz nach dem anderen. Inzwischen ist sogar ein Teil des Spree- Ufers hinter der East- Side- Gallery bebaut worden und mich würde nicht wundern, wenn man sich bei so viel Berliner Bauentschlossenheit als nächstes entschiede, die Oberbaumbrücke gegen ein die Spree überspannendes Bürogebäude auszutauschen.

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  • …und überall Gewässer 5c – Abreise (fast)

    …und überall Gewässer 5c – Abreise (fast)

    Als ich an diesem Morgen wach werde hat die Sonne das Dachbett des Brummis schon so sehr aufgeheizt, dass ich hektisch den Schlafsack abstreife und die Reißverschlüsse des Stoffbalgs öffne. Dass die Temperatur schlagartig sinkt führt dazu, dass ich mich nun sehr schwer zum Aufstehen aufraffen kann. Hier oben, im Dachbett, ist die Welt noch in Ordnung. Ich muss nichts tun, nichts auf- oder wegräumen, mich nicht mit kniffelnden Nachbarn, schmutzigem Geschirr von gestern oder der Reiseplanung beschäftigen. Ich kann einfach hier liegen und den Bäumen neben dem Bulli dabei zusehen, wie sie dem böigen Wind die ersten Blätter mitgeben, oder die Drossel beobachten, die zwischen den Blättern im Boden nach Würmern wühlt. 

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  • …und überall Gewässer 5b – SN again

    …und überall Gewässer 5b – SN again

    Eigentlich müsste ich Camping doof finden. Klar, es ist draußen, es gibt immer fadenscheinige Gründe jede Menge mehr oder weniger sinnvolle Technik zu kaufen, es ergeben sich, wenn man will, jeden Tag neue Gassi- Routen und man kann sich auf das Nötigste beschränken. Kein Chichi, nur der Gaskocher, ein Spiegelei, ein Graubrot und ich.

    Aber dann sind da auch diese vielen Unbekannten, die die Camping- Rechnung zu einer Herausforderung machen für einen Drinnie wie mich, der sich gern in seine Höhle zurückzieht und von fremden Menschen weder belästigt werden noch deren Betriebsabläufe stören möchte. 

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  • …und überall Gewässer 5a – Auf dem Weg nach Schwerin; Gassi ohne Gold und Berg

    …und überall Gewässer 5a – Auf dem Weg nach Schwerin; Gassi ohne Gold und Berg

    Das wars, Plau. Schön war‘s bei dir am See. Unerwartet schön sogar. Ich verlasse den Platz, verursache mit dem Ausdruck der Rechnung einen nie dagewesenen Papierstau im neuen Drucker der Rezeption, werde für meine Wartezeit mit sehr fragwürdigen Dinkelkeksen entschädigt und bin froh, diese trockene Teigfrechheit zurück am Auto mit einigen Litern Wasser runterspülen zu können. Als ich das Navi nach der Fahrzeit befrage entscheide ich, die etwas weitere Route zu wählen und mit dem Hund unterwegs ausgiebig in den Wald zu verschwinden. Da ich auf meiner Suche nach einem Platz am See von Google auch Goldberg vorgeschlagen bekommen hatte, fällt mir auf, dass ich dort doch, gewissermaßen um für kommende Urlaube schon einmal erkundet zu haben, zum Gassi anhalten könnte.

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  • …und überall Gewässer 4b – Kniffelterror-Uwe

    „Das is doch alles scheiße hier… weiße wat: ich streich den Viererpasch!“ schimpft Uwe hinter der Hecke und schiebt die Würfel über den Kunststofftisch. Seine Frau hat vorhin schon das Full House gestrichen, den Kniffel lässt sie noch offen. Vielleicht kommt der ja noch.

    Die Familie hinter der Hecke, von der ich nur Uwe namentlich kenne, kniffelt seit gut einer Stunde. Mit einem Glas. Auf einem Kunststofftisch. An diesem wirklich lauen Abend, der Campingplatz liegt ruhig unter den Buchen, Grillen zirpen, der See plätschert, ist das letzte, was die Campingnachbarschaft brauchen kann, ein kniffelnder Uwe. Inzwischen hat er auch die Große Straße gestrichen. Sein Ältester hat, wenn man seiner Rechnung glauben kann, oben nur 27. Alle lachen. Also: niemand lacht, bis auf die Kniffel- Terror- Parzelle. 

    Alle Nachbarn überlegen, ob es nicht ein Kniffelgesetz gibt, das Dauergekniffel verbietet. Oder ob man vielleicht hingehen und eine Zeitung und einen Würfelbecher bringen sollte. Oder diese ignoranten Idioten einfach anschreien. Das würde vermutlich am ehesten helfen. Uwe ist, nach allem was ich von den Gesprächen durch die Hecke so gehört habe, eher so der Typ, der gleich auch die Chance streicht, wenn es mit der kleinen Straße nichts wird.

    Wäre neben mir nicht die Kniffel- Hölle, ich wäre rundum zufrieden mit diesem Reisabschnitt. Beim Einchecken werde ich freundlich begrüßt und man drückt mir einen Dongle in die Hand, Der öffnet die Tür zum Sanitär und bewacht fünf Euro Duschguthaben. Die gut gepflegte Parzelle ist top ausgeschildert und der Strom gut zu erreichen. Das Sanitär ist immer sauber und die Lage am See eh über jeden Zweifel erhaben.

    Als ich alles nötige aus dem Bulli gezogen habe raffe ich mich sofort auf, das SUP an die Pumpe zu stecken um zügig aus den 36°C Sommerhitze auf bzw in den Plauer See auszuweichen. Der ist, ganz im Gegensatz zu dem eingezäunten Brandenburger Vergleichssee, schön klar und sowohl für Hunde als auch für Menschen sind die Badestellen gut erreichbar und wenig eingezäunt.

    Dann paddele ich ein Stück und beobachte die Gegend. Hinten fahren Segelschüffchen vorbei, und ein paar Sportboote legen den Hebel nach vorn. Es wird geSUPt, gepaddelt, Kinder und Eltern werfen einander vom Badeponton und Hunde holen bis zur Erschöpfung immer und immer wieder ihr Spieli aus dem See. Irgendwann beschließe ich, dass Füße rein halten nicht mehr genügt, lasse mich ins Wasser fallen und stehe so lange bis zum Kinn neben dem Brett, bis meine Finger so schrumpelig sind, dass es schwer wird, mit dem Telefon Fotos zu machen. 

    Der Hund döst, bellt, wenn ich ihn zu nah ran navigiere, die gefährlich schaukelnden Bojen an, die den Badebereich markieren, wedelt Hundekumpels auf anderen SUPs zu und sorgt mit seiner roten Rettungsschwimmer- Schwimmweste für aufsehen. Ich erkläre dann, er sei die fellige Reinkarnation von Mitch Buchannon. Manche lachen dann. Andere lächeln. Und googlen später. Vermutlich. 

    In Seenot gerät zum Glück niemand. Mitch kann auf dem SUP sitzen bleiben und sich wieder so nah ans Ufer schippern lassen, bis ihm das Wasser nur noch bis zur Flauschplautze reicht. Da kühlt er sich, bevor wir zurück zur Parzelle gehen, die Beine ab und fällt dann, wie ich, nach dem Abendessen müde auf seinen Schlafplatz. 

    In den nächsten Tagen erkunden wir Plau, essen Eis in Malchow, ärgern uns über schlecht ausgebaute Radwege und amüsieren uns über Freizeitkapitäne, die es nicht schaffen, ihre sackteure Angeberschüffe während der Brückenöffnungszeit durch die Drehbrücke zu navigieren. Mehrere abgebrochene Anfahrten, zwei lange Kratzer und viele eilige Wenden später, als auch der Brückenwärter mit dem Megaphon keine Idee mehr rüber zu brüllen hat, wie der 100 Jahre alte Möchtegern-Käpt nun das Ruder zu legen hat, geben auch die neugierigsten Beobachter auf. Der Käpten wird einen Lotsen an Bord nehmen oder sein Schüff für immer in Malchow lassen müssen. Schade. 

    Zurück am See kühlen wir unsere sechs Füße und machen auch mal einen Tag gar nichts, wenn das Wetter nicht danach ist. Dann gehen wir nur das nötigste Stück Gassi am See, beobachten Angler, Rehe und komische Vögel und lernen Egbert und seinen Amadeus kennen, von denen ich euch ja schon erzählt habe. 

    Und dann, am letzten Abend, als ich eigentlich bereit bin, hier nur Gutes zu berichten, da entscheiden sich die Nachbarn, dass Kniffel doch eine gute Idee wäre. Und ich vermute, ich bin nicht die Einzige, die ihrem Tagebuch von diesen ignoranten Idioten erzählt. Und ich hoffe von Herzen, dass meine Parzellennachmieter gute Nerven haben mögen. Denn Uwe wird eine Revanche wollen, heute Abend.

    Und während ich das hier schreibe, eine gute Stunde westlich, auf dem nächsten Stellplatz, und während ich an Uwe denke, da starten meine Stellplatznachbarn eine Runde Mensch ärgere dich nicht. Natürlich haben sie keine Würfelunterlage. Ich beschließe, morgen in ihrer Abwesenheit eine auf ihrem Tisch liegen zu lassen. Als ich Glo mein Leid klage und eine Audioaufnahme des Würfelgetöses zum Beweis anhänge beschließt sie prompt einen Filzdeckchenverleih als Pitch bei der Höhle der Löwen. Ganz ehrlich: ich bin bereit, im großen Stil zu investieren. 

  • …und überall Gewässer 4a – „Egbert, tu was!“

    …und überall Gewässer 4a – „Egbert, tu was!“

    „Beißt der?“ will die Frau mit dem hässlichen Mops an der Leine wissen, als sie zu uns an die abgelegene Bastelle kommt. „Ich hoffe nicht!“ antworte ich. Trulla ist verwirrt. „Der beißt nicht, wenn Ihrer sich wie ein Hund benimmt!“ zucke ich mit den Schulter, weil ich schon ahne, dass Ivo mit der nicht funktionierenden Körpersprache des Mopses nichts anfangen kann. Wie man einem Hund in Jahrzehnten der Zucht alle notwendigen Kommunikationsmöglichkeiten konsequent wegnehmen kann und dass das überhaupt erlaubt ist, ist mir ein Rätsel. Trulla leint ihren Amadeus ab und der nutzt die Chance, hörbar schnaufend auf Ivo zu zu wetzen. Klar, dass der kleine Bademeister mit dem röchelnden Klops nichts zu tun haben will und gleich mal einen Anschiss verteilt, dass man sich mit nicht sichtbarer Rute und drohendem Schnaufen nicht zu nähern hat.

    „Ich wusste doch, dass sowas passiert!“ zetert Frauchen in Sorge um ihre teure Gartendeko. „Der wird immer gebissen. Dabei macht er gar nichts!“ Vorsichtig versuche ich Amadeus‘ Körpersprachenproblem anzudeuten ohne der Mopsbesitzerin zu sehr auf den Schlips zu treten. Sie versteht nichts. Den Hunden wende ich inzwischen den Rücken zu. Ivo schnüffelt schon weiter an irgendeinem Grashalm und hat weder Lust noch Zeit, irgendwelche dahergelaufenen dicken Mopse zu verhauen. Amadeus allerdings schnauft ihm immer wieder von hinten ins Ohr und wird noch einmal, relativ deutlich, auf sein Fehlverhalten hingewiesen, bevor in aller Ruhe weiter im Gemüse geschnüffelt werden kann.

    Frauchen kriegt Schiss. „Egbert! Geh da jetzt hin!“ weist sie ihren Mann an, sich mit seinen Lederslippern zur Verhinderung weiterer gefährlicher Angriffe schützend zwischen Ivo und ihren armen Amadeus zu werfen. Mops Amadeus, Deko- Artikel von Beruf, versucht derweil, mit den beschränkten Mitteln seiner seltsam über den Rücken gezüchteten Rute und dem röchelnden Atemgeräusch Ivo zu erklären, dass er eigentlich weder droht noch übertriebene Angst hat sondern einfach nur Opfer seiner Zucht ist und friedlich am Grashalm nebenan schnüffeln möchte.

    Ivo ist verwirrt, hält sich das schnaufende Vieh mit einem letzten Scheinangriff vom Flausch, scharrt, um Amadeus zu imponieren und trägt die Rute wie der König der Badestelle so hoch er kann, bevor Slipper- Egbert ebenfalls leicht schnaufend den kurzatmigen Amadeus eingesammelt hat.

    Nach einem kurzen Smalltalk – Frauchen vermutet ich hätte Ivo ein Teletakt- Elektrohalsband angetan, um mögliche Beißattacken zu kontrollieren, ziehen sich Frauchen, Egbert und der etwas verwirrte Amadeus auf ihr millionenschweres Seegrundstück zurück.

    Und irgendwie weiß ich mal wieder nicht, wer mir nach so einer Begegnung am meisten leid tut.

    Außerdem bin ich froh, zufällig Glo als Zeugin der Szene am Telefon gehabt zu haben. Besonders die Sache mit den Namen hätte mir doch sonst wieder niemand geglaubt.

  • …und überall Gewässer 3 – Brandenburg, eingezäunt

    Glindowsee. Hatte ich noch nie gehört. Jetzt biege ich in eine sehr schmale Seitenstraße ab. Das Internet sagt, dass, wer hier zum Einchecken falsch parkt, direkt mit einem horrenden privaten Knöllchen rechnen muss. Mein Vorsatz ist also, den Brummi gleich allen Regeln entsprechend ganz brav an einem legalen Ort warten zu lassen.

    Entgegen aller Befürchtungen weist der Campingplatz direkt am Eingang einen Wartebereich für die Anmeldung aus. Ich gebe mir, von der Inkasso-Knöllchen- Rezension bei Googlen noch immer eingeschüchtert, größte Einparkmühe und suche die Rezeption. Auch hier, warnt das Internet, könne man anecken. Die Chefin sei garstig und soll den einen oder anderen Google- Rezensenten grundlos angefaucht haben. Ich setze also auf überbordende Freundlichkeit und treffe, hinter einen brusthohen Tor, auf eine kleine, sofort sympathische Dame, die sich mit Namen vorstellt, sich entschuldigt, dass die Rezeption eine schlecht ausgeschilderte Notlösung sei, sie noch kurz den Müll wegbringe, mich dann aber wirklich sofort einchecke.

    Angemault zu werden ist nach der Sache mit dem Parken schon die zweite Sorge, die sich innerhalb von Sekunden in Luft auflöst. Beim Anmelden werde ich freundlich mit Kurkarte, Flyern der Region und Infos zum angrenzenden Badestrand versorgt. Dann folgt eine detaillierte Einweisung in die Schlüsselkarte. Die nächsten zwei Tage verbringe ich damit, diese Karte alle paar Meter an einen Durchgang zu halten, um passieren zu dürfen. Im Sanitärgebäude, dessen Tür ich von innen mit der Klinke öffnen kann, weist mich ein großer Zettel darauf hin, bei Verlassen des Duschbereichs mit der Schlüsselkarte „ordnungsgemäß auszuchecken“. Offenbar werden hier Daten übers Rein und Raus der Gäste erhoben. Natürlich mache ich das nicht. Das Sicherheitssystem des Platzes vermutet nun wahrscheinlich, dass ich das Sanitär seit Dienstag, 16.00 Uhr nicht mehr verlassen, trotzdem aber alle möglichen Törchen zum Badesteg, Bootssteg, Müllplatz und zurück zu meinem Stellplatz bedient habe. Vielleicht hat mein ungehöriges Nichtauschecken zu diversen Sicherheitswarnungen und Computerabstürzen geführt. Ich finde aber, dass die freundliche Dame nicht wissen muss, wie lange ich im Sanitär für die Eins, die Zwei oder die Dusche brauche…

    Die Tage verbringe ich auf dem leider stark von Algen befallenen Glindower See und mache einen wirklich schönen Fahrradausflug ins beschauliche Potsdam. Die Radwege sind super ausgebaut, Autos begegnen mir nur wenige und auch der Hund kommt in den Wäldern auf seine Jogging- Kosten. Eigentlich wollte ich mir in Ruhe Sanssouci anschauen, mache aber wegen 36°C Hitze und der unerbittlich auf die Freiflächen ballernden Sonne nur einen japanischen Fotostopp und verziehe mich zügig unter einen Sonnenschirm in der Fußgängerzone. Angesichts des Wetters entscheide ich mich für Chicken Teriyaki mit Jasminreis und Salat, nenne es aber, um die Betriebsabläufe nicht zu stören, der Karte entsprechend „Teriyaki Bowl“. Die Nähe zu Berlin und seinen Hipstern ist auch an Potsdam nicht spurlos vorüber gegangen.

    Als ich am späten Nachmittag mit dem schon gewohnten „Düdüt“ der Schlüsselkarte zurück auf den Platz fahre bin ich froh, Ivos neuen Anhänger abzukuppeln und ohne große Umwege mit dem SUP auf den See zu starten. Der Algen wegen verzichte ich aufs Schwimmen und begnüge mich damit, hier und da an- und die Beine ins Wasser zu halten. Auch Ivo stellt sich am Ufer immer wieder bis zur Flauschplautze in den See. Davon, daraus zu trinken, rate ich ihm sicherheitshalber eindringlich ab.

    Abends erscheint plötzlich ein Nachbar auf meiner Parzelle und wundert sich, dass der Hausmeister das so überhaupt nicht locker sieht. Der Mann, Typ „zerstreuter Camping- Professor“, fragt, ob er meinen Camper mal von innen sehen dürfe, er habe seinen T6 selbst ausgebaut. Wir einigen uns darauf, dass ich dann aber auch mal gucken darf. Schon verrückt, was manche Menschen sich einbilden, bauen zu können. Im WDR gab’s mal eine Handwerker- Doku mit dem treffenden Titel „Soll das so…?“, in der Handwerkerprofis Heimwerker retteten, wenn deren Projekte zu arg am Ziel vorbei schossen. Dieses arme Auto hier wäre ein Kandidat für die nächste Staffel. Und die übernächste. Schade um den schönen Bulli.

    Die Abende beschließe ich mit Salat und Pitabrot und lausche dabei den drei Dauercampernachbarn gegenüber, die über die Chefin, ihre Handlanger und den Zustand der Anlagen lästern und am zweiten Abend leise alte Maffay- Hits singen, weil „Mannis Plutuh-Box keinen Saft mehr hat.“

    Zum meiner Linken schlafen müde Camping- Kinder bei offenem Wohnwagenfenster mit „Bibi und Tina und der Waldbrand“ ein und ich hoffe, dass ich bei Warnstufe vier von fünf dem Thema in diesem Urlaub nirgends näher komme als hier.

    Bei meiner Abreise werfe ich Karte nach einem letzen Düdüt in den Briefkasten und bin froh, weiterzuziehen. Ich freue mich auf einen klaren See, einen grünen Platz, mehr Schatten und weniger Düdüt. Keine Ahnung, vor was für Eindringlingen man hier Angst hat. Jedes dieser Tore kann man, wenn man nur will, leicht überklettern und von der Seeseite den Platz sowieso gut erreichen (sofern man eins der wenigen nicht eingezäunten Stücke Ufer zum Einsetzen seines Piratenschiffs findet), aber angesichts der überall hier stehenden beeindruckenden Zäune, Tore und Stacheldrähte scheint man in Brandenburg ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis zu spüren.

    Mal schauen, wie sicher ich mich in MV ohne pausenloses. Düdüt fühle. Zum Glück habe ich ja meinen kleinen Wachhund dabei. Der macht bei Bedarf auch Geräusche. Aber andere.