…und überall Gewässer 4b – Kniffelterror-Uwe

„Das is doch alles scheiße hier… weiße wat: ich streich den Viererpasch!“ schimpft Uwe hinter der Hecke und schiebt die Würfel über den Kunststofftisch. Seine Frau hat vorhin schon das Full House gestrichen, den Kniffel lässt sie noch offen. Vielleicht kommt der ja noch.

Die Familie hinter der Hecke, von der ich nur Uwe namentlich kenne, kniffelt seit gut einer Stunde. Mit einem Glas. Auf einem Kunststofftisch. An diesem wirklich lauen Abend, der Campingplatz liegt ruhig unter den Buchen, Grillen zirpen, der See plätschert, ist das letzte, was die Campingnachbarschaft brauchen kann, ein kniffelnder Uwe. Inzwischen hat er auch die Große Straße gestrichen. Sein Ältester hat, wenn man seiner Rechnung glauben kann, oben nur 27. Alle lachen. Also: niemand lacht, bis auf die Kniffel- Terror- Parzelle. 

Alle Nachbarn überlegen, ob es nicht ein Kniffelgesetz gibt, das Dauergekniffel verbietet. Oder ob man vielleicht hingehen und eine Zeitung und einen Würfelbecher bringen sollte. Oder diese ignoranten Idioten einfach anschreien. Das würde vermutlich am ehesten helfen. Uwe ist, nach allem was ich von den Gesprächen durch die Hecke so gehört habe, eher so der Typ, der gleich auch die Chance streicht, wenn es mit der kleinen Straße nichts wird.

Wäre neben mir nicht die Kniffel- Hölle, ich wäre rundum zufrieden mit diesem Reisabschnitt. Beim Einchecken werde ich freundlich begrüßt und man drückt mir einen Dongle in die Hand, Der öffnet die Tür zum Sanitär und bewacht fünf Euro Duschguthaben. Die gut gepflegte Parzelle ist top ausgeschildert und der Strom gut zu erreichen. Das Sanitär ist immer sauber und die Lage am See eh über jeden Zweifel erhaben.

Als ich alles nötige aus dem Bulli gezogen habe raffe ich mich sofort auf, das SUP an die Pumpe zu stecken um zügig aus den 36°C Sommerhitze auf bzw in den Plauer See auszuweichen. Der ist, ganz im Gegensatz zu dem eingezäunten Brandenburger Vergleichssee, schön klar und sowohl für Hunde als auch für Menschen sind die Badestellen gut erreichbar und wenig eingezäunt.

Dann paddele ich ein Stück und beobachte die Gegend. Hinten fahren Segelschüffchen vorbei, und ein paar Sportboote legen den Hebel nach vorn. Es wird geSUPt, gepaddelt, Kinder und Eltern werfen einander vom Badeponton und Hunde holen bis zur Erschöpfung immer und immer wieder ihr Spieli aus dem See. Irgendwann beschließe ich, dass Füße rein halten nicht mehr genügt, lasse mich ins Wasser fallen und stehe so lange bis zum Kinn neben dem Brett, bis meine Finger so schrumpelig sind, dass es schwer wird, mit dem Telefon Fotos zu machen. 

Der Hund döst, bellt, wenn ich ihn zu nah ran navigiere, die gefährlich schaukelnden Bojen an, die den Badebereich markieren, wedelt Hundekumpels auf anderen SUPs zu und sorgt mit seiner roten Rettungsschwimmer- Schwimmweste für aufsehen. Ich erkläre dann, er sei die fellige Reinkarnation von Mitch Buchannon. Manche lachen dann. Andere lächeln. Und googlen später. Vermutlich. 

In Seenot gerät zum Glück niemand. Mitch kann auf dem SUP sitzen bleiben und sich wieder so nah ans Ufer schippern lassen, bis ihm das Wasser nur noch bis zur Flauschplautze reicht. Da kühlt er sich, bevor wir zurück zur Parzelle gehen, die Beine ab und fällt dann, wie ich, nach dem Abendessen müde auf seinen Schlafplatz. 

In den nächsten Tagen erkunden wir Plau, essen Eis in Malchow, ärgern uns über schlecht ausgebaute Radwege und amüsieren uns über Freizeitkapitäne, die es nicht schaffen, ihre sackteure Angeberschüffe während der Brückenöffnungszeit durch die Drehbrücke zu navigieren. Mehrere abgebrochene Anfahrten, zwei lange Kratzer und viele eilige Wenden später, als auch der Brückenwärter mit dem Megaphon keine Idee mehr rüber zu brüllen hat, wie der 100 Jahre alte Möchtegern-Käpt nun das Ruder zu legen hat, geben auch die neugierigsten Beobachter auf. Der Käpten wird einen Lotsen an Bord nehmen oder sein Schüff für immer in Malchow lassen müssen. Schade. 

Zurück am See kühlen wir unsere sechs Füße und machen auch mal einen Tag gar nichts, wenn das Wetter nicht danach ist. Dann gehen wir nur das nötigste Stück Gassi am See, beobachten Angler, Rehe und komische Vögel und lernen Egbert und seinen Amadeus kennen, von denen ich euch ja schon erzählt habe. 

Und dann, am letzten Abend, als ich eigentlich bereit bin, hier nur Gutes zu berichten, da entscheiden sich die Nachbarn, dass Kniffel doch eine gute Idee wäre. Und ich vermute, ich bin nicht die Einzige, die ihrem Tagebuch von diesen ignoranten Idioten erzählt. Und ich hoffe von Herzen, dass meine Parzellennachmieter gute Nerven haben mögen. Denn Uwe wird eine Revanche wollen, heute Abend.

Und während ich das hier schreibe, eine gute Stunde westlich, auf dem nächsten Stellplatz, und während ich an Uwe denke, da starten meine Stellplatznachbarn eine Runde Mensch ärgere dich nicht. Natürlich haben sie keine Würfelunterlage. Ich beschließe, morgen in ihrer Abwesenheit eine auf ihrem Tisch liegen zu lassen. Als ich Glo mein Leid klage und eine Audioaufnahme des Würfelgetöses zum Beweis anhänge beschließt sie prompt einen Filzdeckchenverleih als Pitch bei der Höhle der Löwen. Ganz ehrlich: ich bin bereit, im großen Stil zu investieren. 

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