…und überall Gewässer 5a – Auf dem Weg nach Schwerin; Gassi ohne Gold und Berg

Das wars, Plau. Schön war‘s bei dir am See. Unerwartet schön sogar. Ich verlasse den Platz, verursache mit dem Ausdruck der Rechnung einen nie dagewesenen Papierstau im neuen Drucker der Rezeption, werde für meine Wartezeit mit sehr fragwürdigen Dinkelkeksen entschädigt und bin froh, diese trockene Teigfrechheit zurück am Auto mit einigen Litern Wasser runterspülen zu können. Als ich das Navi nach der Fahrzeit befrage entscheide ich, die etwas weitere Route zu wählen und mit dem Hund unterwegs ausgiebig in den Wald zu verschwinden. Da ich auf meiner Suche nach einem Platz am See von Google auch Goldberg vorgeschlagen bekommen hatte, fällt mir auf, dass ich dort doch, gewissermaßen um für kommende Urlaube schon einmal erkundet zu haben, zum Gassi anhalten könnte.

Außerdem fällt mir bei ein wenig hin und her scrollen in der Karte auf, warum in meinem Hinterstübchen bei „Goldberg“ gleich was klingelte. Ich vergewissere mich in einem länger zurückliegenden Chat, ob ich auch nichts verwechsele, klicke mich ein wenig durch die Geocaching- App und stoße auf zwei Dosen, die ich quasi aus nostalgischen Erwägungen zu besuchen beschließe. Eine, so schreiben die Vorlogger, sei feucht. Die andere wurde nicht zuverlässig von allen Suchenden gefunden. Vielleicht kann ich dem Owner, der den Lock-Lock-Dosen eigentlich vor Jahren den Rücken gekehrt hat, ja eine Wartung abnehmen.

Auf dem Weg zum Start fahre ich von einer unendlich langen Landstraße auf die nächste und komme durch so etwas wie Goldbergs Ortskern. Am Straßenrand wechseln sich renovierte Häuschen mit zugenagelten Bruchbuden ab. Wikipedia verrät, dass sich die Einwohnerzahl Goldbergs seit 1990 um knapp 1/3 verringert hat. Die Menschen, die früher hinter den zum Teil urigen Fassaden lebten, sind weggezogen. Ein Schicksal, das hier vermutlich sehr viele Dörfer teilen.

Auch die Bundeswehr, die, auch das verrät mir Wikipedia, hier bis Mitte der 90er einen Standort hatte, hat Goldberg verlassen und ein bisschen frage ich mich, wer wohl überhaupt noch hier ist. Als Kind des Ruhrgebiets kommen mir nahezu menschenleere Dörfer wie dieses ein bisschen seltsam vor. Könnte ich mich hier dauerhaft wohlfühlen? Ich weiß es nicht. Die Nähe zum Trubel der Großstädte, zu ihren Kleinkunstbühnen, den Halden, der Fußballtempeln, die Mischung aus A40 und Breckerfeld, sie würde mir wohl fehlen. Und: wovon leben die Menschen hier, wo gefühlt nichts ist?

Nachdenklich parke ich den Bulli auf dem recht einsam scheinenden Ausflugsparkplatz, den ich wegen der Nähe zu beiden Geocaches ausgesucht habe. Ein überdimensionales Holzschild will mich auf eine ehemalige Tongrube hinweisen. Klingt jetzt erstmal nicht irre aufregend, aber warum nicht mal anschauen, wenn ich schon hier bin. Einmal mehr habe ich den Eindruck, diese so zauberhafte Region, deren größter Schätz unbestritten Weite und Natur sind, versucht halbwegs verzweifelt, auch mit ihren kleinen Schätzen zu werben. Hier also mit einem Tongrubenlehrpfad.

Bevor ich mich allerdings damit befasse gehe ich erstmal zu Dose Nummer Eins und erschrecke dort eine nette Schnecke, die sich und ihr Häuschen an die leicht lädierte Lock-Lock Dose gepappt hat. Vorsichtig bemühe ich mich, sie vor dem Öffnen der Dose abzulösen. Sie allerdings hat hier wohl die älteren Rechte. Ich stelle also Deckel und Schnecke erstmal hochkant an den Baum und hoffe, sie so zu einem freiwilligen Wegzug zu bewegen. Inzwischen widme ich mich dem Logbuch, das sich ebenfalls fest in Schneckenhand… also… nicht direkt Hand… aber immerhin unter Schneckenaufsicht befindet. Die Seiten des Oktavhefts sind so lange Witterung und Waldbewohnern ausgesetzt gewesen, dass es mir aussichtslos erscheint, mich darin zu verewigen. Immerhin kann ich mit ein bisschen Zewa, einer neuen Druckverschlusstüte und einem kleinen Notizbuch den Cache wieder in einen loggbaren Zustand versetzen. Die Schnecke hat sich, während ich hier durchkärchere, mit weit ausgestreckten Fühlern und so schnell Schnecken eben sind einen neuen Platz in der Nähe gesucht. Vielleicht trifft sie sich, um von dem Aufruhr zu berichten, mit einem Käfer in der Kiefer gegenüber. Oder sie ist, während ich das hier schreibe, schon wieder zu ihrer geliebten Lock-Lock-Dose zurückgekehrt. Man hat ja seine Gewohnheiten.

Ich verlasse Dose Nummer Eins einigermaßen zufrieden mit meinem Wartungsergebnis, wasche am Bulli meine Hände und breche auf zum nächsten historischen Dosen-Streich. Dazu schlage ich mich, dem Tongrubenlehrpfadhinweisschild folgend, an der Zufahrt des ehemaligen Armeestandortes ins Gebüsch.

Am etwas furcheinflößenden Zaun weisen mich wacklige Schilder auf bissige Hunde hin, die auf dem Gelände revieren. Ich vertraue darauf, dass der letzte Wachhund mit dem letzten Soldaten ausgezogen und mein kleiner Hausmeister hier der einzig bissige Kollege ist, zumal der Zaun alle paar Meter mehr oder weniger große Löcher hat. Rechts von mir, so verraten deutlich freundlichere Hinweistafeln, befände sich die ehemalige Tongrube. Leider sind die Schilder so dermaßen mit Daten und Fakten überladen, dass ich keine Lust habe, tiefer in die Tongrubensache abzutauschen. Ich beschließe, einfach die Natur und den einsamen Wanderweg zu genießen und nur so viel Infos aufzuschnappen, wie bei einem warmen Gassi eben hängenbleiben. Nicht viele, leider. 

Als ich den Wald hinter mir lasse passiere ich das Revier zahlreicher Ameisenstämme, die zu tausenden über den Waldboden flitzen, um rund um ihre kniehohen Hügel ihrer Arbeit nachzugehen. Dass ich Riesin hier wie ein Elefant durch den Porzellanladen poltere und sicher für größere Schäden sorge, tut mir leid. Ich versuche deshalb, den einen oder anderen Bogen um die Hügel und trotzdem das eine oder andere Foto von den ziemlich großen Krabblern zu machen. Die allerdings haben wirklich besseres zu tun, als mir Modell zu stehen und keine Zeit für einen Fotostopp. Um zu verhindern, dass sie erst den Hund und dann mich aus ihrem Baustellenbereich schleppen ziehe ich schnell weiter in Richtung Dose. An einer Streuobstwiese komme ich an einem Aussichtsturm vorbei. So recht erschließt sich mir nicht, was ich von dort erkunden könnte. Der Wald und die Streubostwiese sind auch von unten nett. Ich klaue nach kurzer Marktschau einen der reifer aussehenden Äpfel, der sich allerdings als so sauer erweist, dass weder ich noch der Hund ihn aufzuessen bereit sind. Vielleicht können die Ameisen ja was damit anfangen.

Zurück auf dem schmalen Pfad höre ich ein Moped in meine Richtung knattern. Ich bin hier so weit ab vom Schuss, dass ich für eine Millisekunde hoffe, nicht Opfer einer räuberischen Dorfmopedgang zu werden. Dass dieser Gedanke natürlich vollkommener Unfug ist stellt sich heraus, als der junge Simsonfahrer mit dem Calimero-Helmchen nicht nur freundlich grüßt sondern, um den Hund nicht mit seinem Getöse zu erschrecken, einen übergroßen Bogen durchs unwegsame Gemüse fährt. Abstand halten, das scheint in einem so wenig besiedelten Gebiet noch eine ganz andere Bedeutung zu haben.

Wenige Meter vor dem Versteck nehme ich das Telefon zur Hand und lese den Hint. Auf eine lange Suche habe ich mal wieder keine große Lust. Was jetzt bimmelt ist allerdings nicht der fällige Annäherungsalarm sondern eine Nachricht des Cache- Owners, der von meiner Suche genauso wenig weiß wie von meinem Stopp in dieser Gegend, die eigentlich seine ist.

Obwohl ich erst im Log auf meinen Besuch hinweisen wollte plaudere ich aus, wo ich mich befinde. Nach kurzer Suche, auch diese Dose ist schon ein wirklich altes Schätzchen, stellt sich heraus, dass das Versteck über die Jahre ein wenig gewandert ist. Die Dose allerdings scheint hier in Sicherheit und die Tarnung funktioniert. Da zufällig auch der Hint noch passt beschließen wir, dass sie bleiben darf.

Zufrieden mache ich mich auf den Rückweg zum Auto. In der Ferne brettert der Teenie mit Karacho übers Stoppelfeld. Die Sonne steht hoch über der Streuobstwiese und ich gehe, an den Löchern im Zaun vorbei, von gefährlichen Wachhunden unbescholten zurück zum Bulli.

Wie das ist, hier zu wohnen, wo nix ist, kann ich mir noch immer nicht vorstellen. Hier auf einen Gassi-Stopp gewesen zu sein, das war allerdings wirklich schön.

Also: „Danke an den Cache-Owner fürs Legen und Herlocken. In: Ersatzlogbuch. Out: eine Schnecke; DfdC“

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