„Pommes!“ – antwortet Tina blitzschnell auf Peters Frage, ob es denn wenigstens eine Belohnung gibt, wenn man einen Labcache fertig hat. Er fragt natürlich nicht nach einem Labcache, er fragt, was man bekommt, wenn man „das hier“ fertig hat. Vermutlich meint er mit „das“ aber sowas wie „das sinnlose Gelatsche“ – er sagt es bloß freundlich. Danke dafür an dieser Stelle. Wir arbeiten uns am Wasserdings auf dem Marktplatz vorbei zu einer Kirche, die mir weniger in Erinnerung bleiben wird als die Brücke davor, deren Pfeiler jeweils von einem Bronzeschwein besetzt werden. Wissende Vorbeigehende kraulen, je nach Schweinchenposition, kurz Bauch oder Ohr, ehe sie ihren Weg fortsetzen. Auf der Suche nach der Sage, derentwegen hier Schweinebäuche auf Hochglanz geschubbert werden, stoße ich auf das Baujahr der Brücke. 1994. Entweder ich bin so alt, dass ich schon 11 war, als Sagen entstanden, oder der Schweinebrückensouvenirladenbesitzer schräg gegenüber hat wirklich ein erschreckend gutes Marketing. In jedem Fall hat er 2,50 Euro mehr im Sparschein. Ich habe einen Schweinepridemagneten gekauft.
Mit zwei Kugeln Eis im Bauch, Schweinemagnet in der Tasche und gelöstem Labcache im Handy gehen wir nach einer netten Runde durch Altstadt und Hafen zum Auto zurück. Die beim Blick aufs Regenradar entstandene Idee, dem Wetter in Richtung Norden auszuweichen, weil Petrus offenbar beschlossen hat, den Schweriner See heute mal ordentlich aufzufüllen, ist absolut aufgegangen.
Am Abend brausen (bzw. E-Biken) wir dann am Schloss vorbei in Richtung Pommes. Dazu soll es ein Schnitzel werden, in das ein Schweriner Schnitzelbräter zu Peters Zufriedenheit Chorizo und Käse gefüllt hat. Tina und ich entscheiden uns für Burger und Pommes. Die Bedienung entscheidet sich, Tinas zweites Getränk erst zur Rechnung zu servieren und anschließend entscheiden wir uns, noch kurz am Marktplatz vorbei zu brausen, wo ein Sänger sich dazu entschieden hat, sich die Bühne mit einem lebensgroßen Einhorn und einem Hahn zu teilen. Welche abendliche Entscheidung die verrückteste war, bemisst bitte jeder und jede von euch für sich.
Das ist dann auch der Zeitpunkt, an dem wir den Rückzug antreten. Am Schloss ist schon die Kitschbeleuchtung an, über dem See verziehen sich die letzten freundlichen Wolken des Tages. Wir setzen uns (warum auch immer) statt aufs Sofa auch heute Abend wieder an den Esstisch der Ferienwohnung, über dem die dimmbare Lampe alle paar Minuten langsam aber stetig eigenständig zu dimmen beginnt. Also: aus geht. Vielleicht ein Zeichen, dass auch wir diesen Tag langsam beenden sollten.
Gestern übrigens lief der Tag recht ähnlich ab. Allerdings war der Ausflug nach Wismar da ein Ausflug nach Schwerin, anstelle von Schnitzel und der Burger befanden sich auf dem Ferienwohnungstisch die Reste des unsterblichen Nudelsalates und als die Lampe friedlich in den selbstbestimmten Feierabend überging, zockte mich Tina im Schummerlicht mehrfach knapp in Rummikub ab, während wir uns nicht sicher waren, ob Peters Actionfilm nebendran evtl morgen (das ist heute) zu Schlagzeilen á la: „Heftige Explosionen in Ostorf – Rummikubpartie wegen starker Erschütterungen mehrmals unterbrochen. Keine Schweriner unter den Opfern“ führen würde. Ich habe mich nicht getraut, in die Zeitung zu schauen, aber wer auch immer bschlossen hat, dass Actionszenen die etwa 24fache Lautstärke des übrigen Films haben, dem möge fortan das Kopfkissen immer auf beiden Seiten warm und die Ärmelbündchen immer ein wenig feucht sein.
Hach. Sumpfzypresschen und die mehr als sieben ZwergeHach.Winkel: weitHab kurz gedacht, die Radtour sei eskaliert.Markt.Hach.Füsch.Eis. mit eine WENIG Eierlikör.Tisch. Noch nicht erschüttert.Wismarer Prideschwein.Zwischenstopp an der FeWoNoch mal los zum Essen am abendlich leuchtenden Sc
Heute: Schwerin. Nachdem gestern auf dem Weg zum Einkaufen nur ein mühsamer Blick aus dem Autofenster in Richtung Schlosspark drin war, wollen wir heute auch das Schloss sehen. Wir, das sind zwei Schweriner Erstbesuchende und ich, die gerade überlegt, wie oft sie schon am See entlang in Richtung Schloss geradelt sein mag. Das Handy weiß es vermutlich. Und ältere Lesende auch. Ich scheitere daran, die Kurzbesuche mitgerechnet, die Schlossblicke an einer Hand abzuzählen. Einmal dachte ich ja, ich sei fertig mit diesem großen Dorf. Aber man muss auch einsehen, wenn man sich getäuscht hat. Hatte ich offenbar damals. Denn auch heute freue ich mich, als zwischen den Bäumen des Schlossparks vor grauem Himmel die goldenen Spitzen erscheinen. Wenn jetzt auch noch die Sonne rauskäme, ich wäre fast ein bisschen sauer, wie hübsch das alles schon wieder ist. Aber dass ich aus irgendwelchen Gründen dieses See-Schloss-Park-Museums-Fuzo-Marstall-Noch-N-See-Waffel-Noch-N-See-Ensemble (Einheimische lesen das bitte laut vor) auch bei Regen nicht hässlich finden kann, hatte ich ja vor Jahren schon hier festgestellt.
Wir gehen einen Runde an der Schwimmenden Wiese vorbei zum Schloss, haben auch beim Spaziergang drumrum sogar das Glück, trocken zu bleiben und schaffen es mit nur einem kleinen Schauer bis zu einem Café mit Waffeln, die sich zu Peters Erschüttern in der Karte als zucker-und weizenfrei herausstellen. Ist das überhaupt erlaubt? Regen, Dinkel… was noch, Schwerin? Was noch? Auch bei Tina kommt die fluffige Dinkelhaftigkeit des Gebäcks nur begrenzt an. Ich vermute allerdings, wer sich eine Waffel mit Rhabarber bestellt und im Übrigen die fiesen eckigen braunen Klötze aus der Haribo-Colorado-Mischung am liebsten mag, sollte mit Urteilen über den Geschmack von Süßspeisen eher zurückhaltend sein. Aber da mag ich auf Widerspruch stoßen…
Ich versuche, die Neubesucher auf dem Rückweg zur Ferienwohnung mit einem Blick von Adebors Näs über den Schweriner See wieder auf meine Seite zu bringen. Adebors Näs dürfte, wenn ich nicht ganz falsch liege, sowas wie „Storchenschnabel“ bedeuten. Jedenfalls führt hier, ein ganzes Stück vom Schloss entfernt, ein langer schmaler Hozsteg über moorigen Boden durch hohe Ufergräser ans Wasser und man kann, wenn nicht gerade Sonntag ist und da Menschen sind, eigentlich ganz nett sitzen und gucken. Aber Sitzen und Gucken ist hier heute offenbar nicht gefragt, denn erstens ist Sonntag und hier sind Menschen und zweitens gucken die die Gräser hier nicht nur an sondern konsumieren auch welche, was beim Sitzen und Gucken zu einer gewissen Geruchsbelästigung zum Nachteil der Mitreisenden geführt hätte. Bei der anschließenden Diskussion merke ich an, dass Kiffer im Gegensatz zu Trinkern nach meiner Erfahrung immerhin am Ende des Tags friedlich ihrer Wege ziehen und man, was den Job angeht, erstmal keinen Ärger und mehr oder niger neuerdings ja auch sonst keine Baustelle mehr hat, kommen wir auf keinen grünen Zweig. Immerhin schaffen wir es aber trotz Adebors Umweg noch trocken in die Ferienwohnung zurück.
Tina zieht mir beim Monopoly Deal die Millionen aus der Tasche. Ich ergebe mich meinem Schicksal, zahle bis zum Bankrott und tröste mich mit dem Gedanken, gleich eine unvernünftig große Portion Nudelsalat von gestern zu essen.
Als Peter anschließend versucht, mich argumentativ mit der Qualität einer Netflixserie zu überzeugen gelingt es mir zwar nicht, ihm plausibel zu erklären, dass mit mir keine Folge zu gucken sein wird, ich werde aus dem Thema aber irgendwann an mein iPad entlassen. Wer auch immer schon versucht hat, mit mir zusammen Fiction außerhalb von Comedy und oder einem Tatort zu gucken, wird wissen, dass mein Griff zum iPad für Alle das Beste war. Außerdem hab ich das Ende der Serie, die jetzt gerade in diesem Moment schräg neben mir läuft, schon lange gegoogelt. Die Zeit, das zu gucken könnten die Beiden sich demnach eigentlich sparen. Wartet, ich rufe kurz rüber… „Samma: Wisst ihr eigentlich, was die in der Seniorenresidenz wirklich ge…“ – ah, nee, vielleicht lieber nicht… Wer die braunen Hariboklötze mag, dem ist schließlich alles zuzutrauen…
Schloss. Noch da. Ein Rahmen hat noch keinem Bild geschadet. Schüff.9,99km – die 10m hätte ich auch noch gehen sollen… naja…Wenn DAS deine Lieblings sind, dann… geh halt zum Arzt 😉 Der Mann im Fernsehen guckt so gruselig, während ich hier tippe.
Die aufmerksame Leserin hat schon längst bemerkt, dass ich hintenraus nachlässig geworden bin, was die Dokumentation des Frankreichurlaubs anging. Nicht aus Zeitmangel oder Bequemlichkeit. Es war die Faulheit, die mich abhielt, euch zu berichten, von den letzten Stopps. Und ein bisschen auch die Tatsache, dass ich genervt war, von der ewigen Suche nach der Wolkenlücke auf dem Regenradar bei der Auswahl des nächsten Ziels.
Reiten wir also im Eselstrab zügig, aber nicht übereilt, durch die Aufzeichnungen meines Tagebuchs und werten gemeinsam aus, was da noch so war…
Lac du Der
Auf dem Weg weiter nach Norden, zu einem Camping, von dem ich euch gleich auch definitiv noch zu berichten haben werde, machen wir bei herrlicher Sonne einen ausflugsartigen Zwischenstopp an einem der vielen Seen, die Frankreich hier, in seiner Mitte (naja, da haben die ja viel von, aber hier ist auf jeden Fall auch eine) bereithält.
Als wir uns an der Karte langsam ran zoomen, an den Lac, stellt sich bald heraus, dass das hier keine entspannte Spazierrunde um den See werden könnte. Wer deutsche Zoomverhältnise gewöhnt ist, vermutet das beim Blick auf die Karte vielleicht. Im Größenvergleich zu Frankreichs Mitte ist das hier ein normalgroßer See. Im Vergleich zur Hunderunde allerdings sind es mehrere Tagesritte.
Also lassen wir uns von kommot einen machbaren Ausflug planen, finden bald heraus, dass das hier Frankreichs größter Stausee zu sein scheint, besuchen die beim Stauseebau errichtete Kirche und staunen über das Kirchenfenster, das in Gedenken an die im See versenkten Dörfer eine Giraffe ziert, die am Seegrund im ehemaligen stehend ihren Kopf im Gegensatz zu allen anderen noch aus dem Wasser zu recken in der Lage ist.
Wir peilen Pommes an, müssen dazu über eine (wie ich, wieder vollends von meinen Fußgängerbrücken Erfahrungsgrößen ausgedribbelt die Seegröße verkennend) für eher kurz gehalten hatte, die sich aber dann als Metallgitterkonstruktion erweist, auf die verständlicherweise der Hund nicht eine Pfote zu setzen bereit ist. Der Hund natürlich, der bei der Giraffenkirche noch seine untere Hälfte in den See getunkt hatte. Bei der 10minütigen Brückenquerung kühlt also nun Ivos feuchte Plauze meine bislang trockene. Aber was tut man nicht alles für seinen kleinen Hausmeister…
Auf dem Rückweg nah der feine Herr Fifi dann auf meiner rechten Schulter platz, was mir ein bisschen erleichterte Trageverhältnisse und ihm die Option verschaffte, sich mit seinem linken Hinterbein auf meinem Rücken festzukrallen.
Camping Le Colombier
Auf dem Weg zum Campingplatz fuhren wir dann durch eine Landschaft, die sehr an die Eifel erinnert, allerdings mit dem Unterschied, dass das Fachwerk hellbraun ist, die urigen Straßendörfchen winzig sind und jede Milchkanne hier ein eigenes kleines Rathaus hat.
Irgendwann wird die Landschaft weiter, wir passieren einen enormen Militärstandort und parken ein paar Kilometer weiter den Brummi an der Einfahrt einer keinen Festung, die offenbar unser Campingplatz sein soll. Hinter den Mauern verschwindet Glo zu einem etwa 20minütigen Eincheckvorgang, bei dem ihr der Platz, die Schlappenpflicht im Sanitär, die Sehenswürdigkeiten der Gegend und alles darüber hinaus erläutert werden. Dann suchen wir zu Fuß einen Platz aus, finden einen ohne Nachbarn im Halbschatten und die Masse Schranke öffnet sich. Wenn alle Campingplatzbetreiber sich nur halb so viel Mühe gäben wie dieser hier, wäre die Welt eine deutlich bessere.
Auch hier haben wir uns in Sachen See verschätzt, was die Entfernung zum Ufer und die Größe des Gewässers betrifft, aber immerhin schaffen wir es an zweiten Tag unter die Bäume am Ufer, um dort mehreren Jetskifahrern zu lauschen, die die eh viel zu herrliche Ruhe mit ihren monströsen Maschinen zum Glück ein bisschen unterbrechen. Wir spielen ein paar Runden Quixx auf einer Picknickbank und schaffen es angemessen hungrig an den heimischen Grill zurück. Ich will nicht sagen, wir seien primitive Esserinnen, aber Bratkartoffeln mit Bratwurststücken und Baguette mit Humus tragen uns recht verlässlich durch diese Reise.
Um die kulinarische Erfahrung vollends abzurunden entscheide ich mich für ein Twister Eis aus dem Campingshop und packe zufrieden am Abend die Küche und die Sitzgelegenheiten wieder ins Auto. Morgen geht es weiter. Über Nacht soll es Regnen. Die Regeln des Urlaubs gelten für alle Stationen…
Calais
Das Regenradar verspricht für die kommenden Tage nur für wenige Abschnitte der Küste ein wenig Hoffnung auf Sonne. Also gurken wir schon wieder einige hundert Kilometer nach Norden. Die Eifeligkeit der Landschaft nimmt langsam ab, bis wir irgendwann in Calais auf einen Platz fahren, der mit dem letzten bis auf den Zweck des Übernachten wenig gemeinsam hat. Die Frau am Empfang hat keine Lust auf irgendeine Art von Erklärung. Der Flyer mahnt, dass „Abflüge“ bis maximal 12 Uhr zu erfolgen haben und auch sonst ist das hier alles eher ein nett parzellierter Parkplatz mit okayem Sanitär.
Hinter dem Zaun und einem kleinen Wohngebiet stehen wir dann plötzlich am Meer. Nach London wäre es jetzt näher als nach Hause. Leider haben wir gerade weder Kahn noch Reisepass, also entscheiden wir uns, den Urlaub hier zwei Tage ausklingen zu lassen und dann scharf nach Osten abzubiegen.
Calais hält, was eine Gebrauchs-Stadt verspricht. Alles hier dient dazu, dass Menschen auf Fähren oder in Tunneln auf eine Insel kommen. Der Stadtkern hat weitestgehend keine Lust auf Kundschaft und schließt seine Geschäfte, wenn Menschen dort etwas zu kaufen drohen. Die meisten Cafés und Restaurants fallen deshalb aus. Mit Ach und Krach gelingt es uns, einen Magneten in der Touristeninfo zu kaufen. Der anschließende Cappuccino erweist sich als lauwarmer Milchkaffee mit Sprühsahne. Immerhin gibt diese „Stadt“ ein stimmiges Bild ab. Als wir uns im Einkaufscenter vor dem Regen verkriechen wollen stellt sich raus, dass der Hund nicht mit rein darf. Dass er daraufhin seinen Mageninhalt vor den Haupteingang ausleert, finde ich übertrieben. Aber muss er selbst wissen. Glo sucht in dem Center dann eine Toilette, findet aber nur einen Viererzug Nationalgardisten in urbanem Flecktarn an den Schaufenstern entlang Streife gehen, dass es jedem Taschendieb Angst und Bange wird. Der Jüngste in der Runde sieht ernsthaft aus, als sei er noch gar nicht volljährig und müsste in Helm und Sturmgewehr erst noch reinwachsen. Aber die anderen drei haben ausreichend trainiert, um den kleinen sicher wieder nach Hause zu tragen.
Pudelnass kommen wir am frühen Abend zum Auto zurück und müssen die seltsamen Eindrücke erstmal verarbeiten.
Am nächsten Tag also geht es nach Hause, obwohl noch ein paar Urlaubstage übrig sind. Aber meine Laune hat einen Wasserschaden und ich bin ganz dankbar, dass Glo damit leben kann, die nächsten Tage bei mir in der Heimat zu verbringen, wo wir aus einer festen Unterkunft mit trocken erreichbarem Klo heraus noch einen Ausflug ins Centro planen, ein Krimispiel lösen und einfach ein bisschen sitzen.
Calais kann Küste. Guck. Calais kann aber kein‘ Cappuccino. Rathaus Calais. Als hätte jemand beim Legobauen noch Steine übrig gehabt.Grau. Regenwettergesicht.Muss man tragen können.Apéro. Sonne tanken, solange sie da ist.Schlaue Stunde im Brummikino.Eifel. Hochskaliert.Eis essen. Urlaubspflicht.Sitzen. auch Urlaubspflicht.Festung-Er wird mit jedem Meter ein Kilo schwerer.Wir sind so anspruchslos. Ich lieb’s.Hund. Diffundiert in Schoß.Hm?Aufbruch aus dem AirBnB.
Das ist kein See, das ist ein Teich. Beim Blick auf die Karte muss ich Thom Recht geben. Es ist der Hausherzberger Teich. Der obere, um genau zu sein. Seit Urlaubstag ein steht „Badesee“ auf meiner To-Do- Liste. Heute hake ich das ab, und wenn ich es allein tun muss. Keine Ahnung, ob der Mann, dessen Heimat zu 97% aus Seen besteht, sich mit so einem billigen Teich zufriedengibt.
So richtig alleine unterwegs über mehrere Etappen war ich noch nie. Das ändert sich genau an diesem Wochenende. Und es fällt mir leichter als ich erwartet hätte.
Nur mit einiger Mühe konnte ich dieses lange Wochenende komplett frei machen, Umso größer ist die Freude, als die Taschen auf dem Motorrad endlich gepackt und die Koffer geschlossen sind. Die Route verspricht weniger Spannung als die Termine. Und das Wetter weniger Freude als ich mir erhofft hätte. Dennoch stimmt die Laune. Die Regenklamotten sind vom Stiefel bis zum Kragen zugezogen und absagen kann ich das alles jetzt so oder so nicht mehr.
Als ich an diesem Morgen wach werde hat die Sonne das Dachbett des Brummis schon so sehr aufgeheizt, dass ich hektisch den Schlafsack abstreife und die Reißverschlüsse des Stoffbalgs öffne. Dass die Temperatur schlagartig sinkt führt dazu, dass ich mich nun sehr schwer zum Aufstehen aufraffen kann. Hier oben, im Dachbett, ist die Welt noch in Ordnung. Ich muss nichts tun, nichts auf- oder wegräumen, mich nicht mit kniffelnden Nachbarn, schmutzigem Geschirr von gestern oder der Reiseplanung beschäftigen. Ich kann einfach hier liegen und den Bäumen neben dem Bulli dabei zusehen, wie sie dem böigen Wind die ersten Blätter mitgeben, oder die Drossel beobachten, die zwischen den Blättern im Boden nach Würmern wühlt.
Eigentlich müsste ich Camping doof finden. Klar, es ist draußen, es gibt immer fadenscheinige Gründe jede Menge mehr oder weniger sinnvolle Technik zu kaufen, es ergeben sich, wenn man will, jeden Tag neue Gassi- Routen und man kann sich auf das Nötigste beschränken. Kein Chichi, nur der Gaskocher, ein Spiegelei, ein Graubrot und ich.
Aber dann sind da auch diese vielen Unbekannten, die die Camping- Rechnung zu einer Herausforderung machen für einen Drinnie wie mich, der sich gern in seine Höhle zurückzieht und von fremden Menschen weder belästigt werden noch deren Betriebsabläufe stören möchte.
„Das is doch alles scheiße hier… weiße wat: ich streich den Viererpasch!“ schimpft Uwe hinter der Hecke und schiebt die Würfel über den Kunststofftisch. Seine Frau hat vorhin schon das Full House gestrichen, den Kniffel lässt sie noch offen. Vielleicht kommt der ja noch.
Die Familie hinter der Hecke, von der ich nur Uwe namentlich kenne, kniffelt seit gut einer Stunde. Mit einem Glas. Auf einem Kunststofftisch. An diesem wirklich lauen Abend, der Campingplatz liegt ruhig unter den Buchen, Grillen zirpen, der See plätschert, ist das letzte, was die Campingnachbarschaft brauchen kann, ein kniffelnder Uwe. Inzwischen hat er auch die Große Straße gestrichen. Sein Ältester hat, wenn man seiner Rechnung glauben kann, oben nur 27. Alle lachen. Also: niemand lacht, bis auf die Kniffel- Terror- Parzelle.
Alle Nachbarn überlegen, ob es nicht ein Kniffelgesetz gibt, das Dauergekniffel verbietet. Oder ob man vielleicht hingehen und eine Zeitung und einen Würfelbecher bringen sollte. Oder diese ignoranten Idioten einfach anschreien. Das würde vermutlich am ehesten helfen. Uwe ist, nach allem was ich von den Gesprächen durch die Hecke so gehört habe, eher so der Typ, der gleich auch die Chance streicht, wenn es mit der kleinen Straße nichts wird.
Wäre neben mir nicht die Kniffel- Hölle, ich wäre rundum zufrieden mit diesem Reisabschnitt. Beim Einchecken werde ich freundlich begrüßt und man drückt mir einen Dongle in die Hand, Der öffnet die Tür zum Sanitär und bewacht fünf Euro Duschguthaben. Die gut gepflegte Parzelle ist top ausgeschildert und der Strom gut zu erreichen. Das Sanitär ist immer sauber und die Lage am See eh über jeden Zweifel erhaben.
Als ich alles nötige aus dem Bulli gezogen habe raffe ich mich sofort auf, das SUP an die Pumpe zu stecken um zügig aus den 36°C Sommerhitze auf bzw in den Plauer See auszuweichen. Der ist, ganz im Gegensatz zu dem eingezäunten Brandenburger Vergleichssee, schön klar und sowohl für Hunde als auch für Menschen sind die Badestellen gut erreichbar und wenig eingezäunt.
Dann paddele ich ein Stück und beobachte die Gegend. Hinten fahren Segelschüffchen vorbei, und ein paar Sportboote legen den Hebel nach vorn. Es wird geSUPt, gepaddelt, Kinder und Eltern werfen einander vom Badeponton und Hunde holen bis zur Erschöpfung immer und immer wieder ihr Spieli aus dem See. Irgendwann beschließe ich, dass Füße rein halten nicht mehr genügt, lasse mich ins Wasser fallen und stehe so lange bis zum Kinn neben dem Brett, bis meine Finger so schrumpelig sind, dass es schwer wird, mit dem Telefon Fotos zu machen.
Der Hund döst, bellt, wenn ich ihn zu nah ran navigiere, die gefährlich schaukelnden Bojen an, die den Badebereich markieren, wedelt Hundekumpels auf anderen SUPs zu und sorgt mit seiner roten Rettungsschwimmer- Schwimmweste für aufsehen. Ich erkläre dann, er sei die fellige Reinkarnation von Mitch Buchannon. Manche lachen dann. Andere lächeln. Und googlen später. Vermutlich.
In Seenot gerät zum Glück niemand. Mitch kann auf dem SUP sitzen bleiben und sich wieder so nah ans Ufer schippern lassen, bis ihm das Wasser nur noch bis zur Flauschplautze reicht. Da kühlt er sich, bevor wir zurück zur Parzelle gehen, die Beine ab und fällt dann, wie ich, nach dem Abendessen müde auf seinen Schlafplatz.
In den nächsten Tagen erkunden wir Plau, essen Eis in Malchow, ärgern uns über schlecht ausgebaute Radwege und amüsieren uns über Freizeitkapitäne, die es nicht schaffen, ihre sackteure Angeberschüffe während der Brückenöffnungszeit durch die Drehbrücke zu navigieren. Mehrere abgebrochene Anfahrten, zwei lange Kratzer und viele eilige Wenden später, als auch der Brückenwärter mit dem Megaphon keine Idee mehr rüber zu brüllen hat, wie der 100 Jahre alte Möchtegern-Käpt nun das Ruder zu legen hat, geben auch die neugierigsten Beobachter auf. Der Käpten wird einen Lotsen an Bord nehmen oder sein Schüff für immer in Malchow lassen müssen. Schade.
Zurück am See kühlen wir unsere sechs Füße und machen auch mal einen Tag gar nichts, wenn das Wetter nicht danach ist. Dann gehen wir nur das nötigste Stück Gassi am See, beobachten Angler, Rehe und komische Vögel und lernen Egbert und seinen Amadeus kennen, von denen ich euch ja schon erzählt habe.
Und dann, am letzten Abend, als ich eigentlich bereit bin, hier nur Gutes zu berichten, da entscheiden sich die Nachbarn, dass Kniffel doch eine gute Idee wäre. Und ich vermute, ich bin nicht die Einzige, die ihrem Tagebuch von diesen ignoranten Idioten erzählt. Und ich hoffe von Herzen, dass meine Parzellennachmieter gute Nerven haben mögen. Denn Uwe wird eine Revanche wollen, heute Abend.
Und während ich das hier schreibe, eine gute Stunde westlich, auf dem nächsten Stellplatz, und während ich an Uwe denke, da starten meine Stellplatznachbarn eine Runde Mensch ärgere dich nicht. Natürlich haben sie keine Würfelunterlage. Ich beschließe, morgen in ihrer Abwesenheit eine auf ihrem Tisch liegen zu lassen. Als ich Glo mein Leid klage und eine Audioaufnahme des Würfelgetöses zum Beweis anhänge beschließt sie prompt einen Filzdeckchenverleih als Pitch bei der Höhle der Löwen. Ganz ehrlich: ich bin bereit, im großen Stil zu investieren.
„Beißt der?“ will die Frau mit dem hässlichen Mops an der Leine wissen, als sie zu uns an die abgelegene Bastelle kommt. „Ich hoffe nicht!“ antworte ich. Trulla ist verwirrt. „Der beißt nicht, wenn Ihrer sich wie ein Hund benimmt!“ zucke ich mit den Schulter, weil ich schon ahne, dass Ivo mit der nicht funktionierenden Körpersprache des Mopses nichts anfangen kann. Wie man einem Hund in Jahrzehnten der Zucht alle notwendigen Kommunikationsmöglichkeiten konsequent wegnehmen kann und dass das überhaupt erlaubt ist, ist mir ein Rätsel. Trulla leint ihren Amadeus ab und der nutzt die Chance, hörbar schnaufend auf Ivo zu zu wetzen. Klar, dass der kleine Bademeister mit dem röchelnden Klops nichts zu tun haben will und gleich mal einen Anschiss verteilt, dass man sich mit nicht sichtbarer Rute und drohendem Schnaufen nicht zu nähern hat.
„Ich wusste doch, dass sowas passiert!“ zetert Frauchen in Sorge um ihre teure Gartendeko. „Der wird immer gebissen. Dabei macht er gar nichts!“ Vorsichtig versuche ich Amadeus‘ Körpersprachenproblem anzudeuten ohne der Mopsbesitzerin zu sehr auf den Schlips zu treten. Sie versteht nichts. Den Hunden wende ich inzwischen den Rücken zu. Ivo schnüffelt schon weiter an irgendeinem Grashalm und hat weder Lust noch Zeit, irgendwelche dahergelaufenen dicken Mopse zu verhauen. Amadeus allerdings schnauft ihm immer wieder von hinten ins Ohr und wird noch einmal, relativ deutlich, auf sein Fehlverhalten hingewiesen, bevor in aller Ruhe weiter im Gemüse geschnüffelt werden kann.
Frauchen kriegt Schiss. „Egbert! Geh da jetzt hin!“ weist sie ihren Mann an, sich mit seinen Lederslippern zur Verhinderung weiterer gefährlicher Angriffe schützend zwischen Ivo und ihren armen Amadeus zu werfen. Mops Amadeus, Deko- Artikel von Beruf, versucht derweil, mit den beschränkten Mitteln seiner seltsam über den Rücken gezüchteten Rute und dem röchelnden Atemgeräusch Ivo zu erklären, dass er eigentlich weder droht noch übertriebene Angst hat sondern einfach nur Opfer seiner Zucht ist und friedlich am Grashalm nebenan schnüffeln möchte.
Ivo ist verwirrt, hält sich das schnaufende Vieh mit einem letzten Scheinangriff vom Flausch, scharrt, um Amadeus zu imponieren und trägt die Rute wie der König der Badestelle so hoch er kann, bevor Slipper- Egbert ebenfalls leicht schnaufend den kurzatmigen Amadeus eingesammelt hat.
Nach einem kurzen Smalltalk – Frauchen vermutet ich hätte Ivo ein Teletakt- Elektrohalsband angetan, um mögliche Beißattacken zu kontrollieren, ziehen sich Frauchen, Egbert und der etwas verwirrte Amadeus auf ihr millionenschweres Seegrundstück zurück.
Und irgendwie weiß ich mal wieder nicht, wer mir nach so einer Begegnung am meisten leid tut.
Außerdem bin ich froh, zufällig Glo als Zeugin der Szene am Telefon gehabt zu haben. Besonders die Sache mit den Namen hätte mir doch sonst wieder niemand geglaubt.
Glindowsee. Hatte ich noch nie gehört. Jetzt biege ich in eine sehr schmale Seitenstraße ab. Das Internet sagt, dass, wer hier zum Einchecken falsch parkt, direkt mit einem horrenden privaten Knöllchen rechnen muss. Mein Vorsatz ist also, den Brummi gleich allen Regeln entsprechend ganz brav an einem legalen Ort warten zu lassen.
Entgegen aller Befürchtungen weist der Campingplatz direkt am Eingang einen Wartebereich für die Anmeldung aus. Ich gebe mir, von der Inkasso-Knöllchen- Rezension bei Googlen noch immer eingeschüchtert, größte Einparkmühe und suche die Rezeption. Auch hier, warnt das Internet, könne man anecken. Die Chefin sei garstig und soll den einen oder anderen Google- Rezensenten grundlos angefaucht haben. Ich setze also auf überbordende Freundlichkeit und treffe, hinter einen brusthohen Tor, auf eine kleine, sofort sympathische Dame, die sich mit Namen vorstellt, sich entschuldigt, dass die Rezeption eine schlecht ausgeschilderte Notlösung sei, sie noch kurz den Müll wegbringe, mich dann aber wirklich sofort einchecke.
Angemault zu werden ist nach der Sache mit dem Parken schon die zweite Sorge, die sich innerhalb von Sekunden in Luft auflöst. Beim Anmelden werde ich freundlich mit Kurkarte, Flyern der Region und Infos zum angrenzenden Badestrand versorgt. Dann folgt eine detaillierte Einweisung in die Schlüsselkarte. Die nächsten zwei Tage verbringe ich damit, diese Karte alle paar Meter an einen Durchgang zu halten, um passieren zu dürfen. Im Sanitärgebäude, dessen Tür ich von innen mit der Klinke öffnen kann, weist mich ein großer Zettel darauf hin, bei Verlassen des Duschbereichs mit der Schlüsselkarte „ordnungsgemäß auszuchecken“. Offenbar werden hier Daten übers Rein und Raus der Gäste erhoben. Natürlich mache ich das nicht. Das Sicherheitssystem des Platzes vermutet nun wahrscheinlich, dass ich das Sanitär seit Dienstag, 16.00 Uhr nicht mehr verlassen, trotzdem aber alle möglichen Törchen zum Badesteg, Bootssteg, Müllplatz und zurück zu meinem Stellplatz bedient habe. Vielleicht hat mein ungehöriges Nichtauschecken zu diversen Sicherheitswarnungen und Computerabstürzen geführt. Ich finde aber, dass die freundliche Dame nicht wissen muss, wie lange ich im Sanitär für die Eins, die Zwei oder die Dusche brauche…
Die Tage verbringe ich auf dem leider stark von Algen befallenen Glindower See und mache einen wirklich schönen Fahrradausflug ins beschauliche Potsdam. Die Radwege sind super ausgebaut, Autos begegnen mir nur wenige und auch der Hund kommt in den Wäldern auf seine Jogging- Kosten. Eigentlich wollte ich mir in Ruhe Sanssouci anschauen, mache aber wegen 36°C Hitze und der unerbittlich auf die Freiflächen ballernden Sonne nur einen japanischen Fotostopp und verziehe mich zügig unter einen Sonnenschirm in der Fußgängerzone. Angesichts des Wetters entscheide ich mich für Chicken Teriyaki mit Jasminreis und Salat, nenne es aber, um die Betriebsabläufe nicht zu stören, der Karte entsprechend „Teriyaki Bowl“. Die Nähe zu Berlin und seinen Hipstern ist auch an Potsdam nicht spurlos vorüber gegangen.
Als ich am späten Nachmittag mit dem schon gewohnten „Düdüt“ der Schlüsselkarte zurück auf den Platz fahre bin ich froh, Ivos neuen Anhänger abzukuppeln und ohne große Umwege mit dem SUP auf den See zu starten. Der Algen wegen verzichte ich aufs Schwimmen und begnüge mich damit, hier und da an- und die Beine ins Wasser zu halten. Auch Ivo stellt sich am Ufer immer wieder bis zur Flauschplautze in den See. Davon, daraus zu trinken, rate ich ihm sicherheitshalber eindringlich ab.
Abends erscheint plötzlich ein Nachbar auf meiner Parzelle und wundert sich, dass der Hausmeister das so überhaupt nicht locker sieht. Der Mann, Typ „zerstreuter Camping- Professor“, fragt, ob er meinen Camper mal von innen sehen dürfe, er habe seinen T6 selbst ausgebaut. Wir einigen uns darauf, dass ich dann aber auch mal gucken darf. Schon verrückt, was manche Menschen sich einbilden, bauen zu können. Im WDR gab’s mal eine Handwerker- Doku mit dem treffenden Titel „Soll das so…?“, in der Handwerkerprofis Heimwerker retteten, wenn deren Projekte zu arg am Ziel vorbei schossen. Dieses arme Auto hier wäre ein Kandidat für die nächste Staffel. Und die übernächste. Schade um den schönen Bulli.
Die Abende beschließe ich mit Salat und Pitabrot und lausche dabei den drei Dauercampernachbarn gegenüber, die über die Chefin, ihre Handlanger und den Zustand der Anlagen lästern und am zweiten Abend leise alte Maffay- Hits singen, weil „Mannis Plutuh-Box keinen Saft mehr hat.“
Zum meiner Linken schlafen müde Camping- Kinder bei offenem Wohnwagenfenster mit „Bibi und Tina und der Waldbrand“ ein und ich hoffe, dass ich bei Warnstufe vier von fünf dem Thema in diesem Urlaub nirgends näher komme als hier.
Bei meiner Abreise werfe ich Karte nach einem letzen Düdüt in den Briefkasten und bin froh, weiterzuziehen. Ich freue mich auf einen klaren See, einen grünen Platz, mehr Schatten und weniger Düdüt. Keine Ahnung, vor was für Eindringlingen man hier Angst hat. Jedes dieser Tore kann man, wenn man nur will, leicht überklettern und von der Seeseite den Platz sowieso gut erreichen (sofern man eins der wenigen nicht eingezäunten Stücke Ufer zum Einsetzen seines Piratenschiffs findet), aber angesichts der überall hier stehenden beeindruckenden Zäune, Tore und Stacheldrähte scheint man in Brandenburg ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis zu spüren.
Mal schauen, wie sicher ich mich in MV ohne pausenloses. Düdüt fühle. Zum Glück habe ich ja meinen kleinen Wachhund dabei. Der macht bei Bedarf auch Geräusche. Aber andere.