Stella Plage 2 – „Est-ce Orus, qui parle?“

„Lass heute mal n Tag machen, an dem ich nachher nichts zu bloggen habe weil einfach gar nichts passiert ist.“ schlage ich vor. Glo nickt zustimmend. Nach noch einer Fahrradtour steht uns angesichts der fragwürdigen Straßen- und vor allem Radwegverhältnisse nicht der Sinn. Schon interessant, auf welche verwirrend undurchdachte Weise man Radwege anlegen kann. Oder, was man für Radwege hält. Oder was man einfach als Radweg bezeichnet um nachher zu behaupten: Hä? Non?! Schon wieder ein überfahrener Cycliste auf seinem Velo unter einem Renault? Mais pourquoi? Hier sind doch überall des Pistes für les Cyclistes.

Fahrradweg heißt dann: Holprige, etwa einen Meter breite, hundertfach schlecht geflickte Pisten auf der linken Seite der Fahrbahn (damit Abbiegende wirklich auf keinen Fall mit Querverkehr rechnen). Radwege, die alle 500m plötzlich kommentarlos enden und einen auf die eh schon viel zu schmale Schnellstraße zwingen, um dann einige Meter weiter auf der anderen Fahrbahnseite neu anzufangen sind fast noch schlimmer als einfach das Beste hoffend an den rechten Fahrbahnrand gequetscht zu werden. Mangels Rückspiegel sieht man den Peugeot, der einen in 20cm Abstand überholt, wenigstens nicht kommen, regt sich zwar kurz auf, genießt aber dann bis zum nächsten vorbeibrausenden Citroën das Gefühl, einmal mehr überlebt zu haben. 

Heute also muss ein Tag Pause sein. Zum Strand schaffen wir es zu Fuß, stapfen einmal über die Düne, im Gepäck ein gewaltiges Lunchpaket, das Kubb- Spiel und Hoffnung auf viel Sonne bei wenig Wind. Laienhaft eingecremt lassen wir uns irgendwo in den Sand fallen und sind für die nächsten Stunden die Einzigen hier.

So vertrödeln wir den Tag. Beim Kubb gewinnt, wer den doch recht böigen Wind im Rücken hat. Einmal nehmen wir, gut ausgeruht, die knapp 500m zum Meer auf uns (so einen breiten Strand habe ich wirklich noch nie gesehen, und es war noch nicht einmal Niedrigwasser) und den Rest des Tages tun wir, was wir am besten können: nichts. 

Irgendwann, als alle Snacks verdrückt sind und alle Kubb- Klötzchen wieder eingesammelt sind, raffen wir uns auf, stapfen zurück über die Düne und finden unterwegs noch das Hundehalsband von einem Fifi namens Orus, dessen Herrchen praktischerweise seine Handynummer auf dem Anhänger vermerkt hat. Um mich mit den traurigen Resten meines eingerosteten Schulfranzösisch nicht completement zu blamieren drücke ich das Halsband dem freundlichen Campingplatzchef in die Hand, der sofort zum Handy greift und die Nummer wählt. Um mich an seinem Erfolg teilhaben zu lassen macht er das Handy laut und steigt mit der Frage, ob er da Orus persönlich erreicht habe, in das Gespräch ein. Vielleicht hätte ich Orus‘ Herrchen doch besser selbst angerufen. Im Verlauf des für die Einfachheit des Anliegens deutlich zu komplizierten Gesprächs (es hatte leichte Gewitter- Oma- Vibes) kommen die Beiden aber irgendwie überein. Orus wird ab morgen nicht mehr nackt rumlaufen müssen. 

Die Zeit bis zum nächsten Hunger vertreibe ich mir mit einer kleinen Radelrunde durch die ausgestorbene Feriensiedlung. Von der Todesfalle Hauptstraße halte ich mich fern und beschließe, der Betonkrake mal die Tentakel entlang zu radeln und mich der eintönigen Häßlichkeit hinzugeben.

Aber: je weiter ich mich von der Betonkrake in Strandnähe in Richtung Tentakelenden wage, desto schöner werden die Grundstücke. Irgendwann zücke ich das Handy, um Glo später beweisen zu können, dass Stella Plage doch mehr zu sein scheint als die abgenutzte Kulisse eines Endzeitfilms. Ich strample inzwischen vorbei an wunderschön gepflegten Sommerhausvorgärten, die ich so deutlich weiter südlich vermutet hätte, bewundere pitoreske Holzhäuser, saftigen Frühsommerrasen und knorrige alte Pinien. Man muss also ein paar Schritte vom Offensichtlichen zurück treten, um die wahre Schönheit dieses Ortes zu sehen zu bekommen. Also: Schönheit… solange man sich die Ecken aussuchen kann und hier nicht auf Dauer leben muss. Stella Plage ist quasi des Wuppertal Hauts de Frances und für einen kurzen Besuch am wirklich fantastischen Strand relativ perfekt. 

Apropos perfekt: abends machen wir heute noch einmal den Grill an. Läuft super. Erst scheitern wir kläglich an der Zubereitung einer französischen Wurst, die ich im Vorbeigehen aus dem Kühlregal geschnappt und als rohe Bratwurst identifiziert hatte. Als es dann mit dem Grillen aber partout nicht klappen will und die Wurst durch die von mir fachmännisch installierten Einstichstellen in der Pelle langsam durchs Grillrost sapscht ergibt eine hektische Internetrecherche: wir grillen gerade voller Überzeugung eine Kochwurst. Eine Geruchsprobe am herausquillenden Brät deutet auf eine Art grobe Leberwurst mit übertriebenem Kräuterproblem hin. Wir trennen uns schweren Herzens von dem seltsamen Fehlkauf und greifen zurück auf die vielfach bewährte Merguez, die sich theoretisch super grillen lässt, in unserem Fall aber leider dermaßen Fett verliert, dass der Grill zwischenzeitlich trotz ausgeschaltetem Gas lichterloh brennt. Und die Merguez gleich mit. Die stattliche Rauchsäule pökelt den Brummi und die wenigen Nachbarn sind sicher jetzt auch länger haltbar, riechen dafür aber fies. Ups!

Die durch Löschversuche und Schimpftirade entstehende Verzögerung macht aber deshalb nichts, weil am anderen Ende des Grills die Kartoffeln heute irgendwie nicht gar werden wollen.

Hunger und Campingefühl machen uns heute zu sehr genügsamen Essern, und so ziehen wir uns, viel später als vorgesehen, mit zwei vollen Tellern triefender Merguez mit gepökelten Bratkartoffeln totmüde in den Brummi zurück. 

Und die Sonnenbrände auf unseren nicht ausreichend eingecremten Füßen leuchten uns den Weg ins Bulli- Bett.

Das war also dann der Tag, an dem gar nicht passieren sollte…

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