Es gibt Kollegen, die dürfte das Land eigentlich gar nicht pensionieren. Der, von dem ich euch heute erzähle, ist so einer. Und dennoch tritt er tatsächlich seinen Ruhestand an.
Stefan. Als ich im Herbst 2003 in meinem ersten Praktikum mit baumelnden Beinen nachts um 02h auf deinem hohen Wachtisch saß und nicht wusste, wohin, mit meiner wenigen Ahnung von Polizei aber mit umso mehr Praktikantinnenaufregung in einem viel zu ruhigen Nachtdienst, da hatte ich das riesige Glück, dich auf meiner Dienstgruppe zu haben. Natürlich war es andersrum: ich kam auf deine Tour. Das war ein kleiner Haufen freundlicher Menschen, alle etwa doppelt so alt wie ich, alle ein bisschen verschieden und vielleicht deshalb eine besondere Truppe. Ihr habt mich sehr schnell wie eine von euch behandelt, meinen Tatendrang in die richtigen Bahnen gelenkt, mir hier und da die Ohren langgezogen, aber vor allem habt ihr mich gleich mitarbeiten und mitlachen lassen. Und ich merkte schnell: Dieser immerzu gutgelaunte Kollege, der hier alle mitreißt mit seiner Energie, der immer zügigen Schrittes unterwegs ist, weil’s bestimmt noch was zu tun und immer noch ein Auto anzuhalten gibt, und den man schon von weitem in jedem Einsatz an der Dienstmütze erkennt: das ist einer, von dem ich mir dringend eine Scheibe abschneiden sollte, wenn ich irgendwann eine gute Polizistin sein möchte.
Das zu tun, mir was abzuschauen, habe ich seitdem versucht. Aber: was denn eigentlich genau.
Erstmal, und das ist am wichtigsten, aber gar nicht so einfach zu kopieren, das sollte man besser gleich selbst mitbringen, wäre da die unerschütterlich positive Herangehensweise, mit der du seit so vielen Jahren jeden Tag deinen Job gemacht hast, obwohl der ja oft wirklich nicht lustig ist. Warte: habe ich Job gesagt? Falsch: Denn wer dich auch nur einen Einsatz hat fahren oder ein Auto hat anhalten sehen, wird mir zustimmen, wenn ich sage: du bist keiner von denen, die ihren Job gemacht haben. Du bist deiner Berufung gefolgt. Wie sonst sollte jemand bis zu seiner Pensionierung so überzeugt, so neugierig und wenn’s sein musste auch mal robust und unnachgiebig bleiben? Und wie sonst hättest du auch nach so vielen Jahren Routine noch immer Lust haben sollen, sich auf die Menschen da draußen und die sich immer wandelnde Welt um sie herum einzulassen? Das geht nicht, wenn Blaulicht Brotjob ist. Das geht nur als Überzeugungstäter. Und das, lieber Stefan, hast du für mich, und ich bin sicher, da spreche ich für alle, die das Glück hatten mit dir zu arbeiten, immer verkörpert.
Und genau deshalb haben auch alle, die mit dir zusammenarbeiten durften immerzu versucht, sich Dinge bei dir abzuschauen. Dabei warst du auf dem Papier nicht unser Tutor. Du warst es einfach aus dir heraus. Weil du immer ansprechbar warst, dein riesiges Wissen mit Freude geteilt und jedem, der dich gefragt hat, unermüdlich deine Tricks und Kniffe erklärt hast. Weil dir ein Anliegen war, die Kollegen um dich rum besser zu machen.
Wer in deine Verkehrskontrolle geriet und Dreck am Stecken hatte, merkte sofort, dass es jetzt eng werden würde und war mit Sicherheit nicht so ein Riesenfan deiner verkehrsrechtlichen Expertise und erst recht nicht deiner Spürnase wie alle deine Kollegen. Jeden Tag nur: „Guten Tag, mein Name ist 30.- Euro: Karte da dran halten!“ wäre dir viel zu langweilig gewesen. Du wolltest die erwischen, die was zu verbergen hatten. Du wolltest die aus dem Verkehr ziehen, die da nix zu suchen hatten, und wäre ich ein LKW- Fahrer mit Hang zum kostspieligen Verkehrsverstoß, ich hätte deinen Zuständigkeitsbereich ganz bestimmt großräumig gemieden.
Man spricht ja oft von dem Problem, dass mit der Pensionierungswelle der Babyboomergeneration so viel Fachwissen verlorengeht. Heute geht mit der Pensionierung eines einzelnen Polizisten schon so dermaßen viel Wissen flöten, dass wir Jüngeren schon vor Jahren sehr gut beraten waren, deins an allen Ecken abzugreifen. Und hier geht nicht nur jemand, der weiß, wie der Verkehrsdiensthase läuft, sondern auch einer, der den Verkehrsdiensthasen unermüdlich am Laufen hielt.
Ich kann nur hoffen, dass wir alle immer gut aufgepasst und uns eine Scheibe abgeschnitten haben.
Ich jedenfalls habe das seit 2003 versucht. Und mir fällt kein zweiter Name in dieser sicher an tollen Kollegen nicht armen Behörde ein, der in Sachen Fragen bei Verkehrskontrollen so oft gefallen wäre, wie deiner. Du hast einen dreirädrigen Bollerwagen mit knatterndem Kernenergieantrieb angehalten weil das hintere Rad komisch juckelte? Kein Ding: Musste einfach Stefan fragen… der hat n Tipp. Der Fahrer einer selbstfahrenden Küchenmaschine mit maledivischem Ausfuhrkennzeichen hat seine Ruhezeit an der Teigwalze nicht eingehalten? Ach, papperlappap, frag einfach Stefan… Nichts, was Stefan nicht wüsste oder mindestens schnell nachschlagen könnte, denn selbstverständlich weiß er, wo’s steht. Die Beifahrerin eines fünfarmigen Flugtaxifahrers hat die Bescheinigungsbescheinigung zur Beifahrerbefähigung gefälscht? Na, das hat Stefan doch sicher entweder letztens erst gehabt oder schon mal irgendwo gelesen… fragen wir einfach ihn.
Zu wissen, dass man dich immerzu und mit jeder abwegigen Spezialfrage ansprechen und eine fundierte, freundliche, stichhaltige Antwort erhielt, das wird uns allen hier fehlen. Sehr.
Und es ist ja längst nicht nur das trockene Fachwissen, was uns verlässt. Ich habe bei dir gelernt, dass man Souveränität nicht durch Strenge sondern durch Haltung ausstrahlt. Ich habe gelernt, welcher Knopf am Funk was bedeutet, dass man auch mal ein Auge zudrücken muss und dass man zwischen zwei Einsätzen horrenden Quatsch reden und sich beömmeln und im nächsten Moment wieder souverän den Rechtsstaat vertreten kann. Und je nach Gegenüber sogar beides zur selben Zeit. Und ich habe gelernt, dass man sich unbedingt einen Job suchen sollte, der auch Berufung ist, damit man sein ganzes Arbeitsleben lang Überzeugungstäter bleibt.
Stefan, ich, nee: wir alle, die du mit deiner guten Laune, deiner Entschlossenheit, das Richtige zu tun, deinem Fachwissen, der Bereitschaft immer dazu zu lernen und nie still stehen zu bleiben, deiner Haltung und deiner Menschenkenntnis zu besseren Polizisten gemacht hast, wir sind jetzt dran, uns bei dir zu bedanken.
Und es ist jetzt wohl an uns, in deinem Sinne diesen Job – nein: diesen nach wie vor tollen Beruf mit Leben zu füllen, Spaß daran zu haben, immer Haltung zu zeigen, auch mal unnachgiebig zu sein… und vielleicht auch ein bisschen öfter die Mütze zu tragen.
Ich jedenfalls werde das, wenn auch an ganz anderer Stelle als du in den letzten Jahren, versuchen. Ich werde mir ein Beispiel nehmen…. also… bis auf die Sache mit der Mütze vielleicht. Ich hoffe, du siehst es mir nach. Am Notruf kommt es vielleicht auch nicht so drauf an?! Und vielleicht gelingt es mir ja sogar, ein bisschen von der Flamme, die in dir für den Laden Immer gebrannt hat, weiter zu tragen, an die Kollegen, die nach mir kommen.
Und wie auch immer es gelingen soll, so ein Schweizer Taschenmesser des Verkehrsdienstes zu ersetzen: Ich bin sicher, du hast die Kollegen in den letzten Jahren gut aufgestellt, ihnen deine Werkzeuge gezeigt und sie selbst damit werkeln lassen. Du hast deine Expertise seit vermutlich knapp 40 Jahren mit größter Freude geteilt. Da wird ja wohl irgendwas Sinnvolles hängengeblieben sein. Und mit vereinten Kräften werden deine VD-Kollegen die Wissenslücke irgendwie zu schließen versuchen. Und auch was innere Haltung und Unnachgiebigkeit betrifft, hast du ganz bestimmt auch beim VD Spuren hinterlassen.
Und dennoch werden in den nächsten Wochen und Monaten oft Kollegen nach deiner Handynummer und deinem Funkrufnamen suchen. Weil du zum Inventar gehörst, und wir uns erst dran gewöhnen müssen, dass du jetzt Pensionär bist. Und ich kann nicht ganz ausschließen, dass dein Privathandy auch im wohlverdientesten aller Ruhestände ab und an mal bimmeln wird. Nicht nur, um zu fragen, wie dir der neue Lebensabschnitt bekommt, sondern spätestens, wenn jemand versehentlich einen dreirädrigen Bollerwagen anhält.
Ich bin wie bei jedem Pensionär auch bei dir sehr froh, dass du deine Aufgabe gesund und am Stück hinter dich gebracht hast. Ich hoffe, du verschnaufst kurz, erholst dich von den vielen Jahren auf der Straße und freust dich auf den neuen Lebensabschnitt.
Bleib also bitte so jung, so neugierig und vor allem noch viele, viele Jahre gesund.
Von Herzen: Danke, dass du den Beruf so gemacht hast, wie du ihn gemacht hast! Du wirst deiner Truppe fehlen!

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