#Österreich2025 – Dachstein

Höher wird es nicht in dieser Woche Österreich, als auf dem Dachsteingletscher. Unten winkt uns ein fleißiger Mitarbeiter mit viel Schwung in die Parklücke. Man ist hier auf deutlich größere Besuchermengen eingestellt, lässt aber auch bei minimaler Auslastung dem Zufall kein Türchen offen.

Es wird entweder exakt nach den Vorstellungen des Mitarbeiters geparkt oder unter dessen lautem österreichischen Fluchen. Ich versuche, für wenig Aufsehen zu sorgen und parke den Brummi nach allen Regeln der Kunst. Neben uns: Kennzeichen aus Rheinland und Ruhrgebiet. Vor mir trägt ein Mann mit Stirnband ein paar Langlaufski zur Gondel – vermutlich der einzige Einheimische, denke ich, und freue mich über den Langläufer, der angesichts des sonnigen Herbstwetters ziemlich deplatziert wirkt. Wüsste man nicht, dass ein paar Meter weiter eine quietschgelbe Gondel den Senior gleich rasant auf den Gletscher bugsiert, man täte gut daran, ihn nach Namen, Uhrzeit und Jahreszeit zu fragen… und im Kragen nach dem üblichen Wäscheschildchen abgängiger Demenzpatienten suchen.

Machen wir nicht. Wir wissen ja, was er vor hat.

Also schlurfen wir ihm nach, am leeren Eingang vorbei. Das Ticket an den Automaten. „Bibb“ – und der Zufall will, das just in dem Moment auch schon die Gondel ein… ja, wie nennt man’s… gondelt. Sonnengelb. Ausgestattet wie ein Bus, mit diesen Baumelgriffen, die wir alle am liebsten vermeiden, und besetzt mit einem Gondelfa… ah: Gondoliere.

Mit 45km/h, sagt der Flyer, sausen wir am Massiv entlang. Nichts davon merkt man, denn es fehlt schlichtweg der Fixpunkt, der dem Flachländer die Chance böte, die Geschwindigkeit irgendwie einzuschätzen. Man steigt also ein, lässt die Bäume kleiner und die Steine größer werden, und wenn die Bäume winzig und die Steine eisig sind, dann ist man ganz offenkundig angekommen.

In der Gondel ist es still. Alle, auch der Langläufer mit dem feschen Stirnband und der sonnengegärbten Haut, schauen dem Massiv entgegen und ich merke: diese Fahrt an diese so nahe und doch so unerreichbare Ecke der Gegend, die macht was mit mir und meinen Mitgondelnden.

Zwar haben fleißige Bauarbeiter auf eine mir nicht erklärliche Weise aus dem Felsen da oben eine Art Restaurant mit Aussichtsplateau, Sanitäranlagen, Umkleide und Souvernirshop gemacht, und zwar meinte man, hätte man die Gondelfahrt verschlafen, gar nicht, dass man die Welt da unten verlassen hätte, aber sobald man sich an einen der Ränder des für die stieselige Touristen mit lächerlichem Wander-Verkleidungen erschlossenen Bereichs stellt, dann weiß man unmittelbar: Hier sollte ich nicht sein. Hier bin ich winzig. Hier kenne ich mich weder mit den Gefahren noch mit den Gepflogenheiten aus, kann ohne Gondel nicht nach Hause und ließe man mich bei abgesperrtem Restaurant hier zurück, ich suchte in meinem Möchtegern-Wanderrucksäckchen nach kürzester Zeit angestrengt nach dem ollen Biscoff Keks, den ich damals beim Kaffee nicht wollte und „für später“ in den Rucksack gesteckt hatte.

Natürlich sind wir hier längst nicht so ab vom Schuss, wie zu befürchten wäre. Das Handynetz ist besser als im heimischen Wohnzimmer, die Gondel fährt pünktlicher als die Deutsche Bahn und an jeder Ecke arbeitet irgendwer, der sich hier auskennt wie in der Tasche seiner sauteuren Funktionsjacke. Aber dennoch: dieser Ort ist anders als die Welt da unten. Um den Mann auf dem Parkplatz nachfolgende Besucher in Parklücken winken zu sehen bräuchte ich ein echt gutes Fernglas. Selbst die Gondel sehe ich mit bloßem Auge unten nicht ankommen. Und die Langläufer auf dem Gletscher sehen winzig aus.

Auf der einen Seite unter uns säumen sich hohe Berge und weite Täler in loser Folge. Riesige grüne Flächen, am Rand ein Dorf, Wald am Hang, dann ein Berg, eine Schneise, darin ein paar Gondeln und Lifte und das Ganze von vorn.

Auf der anderen Seite: Fels. Fels mit Gletscher. Fels mit Eis. Fels mit Schnee. Dahinter: Fels, dessen Oberfläche im Dunst verschwimmt. Dahinter, nur Wenige überrascht sein: weiterer Fels.

Wir brauchen ein Weile, um hier anzukommen, einander ungefähr 38402 Mal: „Sind wir WIRKLICH in diesen Bergen?“ zu fragen und einfach in aller Ruhe sacken zu lassen.

Dann laufen wir über die aus rein touristischen Gründen mühevoll aber im großen uns ganzen recht sinnlos in den Fels geklöppelte Hängebrücke zur „Treppe ins Nichts“, schauen uns die Eishöhle im Gletscher an und kehren zum guten Schluss im Restaurant ein. Wir essen die höchste Griesklößchensuppe unseres Lebens, ich kaufe Souvenirs und wir machen unzählige Fotos von alledem, während wir beim Blick ins Display und daran vorbei immerzu staunende und ungläubige Geräusche machen.

Am Horizont gurkt der Einheimische mit seinen Langlaufskiern im Kreis. Ob er die Augen verdreht über die Touristen in den Revolution Race Hosen und den Jack Wolfskin Schuhen? Ob er stolz ist, auf seine herrliche Heimat in den Bergen? Oder ob er zu all dem gar nicht kommt, weil er selbst noch immer staunt? Keine Ahnung.

Mit dem Bauch voll Suppe, dem Rucksack voller Andenken, dem Handy voller Fotos und ja, auch mit vollem Herzen stehen wir am Nachmittag vollkommen geschafft an der Gondel.

Verrückt, diese Berge. Verrückt, das wir wirklich hier waren.

Danke, Dachstein.

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