Tante Siegrid

Ich sitze auf dem Gartenstuhl mit dem bunten Kissen und nippe an dem ausgespülten Senfglas. Das Wasser hat mehr Sprudel als das Zuhause. Unzählige kleine Bläschen klettern innen am Glas nach oben, und wenn man ein bisschen gegen die Sonne guckt sieht es darüber aus wie ein richtiger kleiner Springbrunnen. Mir gegenüber, auf der selbstgebauten Holzbank, sitzt meine Tante Siegrid. Eine immer freundliche, eher kleine Frau mit kurzen Haaren, die auf diesem Bauernhof schon allein dadurch den Takt vorgibt, dass sie den Haushalt führt und zum Beispiel dafür sorgt, dass pünktlich jeder am Kaffeetisch erscheint. Wenn es sein muss ruft sie dann laut über den ganzen Hof, dass es jetzt Kaffee gibt und man seine Erledigungen in Stall, Schreinerei oder wo auch immer jetzt ruhen lassen muss.

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Erste Fahrstunden: Wörter auf besch…

“Aaaaalter – Was ist das denn hier für ein Hirnfick??” maule ich. Ich stehe auf dem Außenlager einer Spedition zwischen einer Menge Pylonen, schiebe das Visier meines Helms hoch und frage mich, wie ich jemals auf die beschissene Idee kommen konnte, mir so ein bescheuertes neues Hobby zu suchen. Wörter mit „besch…“ fallen mir relativ viele ein. Und: „Alter!“ sage ich auch öfter als mir lieb ist. In allen möglichen Betonungen. „Wollt’se da getz warten bis die Stunde um is? Oder krieg ich noch bisschen was geboten für dein Geld?“ knarzt es in meinem Ohr. Ich zucke mit den Schultern, hebe die Arme an und lasse die Hände auf meine Oberschenkel fallen. Dann starte ich das Motorrad neu und widme mich der nächsten Grundfahraufgabe. In meinem Ohr knarzt es schon wieder. „Nächste‘ma darfse auch wieder in den Spiegel gucken, wenne anfährst.“ 

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Mit dem Betonbike am Störkanal

“Was meinst du, warum da hinten Schilder stehen!” mault mich der Bauarbeiter an: “Weil du hier gerade nicht durch kannst. Merkst du das nicht?” Ich merke das. Und bin angemessen kleinlaut. Ich bin Komoot gefolgt, am Störkanal entlang, und das war ein Fehler. “Ja, hast Recht. Hab ich bisschen spät gemerkt…” antworte ich. “Das Schild stand da letztes Jahr schon, und da konnte man auch durchfahren.” versuche ich meinen Faux-Pas zu erklären. Werde dann aber, vollkommen zurecht, darauf hingewiesen dass jetzt aber nicht letztes Jahr ist. “Ganz am Rand lang! Und nicht da mitten rein latschen!” bekommen ich als Anweisung mit auf den noch nicht gebauten Weg. Dann darf ich weiterschieben.

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Schwerin 1 – Mücken am See

Die Wäsche ist trocken, Muttis runder Geburtstag bedacht, das Fahrrad ist vom Salz der Ärmelkanalluft befreit und der Brummi getankt. Eigentlich könnte ich wieder los.

Noch eine gute Woche habe ich Zeit, und die möchte ich eigentlich nicht Zuhause verbringen. Und der Bulli sicher auch nicht. Ich öffne also meine Google- Urlaubs- Map und klicke mich durch die Gegend. Eifel – da wollte ich doch mal ohne Hund und mit dem Fahrrad hin, den Nationalpark erkunden. Oder Xanten? Da ist es flach und die Anfahrt ist überschaubar. Oder doch Schwerin? Irgendwie habe ich das Gefühl, da schon lange nicht gewesen und mit gucken auch noch lange nicht fertig zu sein.

Ich klicke und gucke, wäge ab und überlege. Zu einem rechten Ergebins komme ich nicht. Weil es kein Richtig und Falsch gibt. Weil es überall schön werden wird. Das Argument, was für Schwerin gesprochen hätte, hat schon vor einiger Zeit deutlich gesagt, dass das Leben gerade ein paar Baustellen bereitet und für ein Treffen in Ruhe keine Zeit bleiben würde. Aber: Schwerin ist ja trotzdem schön.

Ich lasse den Zufall entscheiden, schreibe ein- und dieselbe Mail an Campingplätze in allen drei Regionen und beschließe, dorthin zu fahren, wo man mir als erstes antwortet. Dann verabrede ich den Hund mit seinen Urlaubssittern und warte ab.

Nach zwei Stunden habe ich die erste Antwort. Es wird Schwerin. Schlau ist das nicht, denke ich, für fünf Nächte so eine weite Reise. Aber ich wollte den Zufall entscheiden lassen und werde da jetzt auch nicht dran rütteln. Also packe ich die Klamotten ins Auto, verzichte auf einen Blick in meine Packliste (ich habe kaum was ausgeräumt seit ich vorgestern Abend vor der Tür geparkt habe) und bringe den Hund zu meinen Eltern. 

Dann stelle ich den Wecker auf 05.05 Uhr – so sollte ich vor dem Berufsverkehr zumindest den nervigsten Teil der A1 hinter mir haben.

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Pralinen in Brügge

„Ja, passt. Oder: Nee. Passt doch nicht.“ Gut, dass Glo ausgestiegen ist. Ich lege den Rückwärtsgang ein und rangiere weg von der Parkplatzhöhenbeschränkung. Wie hoch der Brummi mit den geschulterten Fahrrädern ist sollte ich demnächst mal messen, um auch ohne Einweiserin sicher zu sein.

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Bredene

Nachmittags laden wir in Dünkirchen die Fahrräder auf und ziehen weiter nach Bredene bei Ostende in Belgien. Dort hatten wir mehrere Plätze angefragt, jetzt, in der Nebensaison aber nur eine Antwort bekommen. Der Platz ist fast leer. Ein einsamer Kastenwagen steht abseits auf der großen Wiese, vereinzelt treffen wir auf Dauercamper, die hier, wie überall in der Region, eher schlichte Mobilheime bewohnen. Camping- Chichi, wie wir ihn von deutschen Dauercampern kennen, mit Vorgarten, Plastekitsch und Fähnchen, finden wir hier nirgends. Der Belgier scheint es pragmatisch zu mögen. Einheitliches Mobilheim, in Reihe hingestellt, daneben ein Parkplatz. Fertig. Und: irgendwie hat er damit ja Recht.

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Dünkirchen – Ein Zwischenstopp

„Äh… german!“ antworte ich der jungen Frau am Ticketverkauf auf ihre überraschende Frage nach meiner Nationalität und meine eh schon gedrückte Stimmung erreicht ihren zwischenzeitlichen Tiefpunkt. Im nächsten Augenblick frage ich mich, ob und wie ich das weiterhin extrem freundliche Lächeln der Verkäuferin interpretieren soll, und ob: „Äh: Swiss!“ eine okaye Notlüge gewesen wäre. 

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Stella Plage 2 – „Est-ce Orus, qui parle?“

„Lass heute mal n Tag machen, an dem ich nachher nichts zu bloggen habe weil einfach gar nichts passiert ist.“ schlage ich vor. Glo nickt zustimmend. Nach noch einer Fahrradtour steht uns angesichts der fragwürdigen Straßen- und vor allem Radwegverhältnisse nicht der Sinn. Schon interessant, auf welche verwirrend undurchdachte Weise man Radwege anlegen kann. Oder, was man für Radwege hält. Oder was man einfach als Radweg bezeichnet um nachher zu behaupten: Hä? Non?! Schon wieder ein überfahrener Cycliste auf seinem Velo unter einem Renault? Mais pourquoi? Hier sind doch überall des Pistes für les Cyclistes.

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Stella Plage – im Herzen der Betonkrake

Understatement ist nicht die Sache derjenigen, die vor vielen Jahren beschlossen haben, zwischen Merlimont und Cucq in unmittelbarer Strandnähe eine Ferienhaussiedlung zu bauen. Beim Blick auf die Karte sieht man ein durchgeplantes, sich fächerartig vom Strand in die Dünen ausbreitendes Gebilde aus schnurgeraden Straßen und halbrunden Querstraßen. Alles hier läuft auf die Promenade zu, als wäre sie ein Paradeplatz, auf dem man allsommerlich zum großen Zapfenstreich bliese, auf einem Baguette, vermutlich, oder dem Softeishörnchen. 

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