Der Harz schuldet uns noch eine Woche Sonne, finden Thom und ich. Und beschließen deshalb, der Region, die Deutschland so praktisch zwischen unsere Heimatorte gelegt hat, 2024 eine neue Chance zu geben. Letztes Jahr war es eine Spur zu nass zwischen den sterbenden Fichten.
Inzwischen liegt eine Woche am östlichen Harzrand hinter uns. In meinem Kopf wirbeln Erinnerungen an kletternde Ennos, einen Badesee, den Thom partout nur Teich nennen möchte, mehrere Schnitzel, sterbende Gastronomie und nachwachsende Wälder wild durcheinander. Keine Ahnung, wie ich das sortieren soll.
„Schreib doch das, was du kannst… oder lauter wilde Assoziationen“ empfiehlt der Co-Pilot, als ich ihm mein Leid klage, ich hätte noch die gesamte letzte Woche Harz für mein Tagebuch zusammenzufassen. Der Lesbarkeit halber versuche ich, die wilden Assoziationen tageweise in geordnete Bahnen zu lenken.
Freitagabend – Packen. Vielleicht.
Kennt ihr noch die Vergangenheits- Aenni, die bereits eine Woche vor dem Urlaub Auto bzw. Motorrad gepackt, geputzt und alle ToDo- Listen abgehakt hatte? Die sitzt heute, einen Tag vor der Motorradtour, mit Switch-Controller in der Hand und den Füßen mit den Füßen unter der Fleecedecke zwischen zwei leeren Motorradkoffern auf dem Kissen vor dem Sofa und zockt online Fifa gegen ihren besten Freund. Packen?
Pfff, lächerlich. Kann man verschieben. Und wenn was fehlt, dann ist das eben so. Ohne einen Blick auf die Packliste landen ein paar T-Shirts und die üblichen technischen Spielereien in den Koffern. Dazu die kleinstmögliche Auswahl an Gewürzen und je ein Fläschchen Essig, Öl und Maggi.
Der Harz, der uns noch ein paar Tage Sonne schuldet, sollte sich langsam bereit machen. Ich bin so gut wie auf dem Weg, um die teilweise noch leere Landkarte ein bisschen weiter auszumalen.
Samstag – Anreise
Die vorbereitete Vergangenheits- Aenni hätte an diesem Samstagmorgen die Wahl gehabt, zwischen mehreren bestens ausbaldowerten Routen, die sie nur noch hätte anklicken müssen, in der aufgeräumten Moped- Reise- App.
2024- Reise- Aenni allerdings gibt nach dem Aufsteigen aufs Motorrad das Ziel ins Navi ein, setzt außerhalb des Ruhrgebiets ein Zwischenziel, bis zu dem sie auf der Autobahn bleiben könnte und fährt ab.
Ankommen werde ich schon irgendwie. Und wenn es länger dauert, dann ist das eben so. Der Tiefpunkt der fehlenden Vorbereitung besteht darin, dass ich am Morgen noch zur Wache muss, die vergessenen AirPods aus dem Spind holen, um auf hellhörige Ferienwohnungen und daraus resultierende Schlafprobleme durch gezieltes Canceln des Noises reagieren zu können.
Der Weg zur Wache ermöglicht dann immerhin auch gleich den Höhepunkt der Reisevorbereitungen, bestehend aus drei beim Bäcker des Vertrauens erworbenen belegten Brötchen und einem Streuselteilchen, alles noch so eben in der Packtasche auf dem Soziussitz verstaut, bevor es dann endlich los geht, in Richtung Osten.
Die A1 und die A44 begleiten mich, bis ich bei Geseke eine Region erreicht habe, in der die Ortsschilder nicht mehr Schulter an Schulter aneinander lehnen. Von hier an bleibe ich auf Bundesstraßen vorbei an Metropolen mit klangvollen Namen wie Willebadessen, Borgentreich oder Trendelburg.
Hier erkenne ich langsam die ersten Ortschaften aus dem letzten Jahr und erinnere mich zum Beispiel an Thoms Eisverbrechen in Bad Karlshafen. Sowas lasse ich mir dieses Jahr definitiv nicht noch mal bieten.
Auf einem Tankstopp pule ich das erste Brötchen aus der Packtasche. Mett. Eingebettet zwischen zwei extra mitgenommenen Kühl-Akkus, denn es sind 24°C und man will ja nicht mettbedingt eine Woche im Harz leiden… also jedenfalls war das Brötchen mit den Straps der Hecktasche zwar sicher verstaut, hatte aber aber eine interessante Form angenommen. Das Auge isst heute besser nicht mit.
Ungefähr ab Trendelburg fühlt sich die Strecke dann langsam nach Vor-Harz an. Ich gurke jetzt zwischen Feldern über Straßen, die in Richtung der Hügel am Horizont immer kurviger werden.
Nach guten 270 Kilometern erreiche ich schließlich die Söse- Talsperre bei Osterode und befreie an der Staumauer die übrigen Vorräte aus der Kühltasche. Weder Talsperre noch Gebäck können mich am Ende optisch überzeugen, aber zumindest beim Teilchen geht es ja darum auch nicht.
Ferienhaus Tony
Den Mietvertrag schicke sie mir dann unterschrieben mit der Post, mailt mir die Ferienhausvermieterin, und ich ahne, dass ich hier an eine digitale Immigrantin geraten bin. Am Ende werden wir uns auch ganz modern per Mail handelseinig. Den Vertrag fotografiert die Dame mir ab. Das muss dieses 21. Jahrhundert sein.
Pünktlich um 15 Uhr fahre ich schließlich die für meinen Geschmack etwas zu steile Einfahrt hoch und parke das Moped unter genauen Anweisungen des 300 Jahre alten Vermieters unter dem Carport ein. Anschließend fragt er mich, ob ich mit dem Motorrad da sei. Und wo denn mein Mann wäre.
Nicht nur die Mietverträge sind hier nicht ganz in 2024 angekommen. Allein anreisende Frauen auf Zweirädern überfordern den Herrn ein wenig. Von dem Schrecken, dass ich hier einen Freund treffe, der aus einer ganz anderen Himmelsrichtung anreist, erholt er sich Gottseidank auf dem Weg zur Haustür.
Ferienhaus Tony ist schnell erklärt. Der Mann, der hier bei der Anreise mutmaßlich das Heft in der Hand hätte haben sollen, „schickt“ die Frau, also in dem Falle mich, noch freundlich zum Supermarkt. Damit sind die Geschlechterrollen aber auch für die kommenden Tage ausreichend bedient. Seine Pantoffeln wird der Co-Pilot sich (mutmaßlich im Gegensatz zum Vermieter) selbst holen müssen.
Da wir beide (nicht der Vermieter, der Co-Pilot) und ich heute doch die Mühen der Anreise in den Knochen haben endet der Tag denkbar unaufgeregt. Ich erquengele mir, meinem heimischen Abendritual folgend, die Aktuelle Stunde im WDR gucken zu können und der Puls steigt nur noch als ich in der Ferienhauspfanne das Rührei gehörig anbacken lasse. Ein Aufregungslevel, das auch in den nächsten Tagen nicht überschritten werden möge. Schließlich ist das hier Urlaub. Zum Glück bleiben meine hausfräulichen Unzulänglichkeiten am Herd der Vermieterin verborgen.





Kommentar verfassen