Wildes Wetter und Walbenachrichtigung

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So richtig alleine unterwegs über mehrere Etappen war ich noch nie. Das ändert sich genau an diesem Wochenende. Und es fällt mir leichter als ich erwartet hätte.

Nur mit einiger Mühe konnte ich dieses lange Wochenende komplett frei machen, Umso größer ist die Freude, als die Taschen auf dem Motorrad endlich gepackt und die Koffer geschlossen sind. Die Route verspricht weniger Spannung als die Termine. Und das Wetter weniger Freude als ich mir erhofft hätte. Dennoch stimmt die Laune. Die Regenklamotten sind vom Stiefel bis zum Kragen zugezogen und absagen kann ich das alles jetzt so oder so nicht mehr.

Schon an der Tankstelle bei der Autobahnauffahrt danke ich dem Tipp aus dem Internet, sich dringend zwei Paar guter Handschuhe zuzulegen, falls man mal in einen ausdauernden Regen geriete. Auch die Hinweise, welche Kleidung besonders schnell trockne und worin man auch mal zwei Tage ohne wie ein Schweinchen zu miefen aushielte, sollen sich dieser Tage bewähren. Denn: es schüttet. Nein. Es kübelt. Auf der Autobahn lerne ich schnell, gute von schlechten LKW zu unterscheiden, und mit jedem Schwall, den ein weißrussischer Laster mir mangels ordentlicher Schutzbleche in den Kragen gießt, saugt sich mein Halstuch ein bisschen voller.

Bei Hagen schon beherrsche ich die beste Visier-Wischtechnik und als ich irgendwo bei den Externsteinen pisspudelnass von der Sitzbank klettere, weiß ich, dass mich zumindest in Sachen Wasser von nun an wenig wird schocken können.

Der erste Stopp dieser Tour bedarf allerdings zumindest eines trockenen und weniger zerknautschten Handgelenkes. Ich werfe also alles tropfende ab, ziehe mir was Trockenes über und lege mein sich langsam endknautschendes Handgelenk vertrauensvoll in die Hände der tollen Wiebke Turner. 

Wir stecken die Köpfe zusammen, Wiebke reißt an, wo später (wie passend) Wasser hinter dem Uhrenarmband plätschern soll und als ich am Nachmittag mit neuem Tattoo in die noch immer nasse Motorradhose steige, bin ich um eine Flosse und eine Welle reicher und könnte mit dem Ergebnis nicht zufriedener sein.

Auch das Wetter scheint inzwischen bei besserer Laune zu sein, lässt ab und zu die Sonne durchblitzen und als ich die Koffer in das echt hervorragende Hotelzimmer getragen und sämtliche Stühle und Heizkörper zum Trocknen der Kleidung belegt habe, falle ich zufrieden und mit buntem Arm in einen tiefen Schlaf. 

Am nächsten Morgen ist der Wal noch da, die Kleidung ist einigermaßen trocken und ich darf nach einem erstaunlich guten Frühstück sogar bei Sonne wieder auf den zugegeben nassen Sitz des Mopeds steigen, um die zweite Etappe in Richtung Nordosten in Angriff zu nehmen. Schließlich habe ich noch was vor an diesem Wochenende, was ähnlich spannend wird wie der Tattootermin. 

Ein letzter Blick aufs Regenradar verrät mir, dass ich sogar ohne größere Schauer das nächste Hotel erreichen könnte. Also verliere ich keine Zeit sondern mache die Musik im Helm laut und fahre zielstrebig und ohne Extraschleifen in Richtung Schwerin. 

Im Gegensatz zu dem tollen Hotel gestern gibts heute einen zweckmäßigen Raum im zweiten Stock ohne Aufzug. Statt Frühstück erwartet mich ein defekter Snack- Automat und zu Abend habe ich mir im örtlichen Supermarkt sättigenden Snack- Quatsch eingesammelt. Schließlich bin ich diesmal nicht zum gemütlichen Verweilen hier sondern „nur“, um meinen Co-Piloten für das bevorstehende Wochenende einzusammeln. 

Der kann zu meinem Glück sogar ein gemeinsames Abendbrot aus seinem engen Zeit- und Arbeitsplan herausschlagen. Ich finde mich also, statt einsam mit der Carazza auf dem unbequemen Hotelbett an einem echten Küchentisch mit echtem Abendbrot zu einem echten Gespräch. Wie viel Glück soll ich den an diesem Wochenende bitte noch haben?

Der noch immer nervöse Blick aufs Regenradar meldet für nahezu ganz Deutschland für die nächsten zwei Tage dermaßen ergiebige Unwetter, dass wir kurz überlegen, unseren Motorrad- Termin in Wolfsburg verstreichen zu lassen. Wer bitte möchte bei mehreren Litern Regen pro Stunde und Quadratmeter über einen Fahrsicherheitsparcours schleichen? Es würde schon ein kleines Wunder brauchen, um ausgerechnet in Wolfsburg übermorgen trocken zu bleiben.

Die Veranstalter sind angesichts der Aussichten sogar so nett, uns auf meine vorsichtige Frage hin eine Umbuchung anzubieten. Diese Option eines Rückziehers vor dem eh schon arg aufregend klingenden Termin ist schon eine gewisse Verlockung. Am Ende aller Abwägungen beschließen wir allerdings, das jetzt einfach durchzuziehen. Weil: könnte ja auch gut werden.

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