Wenn wir zu früh starten, stellen wir fest, dann werden wir nass. Wenn wir allerdings den Tag eher gemütlich beginnen, dann sind wir immer ein kleines Stück hinter dem Regen. Bzw dem, was da alles noch mitfliegt, an Sturm und Gewitter. Und Ästen und Zweigen. Die jedenfalls liegen vor uns, auf nassen Straßen, in der Osthälfte Mecklenburg Vorpommerns. Wir allerdings machen hier und da Pause, damit das Gewitter uns weiterhin gern Stöckchen in den Weg legt, uns dabei aber bitte von oben verschont. Das heißt, dass wir Pausen machen müssen, die wir eh machen wollen, dass wir in Plau noch mit dem Goldwingbesitzer plaudern, der uns von dem extra verlegten Kabel für die mitgeführte Kaffeemaschine erzählt, und für dessen noch zu erwartenden Kumpel wir zwei Parkplätze räumen, damit der dann einen hat.
So gurken wir, immer gen Osten, durch Orte, die auf -ow enden in die Uckermark, machen Pause an einem See in Lychen, an dem gerade drei Bläser Jens‘ runden Geburtstag zum Anlass nehmen, ihm „Eins zu blasen“ (Puh!). Zwei der drei Bläser hatten die Stücke sogar geübt. Der Mann am Baritonhorn, der vor der überraschenden Einlage den Gästen im Scherz Audioaufnahmen verbot, wusste, was er tat. Bloß halt nicht, was er tutete. Thom und ich wahrten im Rahmen der Möglichkeiten bis zum unvermeidbaren „Hoch soll er leben“ die Contenance, spendeten angemessen Applaus und wünschen Jens unbekannterweise, dass zum nächsten Runden alle Überraschenden geprobt haben mögen. Die ganze Bagage schippert mit einem Floß davon.Dass die Showeinlage an Land stattfand, wird die Fische freuen.
Die Belustigung rastender Mopedreisenden übernimmt anschließend ein Pärchen auf E-Bikes, zuerst mit, dann ohne Dackel. Denn der macht sein eigenes Dackelding auch gern fern des Dackeltransportanhängers, schließlich ruft seine Gefolgschaft immerzu seinen Namen und winkt mit Keksen. Und wenn man zu weit wegdackelt spurtet sogar das Herrchen hunderte Meter dem Hund hinterher, um ihn zu Anhänger und Keks zurückzutragen. Dackel müsste man sein.
Im Gegensatz zu Jens‘ Gästen habe ich Glück und muss kein Buffet mit Tutenden teilen. Der Copilot hat offenbar eine Horde Hasen ausgeraubt und eine derart große Menge Möhrchensalat geschreddert, dass ein Stopp an der Tankstelle nicht genügt, die Tupperdosen leer zu mümmeln. Nach ca. 1/3 der Menge klappen wir die Campingbestecke ein und begeben uns auf die letzten Meter in Richtung Cedynia in Polen. Am Grenzübergang an der Oder nicken uns die drei polnischen Grenzschützer freundlich zu. Der mit der lustigen Kelle, die aussieht wie die von der Kirmes mit den Zuckerperlen, die wir damals alle haben wollten, grüßt sogar. Ich fühle mich, als würde ich ein fremdes Land betreten, was daran liegt, dass ich das gerade mache, und dass man hier außer den Zahlen auf den Straßenschildern sich aber auch rein gar nichts sprachlich erschließen kann. Thom weiß, dass „Koniec!“ unter dem Kurvenschild bedeutet, dass hier keine Kurve mehr kommt. Dass solchen Schilder auch da stehen, wo angeblich keine Hirsche mehr kommen, lässt mich hoffen, dass man auch den Hirschen gesagt hat, was „Koniec!“ bedeutet.
Statt Hirschen und den einmal per Schild versprochenen Wölfen begegnen uns noch etliche Störche, die alle so niedlich in ihren Hör… Nes… äh… Häuschen auf den Laternen wohnen, dass ich irgendwann vermute, dass hier eine Storchenfamilie immer von Dorf zu Dorf geschickt wird, um für die Durchreisenden storchiges Idyll vorzugaukeln.
Storchig und Idyll sind dann am Ende des Tages nicht die Worte, die uns zum Hotel Piast in Cedynia einfielen. Aber wir erreichen ausreichend geschafft das Hotel, um im Treppenhaus das Interkom von Thoms Helm zu verlieren und, ohne es zu vermissen, Stunden später wiederzufinden. Danke an die deutsch-polnischen Hotelgäste, die es freundlicherweise retteten.
Uns rettet die Pizzabude nur einen Katzenwurf entfernt, die uns ein Abendessen und ein Zusammentreffen mit dem ersten Dorfverrückten dieser Tour beschert, der – mutmaßlich voll des guten Pivo – einen energischen polnischen Smalltalk am Pizzabudentisch mit mir anfängt, meine fast 25 jährige Berufserfahrung im international verständlichen Dorfverrückte Weiterschicken aber anerkennen muss, jedenfalls zieht er wie erwünscht zügig wortkarg weiter. Auch wir halten uns nicht lange auf, denn die freundliche Pizzabäckerin packt die Sachen und läutet den Feierabend ein.
Auch wir sind für heute geschafft. Morgen ändern wir die Himmelsrichtung und fahren genau so weit in Richtung Süden, dass nach noch einer Zwischenstation in Polen am Ende ein Aufenthalt im tschechischen Skigebiet dabei rauskommen kann, ohne zu viele Kilometer pro °C machen zu müssen. Google sagt, das ist in Zagan. Wird schon stimmen.










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