Erste- Hilfe- Kurs

Erste Hilfe muss jeder können. Die absoluten Grundlagen, die mir hier heute vermittelt werden sollen, beherrsche ich. Trotzdem sitze ich, wohlweißlich mit diversen Schokoriegeln und einer Flasche Wasser bewaffnet, in einem Souterrain- Seminarraum. Die Rechtslage will es so. Ich möchte meine Fahrerlaubnis erweitern: ich muss einen Erste- Hilfe- Kurs besuchen. Die Auffrischungen aus dem Job habe ich zwar besucht, die Belege darüber haben es aber nicht in die Personalakte geschafft. Nun ja. Da muss ich jetzt durch.

Um mich herum tuscheln schüchtern ein paar Teenager. Niemand ist freiwillig hier, das merkt man der Gruppe an, und alles, was diesen Tag noch retten kann, ist ein fähiger Kursleiter. Und meine Schokoriegel.

Der Kurs beginnt. Der Dozent stellt sich vor. Micha ist Mitte 40 und hat Pflege gelernt. Das hier ist erst sein dritter Kurs, falls es also nicht so fluppe, mögen wir Verständnis haben. Die Teenies im Raum machen inzwischen Teeniesachen und sind mit allem einverstanden. Vielleicht hätte Micha nicht direkt ankündigen sollen, dass “bis zur Frühstückspause der langweilige Teil” kommt.

Die etwas zu sehr blondierte 17 Jährige neben mir kam deutlich zu spät. Jetzt chattet sie bei WhatsApp. Und bei Insta. Und bei Snapchat. Mir gegenüber versucht sich ein ähnlich junger Kursteilnehmer in Jogginghose irgendwie wach zu halten. Bisher gelingt es mäßig. Die verstockte Frau neben mir macht mit Ende 20 Klasse B. Als Micha unsere Ausweise zum Ausfüllen der Bescheinigungen einsammelt fragt sie mich, ob ich auch Klasse B mache und ob es eigentlich normal ist, “in den ersten Fahrstunden erstmal was kaputt zu fahren”. Das kann ein sehr, sehr langer Tag werden.

Wir kommen zu den ersten Inhalten – Absichern einer Unfallstelle, Absetzen des Notrufs. Absolute Basics fliegen aufs Smartboard und verschwinden wieder. Micha hat “gesteckt bekommen, dass hier die Polizei im Raum ist und er ‘aufpassen muss, was er sagt’” sagt er schmunzelnd. Die Auswahl potenzieller Polizisten hier ist beschränkt. Die meisten hier sind gefühlt noch im verkehrskasperlfähigen Alter. Die Mädels hinten sehen denkbar unpolizistig aus. Micha wird wissen, wen er meint. Beim dritten Beamtenwitz knicke ich ein, oute mich und gebe einen doofen Spruch zurück. Ab jetzt fühle ich mich wenigstens gut unterhalten, wenn schon inhaltlich nicht viel abzugreifen sein dürfte.

Die Themen werden ernster und mir fällt auf, dass Michas Lockerheit kurz verfliegt, als er zum Thema Herzinfarkt kommt. Das klärt sich schnell, als er einigermaßen beiläufig anmerkt, selbst einmal beim Tennis leblos zusammengebrochen zu sein und seiner damaligen Trainerin wohl sein Leben zu verdanken. Kurz blicken die Teenies von ihren Handies auf. Ist das vielleicht doch irgendwie wichtig hier? 

Zügig zieht Micha zum Thema Schlaganfall weiter und versucht, mit ausschweifenden Berichten über die Leidensgeschichte seiner Großeltern den Teilnehmenden das FAST- Schema einzubläuen. Keine Ahnung, ob er noch alle an Bord hat. Ich fürchte es hätte noch einer kleinen Erläuterung der Aufgaben des Blutkreislaufs bedurft. Ob die Frau neben mir, die denkt, es sei usus, in den ersten Fahrstunden kleinere Unfälle zu haben, weil sie “ja da noch gar nicht lenken kann” inhaltlich durchschaut, was ein Schlaganfall ist, möchte ich jedenfalls bezweifeln. Vielleicht merkt sie sich ja FAST irgendwie trotzdem. Oder wenigstens die Sache mit dem Notruf.

Nach der Pause kommen wir zum (aus meiner Sicht) Kern des Kurses. Micha bereitet die Übungspuppe vor, damit jeder hier wenigstens einmal die Herz- Lungen- Wiederbelebung üben kann.

Bevor er allerdings erklärt, wie das geht mit dem Drücken und dem Beatmen, wird seine Mine noch einmal finster und die Stimme fest: “Ich würd euch gern noch erklären, warum ich Ausbilder für Erste Hilfe geworden bin…” holt er aus: “…ich bin in Düsseldorf aufgewachsen, mit meiner kleinen Schwester. Wenn unsere versoffene Mutter (die ersten Teenies werden wach) uns losgeschickt hat, Besorgungen machen, dann hatten meine Schwester und ich immer kleine Mutproben. Wie Geschwister das so machen… Klettern, Wettlauf… sowas eben. Einmal sind wir zusammen nach Hause gerannt und mussten über eine große Straße. Da gab’s eine extra Fußgängerbrücke und deshalb unten keine Ampel. Wir haben öfter die Mutprobe gemacht, wer sich von uns traut, rüber zu laufen, zwischen den Autos.” Die Frau neben mir guckt weniger naiv als vorhin. Der einzigen Mutter im Raum enfährt ein halblautes ‘Ach du Scheiße!’. Micha guckt stur geradeaus und fährt fort: “Ich seh es noch vor mir: wir rennen beide auf die Straße zu, ich als großer Bruder natürlich vorweg, aber dann kamen doch Autos. Ich halte an und breite noch meine Arme aus, um sie aufzuhalten, aber meine kleine Schwester läuft weiter. Einfach an mir vorbei. Und wird überfahren…” So still war es heute noch nicht in diesem Raum. “…und keiner hält an, um zu helfen. Und vielleicht konnte deshalb dann auch in der Uniklinik später kein Arzt mehr was für sie tun.” Das zweite ‘Ach du Scheiße’ der Mutter ist jetzt deutlich lauter. “Und deshalb wäre es mir wichtig, dass jeder von euch bei sowas anhält. Und hilft. Weil: wenn ihr hier heute aufgepasst habt, dann könnt! Ihr! Helfen! Bei allem, was jetzt noch kommt gibt es kein Richtig und Falsch. Falsch ist nur, wenn ihr die seid, die weiterfahren.”

Puh.

Jetzt sind hier wirklich gedanklich alle an Bord. Selbst der bisher so coole Jogginghosenjunge mir gegenüber hat sein Handy das erste Mal in seinen Rucksack gesteckt. 

Micha wechselt zur nächsten Folie. Er muss erkennbar kurz durchatmen. “Schnell weg von dem Horror, lasst uns mal gucken, was man da hätte tun können!” sagt er, um ein bisschen Lockerheit in der Stimme bemüht. Dann erklärt er Rhythmus und Druckpunkt der Herzdruckmassage und zeigt die Funktionen des AED.

Dann, endlich, wird praktisch geübt. Jeder zwei Minuten. Die allerdings, und auch darauf bereitet Micha die Teilnehmer vor, werden sich ziehen wie ne sehr schlecht gesungene Oper. Einige der eher schmächtigen Teeniemädchen kämpfen ganz schön unter den FFP2 Masken. Alle ziehen durch, lassen sich korrigieren, und bemühen sich, das jetzt gut zu machen.

Rein statistisch wird niemand hier im Raum je in die traurige Lage kommen, eine Herzdruckmassage durchführen zu müssen. Aber rein statistisch ist es auch unwahrscheinlich an einer Straße überfahren zu werden, über die eine Fußgängerbrücke führt. 

Und falls das Leben einen im Raum doch mal vor diese Prüfung stellt, hat er oder sie jetzt das grobe Rüstzeug, vieles richtig zu machen. 

Falls ihr jetzt überlegt, wie das nochmal geht, mit dem Drücken und dem Pusten, dem FAST- Schema und dem guten Notruf, findet ihr im Text hinter den Links hoffentlich nützliche Infos.

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