Fokus

Früher stand das Telefon im Flur. Nicht, weil es dort in der Docking-Station den leer gewhatsappten Akku tankte oder weil man sich daran gewöhnt hatte, es nach langer Suche immer an diesem Ort wiederzufinden, sondern, weil es dort an der Wand festgebunden war.

Rief also zur Mittagsstunde Tante Trude an, eilte Mutti vom Herd zum Tischchen in der Diele, wo auf einem Deckchen der Fernsprecher schrill bimmelte, ohne zu verraten, wer am anderen Ende, ebenfalls in einem Flur vor einem Tischchen mit Deckchen stehend, Muttis Aufmerksamkeit von den Buletten lenkte. Nun hing alles von Muttis Timing ab, wenn es galt, Tante Trudes Redeschwall in eben jenem Moment zu unterbrechen, in dem die Frikkos im Fettbad zu wenden waren. Kein Telefondisplay verriet, wie lange die Tante schon palaverte. Allein innere Uhr und Geruchssinn legten fest, wann Mutti Tante Trude mit einem: „Ich hab wat aufm Herd, ich leg dich mal eben weg!“ abzuwimmeln hatte. Aussprüche wie: „Ich mach dich mal eben laut!“ oder: „Lass uns gleich auf n Kaffee in der Stadt treffen, ich schicke ne WhatsApp wenn ich losfahre.“ waren noch nicht erfunden.

Kam also mittags die hungrige Familie am Tisch zusammen und wunderte sich einer über die besonders ausgereiften Röstaromen, galt: „Trude hat angerufen!“ Als völlig legitime Erklärung.

Als ich heute beschloss, zu Abend Putenfilet zu braten, war ich gegenüber früher grundsätzlich in einer deutlich komfortableren Position. Während das Filet in der Pfanne vor sich hin prötschelte saugte das Smartphone neuen Saft aus der Steckdose auf der Arbeitsfläche. Einen vernünftigen Grund, sich vom Herd zu entfernen, gab es nicht. Untenrum hatte das Tier schon eine ansehnliche Bräune, die ich einem Kumpel auf die Frage, was ich denn gerade täte, per WhatsApp- Foto präsentierte. Hätte Trude früher angerufen, einfach, um zu fragen, was Mutti denn gerade mache, wäre sie wahlweise beschimpft oder schallend ausgelacht worden. Niemand hätte für diese Frage angerufen, und schon gar nicht hätte man zur Antwort ein Foto gezeigt bekommen. Wie auch? Polaroid und Faxgerät vielleicht – aber wir reden ja von Mutti, nicht von McGuyver.

Ich schickte also ein Foto vom Putenzwischenstand und wir gerieten ins Chatten. Ab und an rüttelte ich an der Pfanne. Sollte ja schließlich nicht festpappen, der Krempel, und scrollte nebenher noch fix über die Facebooktimeline. Schnell noch ein paar Postings kommentieren, bei Twitter ein Hashtag mufflen und WhatsApp hat auch schon wieder geplingt.

Irgendwann sagte mir meine Nase, ich sollte vielleicht mal wieder über den Displayrand schauen. Zu spät. Die Pute hatte eine Farbe angenommen, die auch der beste Insta- Filter nicht mehr schmackhaft hätte erscheinen lassen können und mein Abendessen wanderte, ganz analog, in den Müll.

Schon praktisch, dieses Handyzeitalter – Um das Wichtigste zu verpassen muss man noch nicht mal mehr in den Flur gehen.

Zu Essen gab es dann trotzdem Geflügel. Weniger stilvoll. Aber auch weniger verkohlt.

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