Kommissar Zufall

Ein beleuchtetes Polizeiauto auf einem schmalen Weg in der Nacht. Darüber der Vollmond. Das Bild zeigt einen BMW Streifenwagen aus NRW. Man kann nicht erkennen, wo er sich befindet. Im Hintergrund steht ein Weidezaun. Offenbar ist es eine ländliche Umgebung.

Kennt ihr das? Ihr kommt an einen Ort und auf einmal verbindet euer Gehirn etwas damit. Das Lied, das im Radio lief, als ihr das letzte Mal hier wart, das Eis, dass ihr gegessen habt, das Gespräch, das ihr mit eurer Begleitung führtet. All sowas ploppt unvermittelt auf, ohne, dass ihr darüber nachgedacht hättet. Zumindest bei mir ist das so.

Mein Gehirn gibt mir die Infos, ob ich will oder nicht, völlig ungefragt. So fällt mir auf einer Fahrradtour an dem einen Abzweig ein, welchen Podcast ich hier vor ein paar Wochen im Ohr hatte und sogar, worüber die Hosts damals hitzig debattierten. Oder ich verteile beim Gassi an einem Baumstamm ein paar Hundekekse und zack, da ist die Erinnerung an das Telefonat, was ich letztes Mal hier führte.

Orte bewerfen mich regelrecht mit Erinnerungen und ich scheine da keine vollkommene Ausnahme zu sein. Vielleicht habt ihr ja ähnliche Erfahrungen gemacht.

Da mein Beruf mich in den letzten fast 20 Jahren an sehr viele Orte der umliegenden Dörfer geführt hat, sind mit einzelnen Häusern, Straßenecken und Waldwegen aber nicht nur Podcasts und geschleckte Eisbecher sonder auch reihenweise Einsätze verknüpft. Einsätze, die ich längst vergessen hatte, die dann aber auf einmal wieder vor meinem inneren Auge auf der Matte stehen. Was übrigens nicht bedeuten muss, dass sie mich verfolgen oder bedrücken. Diese Verknüpfung ist einfach da.

Ich komme natürlich darauf, weil mein Gehirn heute aus heiterem Himmel einen längst vergessenen und locker 15 Jahre alten Einsatz auf Wiedervorlage legte, den ich einfach mal hier mit euch teile. Weil ich ihn mag.

Ein Nachtdienst im Frühling. Das Wetter ist endlich mal wieder lau und lässt die Dorfbwohner ihr Leben nach draußen verlagern. Für uns heißt das: die Einsatzbelastung nimmt zu und wir tingeln in dieser unruhigen Nacht zwischen Streitigkeiten, Ruhestörungen und anderen Routineeinsätzen hin und her. 

Der Kollege, mit dem ich unterwegs bin, möchte schon seit mindestens einer Stunde die Wache anfahren. Er muss mal für kleine Gesetzeshüter, aber wir kommen bisher nicht dazu. Jetzt, da sein Problem langsam zu drängen beginnt, verkauft uns die Leitstelle einen Nachbarschaftszwist. „Oaaahh neee ey…“ Daniel verdreht die Augen: „…ich muss jetzt wirklich mal eben entsorgen!“ Ich zucke mit den Schultern, als er plötzlich von der Bundesstraße auf einen abgelegenen Schotterparkplatz einbiegt. „Die Nachbarn müssen einen kleinen Moment warten. Ich muss mal. Und zwar jetzt.“ raunzt er mich an, als hätte ich den Nachbarschaftsstreit angefangen, eilt aus dem Streifenwagen und verdrückt sich in die Büsche. Zum Glück besteht hier nicht die Gefahr, dass uns – bzw. ihn – irgendwer beobachten könnte. Was sollen denn bitte die Leute denken?! Aber was raus muss, muss wohl raus. Und so mitten im Wald… na, wollen wir mal nicht so streng sein.
Daniel (so nennen wir ihn einfach mal, eigentlich heisst er anders, aber bevor er jetzt noch Ärger bekommt, wegen Wildurinierens…) ist nicht mehr zu sehen. Und zu hören glücklicherweise auch nicht.
Ich lasse meine Gedanken schweifen. Am anderen Ende des Waldparkplatzes rascheln Tiere im Gebüsch. Sicher Rehe. Also: hoffentlich. Wildschweine sind mir ja nicht so sympathisch. Langsam könnte Daniel wiederkommen. Warte. Das sind keine Rehe. Da sind doch: Menschen. Ich kneife die Augen zusammen und konzentriere mich. In gut 200 Metern Entfernung huscht eine Gestalt aus Richtung Bundesstraße zu einem Auto, das am Ende des Feldweges stehen muss, auf den wir abgebogen sind. Oder ist das ein Lieferwagen? Da: der nächste Schatten. Schatten Nummer Eins ist schon wieder zur Straße verschwunden. Was machen die da? Und vor allem: wo zur Hölle bleibt Daniel?

Daaaaaniiieeeellllll!!!“ flüstere ich halblaut durch sein offenes Fahrerfenster. Er hört mich nicht. „DaaaaaNiiieeeEelllll!“ Ich muss es ein wenig lauter versuchen. Die Schatten flitzen noch immer halb geduckt über die Straße hin und her. Gehört haben sie uns wohl nicht. So wie mein Kollege, der noch immer die Büsche düngt. Wenn ich ihn anfunke und er den Funk zu laut hat, fallen wir auf. Wenn ich die Autotür öffne und schließe auch. Zeichen mit der Taschenlampe? Viel zu auffällig. Am besten warte ich einfach.
Auf der anderen Straßenseite ist ein Schrottplatz. Beobachte ich gerade Schrottdiebe auf frischer Tat, während mein Kollege und nichts ahnend dem kleinen Daniel die große Welt zeigt? Kannjawohlnichtwahrsein! Ich decke alle Displays im Auto ab und schalte die Innenbeleuchtung und das Standlicht aus, um nicht doch noch gesehen zu werden.
Ah. Da kommt er endlich. Ich zische den Kollegen an: „Niiiicht die Tür schlagen! Nichts sagen! Da: Guck mal!“ Jetzt sitzen wir zu zweit im dunklen Streifenwagen und starren in die Nacht. 
Die Personen sind gerade kurz wieder Richtung Schrottplatz verschwunden. Aber wenn sie wegfahren wollen, und das werden sie wollen, müssen sie auf dem Feldweg zu uns auf den Parkplatz fahren Wir melden der Leitstelle flüsternd unseren Standort (zum Glück fragt niemand, was wir da wollen) und dass wir verdächtige Beobachtungen machen. Aus dem Nachbarort kommen Kollegen zur Unterstützung.
Noch immer bewegen sich die Schatten, ich denke es sind insgesamt vier oder fünf, geschäftig zwischen Schrottplatzzaun und ihrem Fahrzeug. Sollen sie mal machen, denken wir. Noch haben wir es nicht eilig. Als sie allerdings nun alle zusammen wieder auftauchen, schlagen sie die Heckklappe zu und steigen in den Wagen. Licht geht an. Es wird spannend. So einen Aufgriff hatte ich bis dahin noch nie.

Während wir auf die Kollegen aus dem Nachbarort gewartet haben, haben wir einen Plan geschmiedet. Wer wird gleich was tun, wenn wir zugreifen? Jeder hat einen Job. Meiner wird sein, die Beifahrerseite zu übernehmen und zu funken.
Der Wagen kommt näher. Noch 50 Meter, noch 20.

Zugriff!

Drückt uns die Daumen.

Die Geduld hat sich gelohnt, unser kleiner Zugriffsplan ist aufgegangen. Nach kurzer Überrumpelung sitzen vier Kleinkriminelle auf dem Boden neben ihrem Fahrzeug und haben nicht den blassesten Schimmer, wie wir in dunkler Nacht auf einem Schotterparkplatz an einer Bundesstraße aus dem Nichts auftauchen und sie aufgreifen konnten.

In der Anzeige werde ich die Entstehung der Situation in etwa so formulieren. „Am ___ um ___ befuhren wir im Rahmen der Streifentätigkeit den Parkplatz an der ___- Straße, als uns in einiger Entfernung in der Dunkelheit Personen auffielen, die sich in geduckter Haltung über mehrere Minuten zwischen dem Zaun der Firma ___ und dem aufgegriffenen Fahrzeug ___ hin und her bewegten…“ Den Rest der Geschichte kennt ihr ja schon.

„Da hatten wir wohl Glück, dass Daniel gerade wirklich pullern musste!“ sage ich achselzuckend dem Chef, als der mich fragt, wie wir ausgerechnet auf diesen Parklplat kamen. „Glück der Tüchtigen!“ sagt der Chef, und knufft mir gegen die Schulter: „Schöner Aufgriff. Aber bitte zukünftig trotzdem zum Pinkeln wieder die Wache anfahren!“

Wer weiß, was mir in den letzten 15 Jahren alles an Festnahmen entgangen ist, weil sich die Jungs an den Hinweis des Chefs halten. Das Glück der Tüchtigen hatten wir dafür hier und da an anderer Stelle.

Davon erzähle ich euch dann vielleicht nächstes Mal. Wenn mein Hirn wieder was auf Wiedervorlage liegen hatte.

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