„Enno, ni gleddern!“ pfeift die Mutter ihren Spross an. Dem Dialekt nach stammen sie aus einer Region südwestlich von hier. Offenbar haben sie ähnlich touristische Abitionen wie wir alle hier, die entweder per Gondelbahn oder kurviger Straße den Weg zum gar lustig durchgestylten Hexentanzplatz gefunden haben. Vorbei an den bunten Streetfoodbuden haben wir uns zwischen den kleinen Ennos und Ihren zum Teil fragwürdig tätowierten Eltern zum Aussichtspunkt durchgekämpft. Hinter dem Streichelzoo wird der Wald zum Spieleparadies. Das Schild, das die Gegend als Naturschutzgebiet ausweist, stammt wohl aus besseren Zeiten. Damals war hier sicher mal Wald. Also: nicht bloß Bäume auf plattgetrampelten Boden. Da gab es hier noch wilde Tiere, nicht bloß Plastikhexen und mittelmäßig erzogene Hunde an pinken Flexileinen. Heute kommt hier nichts näher an die Natur als das teure Schnitzel in der Touristenfalle.
Wir weichen eilig in eine hoffentlich ruhigere Ecke aus, von der aus wir ein paar Minuten lang auf die Landschaft gucken. Und auf Tattoos an Waden. Einer hat ein riesiges Maschinengewehr am rechten Bein, darüber einen nicht lesbaren Schriftzug und einen Mundschutz, wie man ihn im Boxring trägt oder wo auch immer der Typ üblicherweise auf die Fresse zu kriegen vorzieht. Sein Begleiter hat die vermutlich ähnlich beschissene Tattooidee dadurch gesellschaftsfähig gemacht, dass er sich seit dem Stechen dermaßen fette Waden angefressen hat, dass man das verblasste Bild überhaupt nicht mehr erkennen kann. Glück für ihn.
Glück wünsche ich auch dem Bengel auf dem Felsen neben mir. Der überlegt gerade laut, ob die lila Gondeln nur nach oben und die grünen nur noch unten fahren. Mutti reagiert auf die zugegeben etwas ungewöhnliche Frage mit einem Spruch, der den Spross ziemlich doof dastehen lässt. „Cool“, denke ich, da wird der Kurze sich ja in Zukunft bestimmt trauen, Mutti in der Öffentlichkeit was zu fragen, wenn er dafür so unverschämt übergebügelt wird. Geht ja nix über wertschätzende Umgangsformen. Danke, Mutti, du dösige Pute, für den Reminder, nett zueinander zu sein.
Wir haben genug gesehen, vor allem genug Menschen, und kraxeln durch das, was mal ein echter Wald war, zurück in Richtung der Touristenfallen. Bei einer Spezi im Schatten weiten wir die Sozialstudien ein Weilchen aus. Nach einigen Minuten finden wir sogar eine Familie, die uns niedlich genug erschiene, um ein Portrait davon malen zu lassen.
Vorbei an der Harzbob- Bahn schlängeln wir uns zurück ins Tal, kehren Thale den Rücken zu und stoßen, wie zur Belohnung für unsere Geduld im Touristentrubel in Wernigerode auf zwei niedlich rangierende Brockenbahnen. Auf dem Bahnsteig verzehren wir Proviant, beobachten fasziniert die Arbeit der Heizer und Lokführer und kehren pünktlich zur Aktuellen Stunde aufs Sofa zurück.
Das Ei lassen wir heute aus. Frau Amezianes wundervolles Esszehha und die unvermeidliche Fortschreibung der mauen Nachrichtenlage im Westen bleiben uns aber erhalten. Morgen soll es sehr heiß werden, sagt der Wetter-Mann in dem gut sitzenden Anzug. Vielleicht ein guter Tag, um ein paar weniger Kilometer zu machen.



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