„Beepeep!“ – ich schließe den Brummi auf. Der macht zum Glück kein Geräusch, aber es wäre jetzt der Moment, wo ich das einfach mal so behauptete, im Sinne der Geschichte.
Brummi und ich, wir haben heute was vor. Wir rollen am Schloss vorbei ein Viertel weiter, einen Kleinkünstler einsammeln, und seine Gitarren.
Zum Auftritt gehts ein ganzes Stück raus aus der Stadt, nach Osten. Dahin, wo man in der Karte recht weit raus zoomen muss, um zwischen den riesigen Äckern mit den vielen lustigen runden Inseln aus Sträuchern das nächste Dorf zu finden. Da, wo die Straßen gerade und die Hügel sanft sind und Orte gerne auch mal irgendwas mit „… Ausbau“ heißen, wenn ihre Namen nicht auf -in oder -ow enden. Dort jedenfalls, in Mestlin, hat eine kleine Gruppe umtriebiger Menschen eine Bühne gebaut, dahin, wo früher eine Kantine war, in einem Dorf, das die DDR als mustergültiges Rundumpaket sozialistischen Zusammenlebens und -arbeitens erdacht hatte.
Mitten im Dorf, steht, damals wie heute, ein gewaltiges Kulturhaus. Das ist seit einiger Zeit allerdings Gegenstand eines Streits zwischen Gemeinde und Kulturverein und deshalb nicht die heutige Spielstätte des Schweriner Kleinkünstlers. 700 Sitzplätze soll das Kulturhaus einst geboten haben – bei einem Dorf mit 757 Einwohnern ein selbst in sozialistischen Zeiten optimistisches Verhältnis. Damals allerdings, las ich, lebten hier noch gut doppelt so viele Arbeiter und Bauern.
Statt im Kulturhaus finden der Kleinkünstler und seine zugegeben nicht ganz 700 Zuschauenden sich also heute in der ehemaligen Kantine ein, in der LPG Mitglieder, Feldarbeiterinnen und Schulkinder täglich zu Mittag aßen, damals. Und weil die Zuschauenden von heute die Schulkinder von damals sind, betreten sie den Raum mit nostalgischen Gefühlen und erinnern sich gleich, wie sie damals in der Schlange standen, wie es Kartoffeln gab und wo man das Geschirr abzugeben hatte.
Ich verbinde mit dem Gebäude zwar naturgemäß keine kartoffelig- warmen Damalsgefühle, freue mich aber nicht weniger über dessen Erhalt und die Tatsache, dass die Mitglieder des Kulturvereins mit Handarbeit, Mühe, Improvisationstalent und technischem Know-How aus einem kargen Speisesaal einen echt charmanten Auftrittsort samt Bühne und Licht gemacht haben.
Von wegen „alle lost, da im Osten – überall tote Dörfer“ – hier leben Menschen, die den Unterschied machen, die Bock auf Kunst haben, und die Sache in die Hand nehmen. Die ihre Mitmenschen zusammenbringen möchten, und dazu eben selbst was anstoßen. Die nicht zuschauen, wie im Dorf mal wieder nix los ist, sondern die was los machen. Und die auch dranbleiben, wenn es schwierig wird, mit Gemeinde, Kulturhaus und Pachtvertrag.
Und typischwerweise sind das dann exakt so freundliche, warmherzige und zupackende Menschen, wie ich sie in Mestlin kennenlernen durfte. Allein dafür hat sich der Weg über die Dörfer schon gelohnt, eigentlich. Aber: ’n Auftritt gabs ja auch noch….
Tja… Und mit diesem Auftritt schließt sich für mich ein echt lange währender Kleinkunst-Kreis. Irgendwann, im Jahr 2007 oder 2008 vermutlich, war ich aus der Geocaching- Bubble heraus auf die wundervollen Texte und Lieder von Thomas Naedler aufmerksam geworden. Seitdem waren einige mir nicht mehr aus dem Ohr gegangen. Ich lernte, was eine Lesebühne macht, hörte in einem relativ jungen Medium namens Podcast von einer Stadt mit einem goldenen Schloss, die sich auf eine Bundesgartenschau vorbereitete und weiß seitdem, wohin all die Tiere gehen. Dann kamen die Dosenfischer; Geocacher sangen in meinem Internet fortan Lieder übers Geocachen und podcasteten und texteten wie die Wilden. Ich hörte Heldengeschichten von Betonschiffen, Spoiler bei Nachtcaches, die ich nie suchen würde und versuchte zu verstehen, wie PocketQueries funktionierten und wie man mit Pocket PC und GPS Maus (jüngere Lesende googeln hier selbstständig) oder dem ersten iPhone navigierte.
Ich suchte selbst Dosen und summte Dosenfischer- Songs, später suchte ich kaum noch Dosen und summte noch immer Dosenfischer- Songs und die Texte von Thomas Naedler, die gingen mir noch immer nicht aus dem Kopf…. Irgendwann kreuzten sich unsere Wege. Über Twitter plauderten wir, als das noch ein Ort des Austauschs war, über unsere Jobs, meine Blaulicht- Blogtexte aus dem Kleinstadt- Revier und unsere Geocaching- Vergangenheit. Ich outete mich als heimlicher Dosenfischer- Fan allererster Stunde und weg wohnender Lesebühnenvideoklicker auf YouTube.
Jahre später war ich dann auf der Suche nach Camping- Spots in MV, dachte zurück an die Stadt mit der BuGa und dem Schloss, fragte den eingeborenen Flachlandreporter und wir blieben in mehr oder weniger losem Kontakt. Thom hatte Geocaching und Gitarre inzwischen aus den Augen verloren. Ich geocache auch nur noch, wenn mir unterwegs sonst nix als Zeitvertreib einfällt, aber die Lieder von damals, die summe ich dabei immer noch.
Und jetzt, mehr als 15 Jahre nach meinem ersten Klick auf seine YouTube Videos, schaffte ich es endlich, Thom live vor Menschen singen und erzählen zu sehen.
Und dann singt er auch noch ausgerechnet eins der ganz alten Lieder, das mir seit damals im Ohr ist. Und ich frage mich auch nach 15 Jahren noch immer, wieso jemand, der so zauberhafte Lieder und Texte schreibt, nicht mindestens reich und berühmt ist.
Dann allerdings hätte ich ihn heute nicht in dieser ehemaligen Kantine gesehen – und das wäre sehr, sehr schade gewesen – sage ich einfach mal auch im Namen der ehemaligen hier geschulspeisten Zusehenden.
Als ich heute Abend („beepeep“) die Wohnungstür des AirBnB öffne, ist der Tag lang und das Kleinkunstliebhaberinnenherz glücklich. Und ich falle geschafft und zufrieden in mein seelenloses Bett, gehe mit der Handytaschenlampe ins stillschweigende Bad und bin gespannt, welche Überraschungen MV in den nächsten 15 Jahren für mich parat hat.




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