Schaalsee III – Grenzhus

“Was bedeutet Grenze für dich” steht als Frage am Durchgang zu dem Raum im Museum “Grenzhus” in Schlagsdorf. Ich muss kurz stehenbleiben und darüber nachdenken. Grenze, das bedeutet für mich auch bei längerer Überlegung wirklich nicht viel. Fremde Sprachen, früher auch fremde Währungen, aber auch Vla, Joppiesauce und das IJsselmeer liegen für mich als Pottkind direkt hinter der Grenze. Grenznähe, das ist für mich ein Vorteil. Der Urlaub ist nah, die Geschäfte haben an Feiertagen auf. Tolle Zoos, Strände und Verwandte finde ich hinter der Grenze. Wenn ich sie mit dem Auto überquere merke ich das nur daran, dass ich den Tempobegrenzer einschalte und mich vor hohen Bußgeldern fürchte. 

Ansonsten ist das hier alles Europa. Wir sind gleichberechtigte Nachbarn. 

Für die Menschen hier am Schaalsee bedeutet “Grenzregion” etwas vollkommen anderes. Ehemalige Grenzregion, um genau zu sein. 

Durch das Mahnmal des erschossenen Flüchtlings bin ich gestern auf das Thema gestoßen und habe mich nach einem kurzen Austausch dazu mit einem eingeborenen Mecklenburger erstmal vorsichtig “rangegoogelt”. Schließlich stieß ich in gute erradelbarer Entfernung auf das “Grenzhus” in Schlagsdorf.

Ich gebe zu: tagelang bei Regen im Brummi aufzuwachen, das macht was mit mir. Selbst die nötigsten Campertätigkeiten wirken wie ein Haufen Arbeit, wenn die Wiesen nass und die Aussichten regnerisch sind. Gassi – bäh. Duschen – bäh. Frühstück – bäh. Alles bäh.

Mittelokay gelaunt stecke ich heute also den Hund in den Anhänger und mache mich auf den Weg, um zu allem Überfluss auch noch festzustellen: je mieser die Laune, desto länger die empfundene Strecke. Dass die Dörfer, durch die die schmalen Straßen mich führen, alle irgendwie gleich aussehen, macht die Sache nicht leichter. 

Die Abfolge kenne ich inzwischen: hügelige Straße ohne befahrbare Seitenstreifen, auf die einen überholende Bürgerbusse abdrängen, dann Ortsschild, “Freiwillig 30” Schild mit mahnend angekettetem rostigem Dreirad, kleinste denkbare freiwillige Feuerwehrwache, Bekanntmachungstafel, dann eine Reihe Einfamilienhäuser, gern in Backstein, mitunter Fachwerk, fast ausnahmslos rot gedeckte Dächer, selten Reet, von der Straße getrennt durch hüfthohe Zäune. Dahinter Kopfsteinpflastereinfahrten, erreichbar durch schwere Eisentore, die Familien-Vans einschließen. Das Konzept der Hecke zum Vorgarten scheint hier überhaupt keine Sache zu sein. Aber das Leben spielt sich – so wirkt es – sowieso hinter den Häusern ab. Menschen jedenfalls sehe ich keine.

So geht das jetzt für mich ein paarmal in immer gleicher Folge: Ortsschild, Häuschen, keine Menschen, Ortsausgangsschild, “Auf Wiedersehen” – bis ich schließlich auf einen Radweg abbiege, der anders ist.

Zwei Stränge gegossener Betonplatten reihen sich zu einer befestigten Straße, die sich mitten durch die Natur pflügt. Die Wegesränder und die Wiese zwischen den Fahrspuren sind freigeschnitten. Als Radweg ist das hier, auch mit Anhänger, relativ perfekt. Ich passiere einige Hinweisschilder, habe aber den Eindruck, wenn ich jetzt anhalte, gar nicht mehr vom Fleck zu kommen. Außerdem sind es nur noch 5 Kilometer zu fahren und wenn ich durchziehe, komme ich vielleicht sogar trocken am Grenzhus an

Pünktlich in dem Moment, als ich mein Fahrrad unter den Bäumen am Parkplatz ankette, beginnt es kräftig zu regnen. Ich hadere. Einerseits habe ich keine Lust, den laut Radar einstündigen Schauer hier auszusitzen, andererseits müsste ich den Hund im Regen vor dem Museum parken, um selbst ins Trockene zu flüchten. Beide Optionen gefallen mir nicht. Ich brauche einen Plan C.

Die freundliche Mitarbeiterin am Museumseingang erlaubt mir nach kurzem Hin und Her, den Hund samt Anhänger auf dem Gelände unter ein Vordach zu schieben. Dass ich den Hund auch hätte mit ins Haus nehmen dürfen, enthält sie mir vor. Andererseits bin ich gar nicht so sicher ob er sich überhaupt für innerdeutsche Grenzgeschichte interessiert.

Ich beschließe, mich hier nicht zu verzetteln sondern mich pünktlich mit Ende des Regens auf den Weg nach Ratzeburg zu machen, um dort beim Essen den nächsten Schauer auszusitzen. Ohne Regenradar wäre dieser Urlaub um einiges nasser. Mit entsprechender App ist das miese Wetter immerhin einigermaßen berechenbar.

Die Ausstellung beginnt mit einer nach Jahrzehnten gegliederten Chronologie der Deutsch- Deutschen Geschichte. Staatsgründungen, Währungsreformen, Luftbrücke, NATO und Warschauer Pakt, Arbeitsmigration, Mauerbau, Friedensbewegung, Reiseerleichterungen, Montagsdemos, Maueröffnung – auf zehn Metern Schautafeln geht man an einem Abriss der Ereignisse vorbei, kann einige Videos aus der Zeit schauen und ist danach zumindest grob im Bilde. 

In den Räumen ringsum geht es thematisch geordnet um das Leben in der Grenzregion, um die DDR-Grenzsicherung mit allen furchtbaren und tödlichen Einrichtungen, um den Eingriff in die Natur, den das Roden und Freihalten des Grenzstreifens bedeutet hat und schließlich auch um die Chance, eben diesen Streifen nach der Wende der Natur zurückzugeben. 

Als ich im letzten Raum einen Blick aus dem Fenster wage, hat der Regen sich verzogen. Timing: kann ich. Ich schiebe den Hund aus dem Vordach und wechsele zum Außenbereich der Ausstellung.

An einem riesigen Tor mit Signalzaun vorbei betrete ich das Gelände. Die Exponate wirken ein bisschen wahllos auf die Wiese geworfen. Stolperdraht, Grenzsteine, eine Wassersperre. Obwohl ich weiß, dass all das hier früher wirklich zum Einsatz kam, kann ich mir diese Region nach wie vor partout nicht mit einer tödlichen Grenze vorstellen. Vielleicht, weil es einfach so unglaublich absurd und wie von einem fremden Planeten wirkt, seine Staatsbrüger einzuzäunen, vielleicht weil die Bilder, die ich davon kenne, vorwiegend schwarzweiß sind, vielleicht weil die Gegend hier so friedlich und harmonisch wirkt, dass die Vorstellung, dass wenige Kilometer entfernt auf Flüchtlinge geschossen wurde, scharfe Hunde an Laufketten den Grenzstreifen sicherten und über das, was heute Radweg ist, Grenzsoldaten patrouillierten, schlicht nicht in meinen Kopf passt. 

Vermutlich hilft es, die ganze Sache noch ein wenig sacken zu lassen. Auf dem Rückweg nach Ratzeburg halte ich an den Hinweisschildern an dem Radweg, der eigentlich mal Kolonnenweg war, und versuche mir ganz bewusst klar zu machen: die Grenze war nicht irgendwo sondern genau hier. Genau hier wurden Menschen zwangsevakuiert, Familien getrennt und Höfe geräumt. Ein Leben nahe dieses Grenzstreifens war geprägt von Passierscheinen, Ausgangsbeschränkungen und der Gewissheit: die eigene Welt endet in jedem denkbaren Fall an diesem Zaun. Jeder Versuch einer Flucht wäre ein  lebensgefährliches Unterfangen.

Heute, dreißig Jahre nach Maueröffnung, radele ich hier von Ost nach West, als wäre es das Normalste der Welt. An der im Radweg markierten Grenzlinie halte ich an und bin dann doch ein wenig demütig ob der Freiheit, die ich gar nicht anders kennengelernt habe. 

Wie privilegiert lebe ich, dass das Wort “Grenze” für mich nie etwas Unangenehmes bedeutet hat? Auch nach längerem in mich hinein horchen mag mir kein echtes Empfinden zu diesem Wort einfallen.

Und selbst wenn ich noch so viele Ausstellungen besuche – das Gefühl für Grenzen ist mir, der Europäerin aus dem Ruhrpott, wohl auch nicht mehr zu vermitteln – denke ich, während ich demütig in Richtung Ratzeburger radele und doch noch mal kurz überlegen muss, ob das hier jetzt eigentlich damals Osten oder Westen war.

Wie schön, dass das heutzutage wirklich vollkommen egal ist.

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