Schwerin III – Stadtrundgang (feat. Theorie III)

“Wenn du in Begleitung von Kollegen bist, bist du direkt noch schnippischer” stellt ein mutiger Schweriner fest, der heute tatsächlich mehrmals Ziel spitzer Bemerkungen wurde, von denen ich im Nachhinein einfach hoffe, dass er mich gebremst hätte, wenn sie ihm zu weit gegangen wären. Denn wie das manchmal so ist, wenn man mit seiner Ruhrgebietskodderschnauze hinaus geht, in die Welt, wenn man zu Frotzeleien neigt und einander dann doch nicht so gut kennt, besteht die Gefahr, Menschen auf den Schlips zu treten, denen man eigentlich nur ein bisschen eine lange Nase machen wollte. Bisher allerdings hat er mir nicht vors Schienbein getreten. Die westfälische große Klappe scheint also hoffentlich mit mecklenburgischem Humor noch gerade so kompatibel zu sein. Solltet ihr also nichts mehr von mir hören wurde ich entweder im See versenkt oder im Schlosspark verscharrt. Da hätten wenigstens die Blumen noch was davon.

Vormittags war ich heute mit einem ehemaligen Arbeitskollegen verabredet, den es nach 13 Jahren NRW- Polizei zurück in die alte Heimat Schwerin gezogen hatte. Dass Kollegen, die im eigenen Bundesland aus welchen Gründen auch immer den Einstellungstest nicht bestehen, in anderen Ländern den Polizeidienst antreten, ist nicht ungewöhnlich, dass sie schließlich einen Tauschpartner suchen und in die Heimat-Bundesländer zurück wechseln, auch nicht. Im Fall meines Kollegen war der Rücktausch allerdings mit einer jahrelangen Suche nach einem vom Land NRW akzeptierten Tauschpartner, bis dahin mit kräftezehrendem Pendeln zur Familie über gute 500km an allen möglichen freien Tagen, und schließlich sogar mit der freiwilligen Degradierung verbunden, um endlich einen vergleichbaren Tauschpartner zu finden und schließlich zurück nach Hause zu können. Umso mehr freut es mich, ihn heute, Jahre nach der Rückkehr in seine Heimat, zufrieden und mit handfesten Plänen für die weitere Karriere hier zu treffen.

Bei einem Spaziergang zwischen Schloss und Pfaffenteich stellen wir wie immer fest, dass unsere kleinen und großen Polizeithemen in MV und NRW nach wie vor dieselben sind. Wir sprechen über die Eignung der Anwärter, über die Ausstattung der Kollegen, über zu kleine und seltsam ausgestattete Streifenwagen und die nicht ausbleibenden Niggeligkeiten zwischen Kripo und Schutzpolizei.

Aus mir unerklärlichen Gründen lasse ich mich dazu überzeugen, ein Franzbrötchen zu essen, obwohl ich aus meinen Erfahrungen in der Franzbrötchenstadt Hamburg hätte lernen sollen, dass dieses nicht aufgegangene Stück Teig, das völlig unnötig nach Weihnachten schmeckt und sich dabei wie ein beherzter Biss in einen Prittstift anfühlt, das wohl überschätzteste Gebäck der Welt ist. Also: nach Churros natürlich. Warum genau probiere ich also immer wieder Franzbrötchen? Weshalb erliege ich nach wie vor dem Irrtum, mich diesem missglückten Versuch eines Teilchens doch noch irgendwie annähern zu können? Und das überhaupt zu wollen…

Immerhin reicht mein Verstand mit franzbrötchenverklebtem Resthirn noch so weit, mich jetzt nicht auch noch auf das Abenteuer “Softeis mit Fruchtgeschmack” einzulassen, das in Schwerin problemlos als ernsthaftes “Eis” durchgeht. Sollte euch also mal ein Schweriner ein Eis in Aussicht stellen, seid wachsam, er meint vielleicht gar kein Eis sondern diese aus einer Maschine gequetschte Fruchtpampe. Süßspeisen, das können die hier offenbar nicht so gut. Aber zum Softeiskapitel vielleicht demnächst mehr, wenn ich nach dem Gebäck- dann auch auf dem Eis- Pfad doch noch den falschen Abzweig nehme. Uns allen hier ist klar, dass das passieren wird. Früher oder später.

Nachdem der Kollege sich zur mittäglichen Siesta vor dem folgenden Nachtdienst verabschiedet hatte (wir alle ahnen insgeheim: er musste eigentlich den Franzbrötchenklumpen verdauen, der auch ihm tonnenschwer den Magen verklebte) übernahm freundlicherweise ein trotz Frühdienst erstaunlich ausgeschlafen wirkender Schweriner die nachmittägliche Sightseeingbetreuung.

So kam ich nicht nur zu der Erkenntnis, dass man in der Tat außen um das Schloss herum laufen kann (Wie genau konnte mir das bisher entgehen?) sondern auch zu einem Köfteteller und um ein Haar auch zu einem Kaffee am Seglerheim. “Um ein Haar”, weil montags zwar gesegelt, aber kein Kaffee getrunken wird. Sitzen und gucken allerdings kann man dort auch auf dem Trockenen ganz fantastisch. Und falls euch mal jemand fragt, möchte ich euch ein paar Fakten, die ich auf dem Stadtrundgang aufgeschnappt habe, gleich brühwarm weitergeben. Der Schweriner See ist der dritt- oder viertgrößte deutsche See und hat mehrere Inseln. Auf einer davon kann man übernachten, darf aber nicht, während mindestens eine andere so streng unter Naturschutz steht, dass sich jeder Besuch verbietet. Ihr merkt: es war vielleicht ein bisschen viel Informationsfluss für mich. Gemerkt habe ich mir jedenfalls, dass man davon ausgehen darf, dass in jedem der vielen rausgeputzten alten Gemäuer irgendeine Art von Verwaltung ihren Sitz hat, und mindestens genauso sicher dürfte feststehen, dass der Poltergeist des Schweriner Schlosses, das koboldartige “Petermännchen” früher eingeschlafene Nachtwachen geweckt, Einbrecher verscheucht und mit seinem nervigem Gepolter sogar Wallenstein vertrieben hat, als der sich das Schweriner Schloss zur Residenz machen wollte. Aber erstens soll es in diesem Text ja nicht ums Schlafen und unsanft geweckt Werden gehen und zweitens sollte ich aufhören, euch mit mühsam zusammengeschnorrten und dann nur halb abgespeicherten Anekdoten zu langweilen.

Vielleicht hat der eine oder andere Leser angesichts der Überschrift noch einen Absatz zum abends anberaumten Fahrschultheorieunterricht erwartet. Ich fürchte, über dieses irritierende Erlebnis kann ich erst nach mehreren Sitzungen Delfintherapie mit euch sprechen.

Zum Glück ist ja hier hinter jeder Straßenecke ein See, und um den größten davon werden der Schweriner, den ich historisch korrekt ab jetzt Sandmann nenne, und ich morgen herum radeln. Und wenn da wider erwarten keine Delfine sind, kann ich ja vielleicht eine Regenbogenforellentherapie machen.

Oder wenigstens ein Fischbrötchen essen.

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