Level Up!

„Du machst das gut, mach einfach weiter so!“ gibt der Fahrlehrer mir mit, als ich neben ihm anhalte. Er sammelt die Hütchen ein, zwischen denen ich gerade herumgekurvt bin. Ich atme kurz durch. Dann schickt er mich wieder los: „So. Komm: Ausweichen ohne. Kannste locker!“. Er hält mir seine Faust hin, damit ich meine dagegen dotze, und schickt mich an die Startlinie. „Hau rein!“ quäkt es kurz darauf über Funk in mein Ohr, dann beschleunige ich, der Fahrprüferin entgegen, auf 50 und mache, was ich geübt habe. Kupplung ziehen, links, rechts. Anhalten. Feddich.

“Gut gemacht!“ quäkt Andreas in mein Ohr: “Gleich noch den Slamlom, dann ham wir’s doch!“ Zügig baut er die Pylonen für die nächste Übung auf. Der große Slalom, bzw. was ich daraus gemacht habe, gefiel ihm zwischendurch nicht so richtig gut. Ich soll das „bisschen chic“ machen, sagte er dann, denn wenn die Grundfahraufgaben „bisschen chic“ seien, dann ließe uns die Prüferin anschließend in Ruhe. Na gut. Ich bemühe mich. Heute erst recht. Die Hütchen bleiben stehen, die Prüferin nickt. Im Spiegel sehe ich Andreas die Pylonen einsammeln. Scheint ausreichend chic gewesen zu sein. Auch wenn ich das eigentlich schöner kann.. Egal, für den Moment.

Weiter geht die gar nicht so wilde Fahrt, und zwar mitten in die City. In der Einkaufstraße parken diverse Lieferfahrzeuge halb die Fahrbahn zu. Alle paar Meter gilt rechts vor links, ein ungefähr 300 Jahre alter Opi schiebt ohne auf mich zu achten, hinter einem Transporter seinen Rollator auf die Fahrbahn. Grundschulkinder spielen an Bushaltestellen und ich wundere mich, warum ich so gelassen bleibe. Vielleicht hilft, dass ich mir vorgenommen habe mich über jede Verzögerung, jedes Warten, jedes Langsamfahren zu freuen, Die Prüferin möchte sich hier ewig durch die City schlängeln? Kann sie haben. Ihre Entscheidung. Geht alles von ihrer Zeit ab. Nicht von meiner.

Als wir die Innenstadt verlassen ahne ich, wie die Runde weitergehen wird. Über Land schickt sie mich auf die Autobahn. Jetzt, kurz vor Mittag, ist hier wenig Verkehr. Einfädeln ist easy, auch überholen und die Richtgeschwindigkeit erreichen kann ich gerade an dem sonst recht rege befahrenen Stück Autobahn problemlos. Schon nach einer Ausfahrt geht’s durchs Autobahnkreuz zurück in Richtung TÜV. Wenn nicht noch irgendwas unvorhergesehenes passiert oder ich größeren Bockmist baue sollte es das gewesen sein. Nach etwas mehr als einer Stunde stelle das Motorrad ab und darf, nach einem kurzen Glückwunsch, den alten Führerschein gegen den neuen tauschen. Wie unspektakulär. Schon wenige Minuten später sitze ich wieder auf dem Motorrad. Wir müssen noch zur Fahrschule zurück. Diesmal fährt Andreas voraus. Ich versuche, nicht gleich alle guten Fahrschülerinnenmanieren zu verlieren und kurve ganz brav und gemütlich hinter ihm her.

Noch etwas Smalltalk, ein bisschen Papierkram, dann werfe ich die dicke Jacke ins Auto und muss erstmal sacken lassen, was hier gerade passiert. Nämlich, dass ich jetzt, in diesem Moment, auf jedes beliebige Motorrad steigen und losfahren dürfte. Angesichts der wenigen Übung, der kurvigen Gegend und der großen Auswahl an Motorrädern eine ziemliche verrückte Vorstellung.

Der Weg war lang. Die Wörter fingen mit “besch…” an. Ich hab schlimm in meinen Helm geflucht, mich über die schier endlose Geduld meines Fahrlehrers gefreut, hab seine Gelassenheit bewundert, wenn die Einmündung plötzlich eng und die Straße schmal wurde. Ich hab mich auf der Autobahn freundlich antreiben und zwischen den Hütchen korrigieren lassen, ich durfte in Ruhe üben, ausprobieren, eigene Erfahrungen machen. Ich habe gelernt, dass Motorrad-100 ganz etwas anderes sind als Bulli-100, habe kleinlaut doofe Fragen gefragt und bin langsam gewachsen, bis mich am Ende über jeden Kilometer und jede Kurve gefreut habe. Mir hat die Sonne bei 40°C auf dem Übungsplatz das Hirn im Helm frittiert und auf der Autobahn ist der Regen oben durch den Kragen rein und aus den Schuhen wieder raus geplätschert.

Ich weiß jetzt, wie man losfährt und wieder anhält. Die nächsten Monate und Jahre werde ich dann hoffentlich lernen, wie man immer sicher oben sitzen bleibt.

Der nächste Schritt wird erstmal sein müssen, zügig auf einem, nein: auf meinem Motorrad zu sitzen. Mich einzugrooven, irgendwann wohl zu fühlen und dann Kilometer zu sammeln. Und Kurven.

Und, Leute… ich hab SO Bock!

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