Atzenhausen

Heute wieder größeres Öff. Die Koffer sind gepackt, für die Weiterfahrt. Von Potzwenden geht es nur eine gute halbe Stunde weiter nach Atzenhausen. Man könnte meinen, wir hätten die Stopps dieser Reise nach den weirdesten Ortsnamen ausgesucht. Die sind hier aber kein Argument, weil: alle verrückt. 

In Atzenhausen dann weder Waldbad noch Hütte noch 70er Kacheln sondern eine neu renovierte Gästewohnung auf einem Resthof. Ausgebauter Heuboden statt holzvertäfelter Hütte. Ausreichend dekoriert, um als Nippes- Ausstellung durchzugehen und die Decken so tief, dass ich ständig im Augenwinkel gucke, ob Thom sich im nächsten Moment irgendwo übel den Kopf andoingst.

Als wir den Vermieter, einen sympathischen Mittfünfziger im Muskelshirt, fragen, ob wir eventuell eine zweite Nacht dranhängen könnten, blitzt es kurz in seinen Augen. Klar, können wir, denn seine Frau, die hier eigentlich die Wohnungen vermietet, ist eh nicht da, kommt erst übermorgen wieder und wenn wir morgen nicht auszögen, dann müsste er nicht in Abwesenheit der Hausfrau hinter uns putzen. Ganz schön clever, der Mann. Gefällt uns.

Wir laden die Koffer ab und suchen nach einer Option fürs Mittagessen. Google Maps schlägt uns ein Bauerncafé auf einem Kirschhof vor. Offenbar hat es den Hof auch einer Rentnergruppe aus Unna vorgeschlagen. Jedenfalls sind wir beim Einparken kurz davor, uns von einer rüstigen Unneranerin einen mittelgroßen Anpfiff einzuhandeln, als sie unseretwegen, als Anführerin einer ganzen Unneranerinnen- Crew, ihren unneraner Kombi nicht wie beabsichtigt in eine der freien Lücken rangieren kann. Natürlich machen wir Platz. Erstens, sind wir höflich und zweitens haben wir echt keinen Bock auf Beef mit einer Gruppe hungriger Ruhrgebietsrentnerinnen. Als die resolute Dame ihren Begleiterinnen den Tagesbefehl erläutert (Kirschwanderweg! Essen, fassen! Einrücken in Unterkunft!), nutzen wir die Chance, noch vor der Horde im Hofcafé Platz zu nehmen und unsere Schnitzelbestellung zu platzieren. Glück gehabt. 

Zwischen Rentnern und Strandkörben lauschen wir mit Schnitzel im Bauch den süddeutschen Dialekten um uns herum. Dann parken, wir von Unneranerinnen unbehelligt aus und kurven weiter durch Dörfer mit Namen wie Waldkapell, Cornberg und Bebra. Fast alle niedlich und fast alle mit der obligatorischen abknickenden Vorfahrt. Nur schöne Pausenplätze bleiben rar.

Die Runde, die wir am Ende gemacht haben, ist heute deutlich kleiner als die, die wir vor hatten. Aber uns beiden steht nicht mehr der Sinn nach sehr vielen Kilometern. Dafür sind wir ganz gut im Sitzen und gucken. So vermeiden wir größere Abnutzungserscheinungen und stoßen durch Zufall sogar auf einen der top Aussichtspunkte der Region. Die Menschen, die dort auf unsere unbekannten Kennzeichen aufmerksam werden, nutzen jede Chance, sich von uns ein Kompliment für ihre Heimat abzuholen. Wir können das sehr gut verstehen und betonen wahrheitsgemäß, wie sehr wir den diese Gegend unterschätzt haben.

Auf den letzten Kilometern verpassen wir den Abzweig zum Supermarkt und ich darf schon mal alleine vor dem nahen Regen flüchten, während Thom anbietet, den Umweg zum Abendbrotkauf ohne mich zu machen. Richtiger Gentleman, mein Reisebegleiter. Vielleicht freut er sich auch ein bisschen, wenigstens ein paar Kurven lang nicht auf die vorsichtig folgenden Scheinwerfer zu achten. Ich gönne es ihm, denn dass er das ständig zu tun scheint macht mir ein bisschen mehr Druck, als ich zugeben möchte. Einerseits weil ich schon ganz gut auf mich aufpassen und auch mal ein Stück in Ruhe und Abstand hinterherfahren kann, andererseits weil ich mich auch ein bisschen dafür verantwortlich fühle, dass auch Thom einen Urlaub nach seinen Vorstellungen hat.

Er allerdings wird nach wie vor nicht müde zu betonen, dass ihm das nichts ausmacht, er gern Rücksicht nimmt und mein Reisetempo vollkommen klar geht. Wenn ich es noch ein paar mal höre, glaube ich es sogar vielleicht ein bisschen.

Kommentare

Ein Kommentar zu „Atzenhausen“

  1. […] dieser Stelle ist wieder eine Korrektur fällig: am Vortag sorgt – anders als in diesem Artikel beschrieben – Aenni dafür, dass wir nicht verhungern. Todesmutig durchquert sie den Supermarkt in […]

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