Schaalsee I – Sven

Als ich um 12.30 Uhr im Nieselregen den Schaalsee erreiche, finde ich mein Timing relativ fantastisch, schließlich halten die meisten Plätze zwischen 13 und 15 Uhr Platzruhe. Ich stelle den Brummi prominent neben das Check- In Häuschen, schnappe das Handy mit dem Impfnachweis und latsche auf den Latzhosenmann in dem Schrankenwärterhäuschen zu, der neben mir gerade einem Urlauber aus Duisburg die Schranke öffnet. Duisburg winkt, die Schranke klappt wieder zu und ich… erblicke mit Schrecken das Schild an der Schrankenwärterhäuschentür: “12-14 Uhr: Mittagspause” – Mein Blick fällt auf den Latzhosenmann, der nun seinerseits aus dem Häuscheninnern so frostig auf das Pausenschild starrt, dass mir klar wird: Das werden wir wohl nicht diskutieren. 

Unbeeindruckt tuend schlendere ich zum Brummi zurück und widme mich meinem Mittagssnack. Zum Glück habe ich ja eine Küche dabei. Also bastele ich mir zwei Brötchen und schiebe einen Joghurt hinterher. Schrankenmann, du kannst mir gar nichts.

Bis 14.05 Uhr trödele ich mit dem Hund über den Platz, der sich als wirklich gute Wahl erweisen soll. Dabei treffe ich auf reichlich Dauercamper, einige Enten und zwei in die Jahre gekommene, aber okay in Schuss gehaltene Sanitärgebäude. Auf dem Rückweg zum Auto bemerke ich, dass ich mich irgendwie gar nicht auf dem Rückweg zum Auto befinde, sondern auf wundersame Weise irgendwo vom rechten Weg abgekommen sein muss. Das ist auf einem Platz, der sich konsequent als Doppelreihe an einem Seeufer entlang schlängelt, gar keine so leichte Aufgabe. Siri weiß zum Glück wie immer, wo ich den Brummi zurückgelassen habe und so stehe ich um 14.05 Uhr auf der Matte des Latzhosenmannes, um endlich einzuchecken. Als ich das Handy zücke und anbiete, den Impfnachweis vorzuzeigen, winkt der Checkin-Chef jovial ab: “Pah. Wen willse denn hier anstecken?!” Irgendwie auch wahr, denn los ist hier nix. Kaum Feriengäste, wenige Dauercamper, die zum großen Teil offenbar ihre Enkel bespaßen. So wenige Menschen jedenfalls, dass man einander nicht näher als 50m kommen müsste, wenn man es nicht drauf anlegt. 

Ich lege es nicht drauf an und darf mir sogar einen der freien Ferienplätze aussuchen. Meine Wahl fällt vermutlich ausgerechnet auf die Ecke, in der sich das Wifi entschieden hat, Sparsamkeit walten zu lassen. Der Ärger darüber verfliegt allerdings, als ich abends feststelle, ausgerechnet vom Bett aus recht zuverlässig mit dem Internet verbunden zu sein. Es könnte mich härter treffen. 

Die anschließende große Gassirunde führt den Hund und mich mit dem Fahrrad in den Wald hinter dem Platz. Dort stört uns der Regen kaum und die Laune bleibt im Gegensatz zum Hundepelz urlaubsfein.

Abends beschließe ich, dem Regen vor der Tür früh ins Bett auszuweichen. Um 21.30 Uhr leuchtet nur noch das Handydisplay, auf dem ich mich angemessen sinnlos durchs Internet wische. Draußen ist Stille. Der Platz um mich herum ist finster wie ein Bären_rsch und Nachbarn habe ich keine. Gute Nacht, Urlaub.

21.31 Uhr. Der Hund eskaliert. Jemand bollert wie ein Geisteskranker mehrmals an die Schiebetür. Anklopfen kann man das nicht nennen. Was zur Hölle? Ich sitze aufrecht im Bett. Der Hund springt vor der Tür hoch und runter und kläfft sich die Hausmeisterseele aus dem Pelz. Der erste Anschiss gilt ihm. Hinlegen. Klappe halten. Ich regele das. 

Vorsichtig schiebe ich die Jalousie hoch. Im Stockfinstern steht ein Mann unter der Markise. Er trägt eine leuchtende Wetterjacke und eine funzelige Stirnlampe. 

“Gehen Sie von der Tür weg…” maule ich ihn an, wie ich das sonst bei der Zellenkontrolle mache: “…sonst werde ich nicht öffnen!” Der Mann, durch meine laute und deutliche Anweisung offenbar eingeschüchtert, geht drei Schritte rückwärts. Ich öffne die Tür einen Spalt. Aha. Ein Radfahrer?! “Wassss issss mit Iiiihnen? Was fällt Ihnen ein hier im Stockdunkeln an die Tür zu bollern wie son Gestörter?” ranze ich den Typen, der inzwischen noch ein paar Schritte rückwärts gegangen ist, weiter an. Er entschuldigt sich. Ob ich mich denn erschrocken hätte. Gute Frage, du Vollidiot, denke ich, und erfahre, dass Sven eigentlich nur mal ganz freundlich fragen wollte, ob er und seine Freundin wohl heute Nacht ausnahmsweise neben meinem Brummi einen der freien Plätze zum Zelten nutzen könnten. Mehr als: “Sehe ich aus wie der f*cking Platzwart?” gibt mir mein Gehirn heute nicht mehr. Mir doch egal, wer hier nachts noch sein Zelt aufschlägt.

Minuten später stellen also neben dem Brummi zwei Radreisenden im Nieselregen ihr Tourenzelt auf und beim kleinsten Geräusch steht der Hund ab jetzt senkrecht auf seiner Decke, während ich versuche, mich über diese mir nach wie vor schleierhafte Aktion des neuen Nachbarn wieder einzukriegen. 

Von wegen Erholung – das ist ja voll aufregend hier…

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