“Aaaaalter – Was ist das denn hier für ein Hirnfick??” maule ich. Ich stehe auf dem Außenlager einer Spedition zwischen einer Menge Pylonen, schiebe das Visier meines Helms hoch und frage mich, wie ich jemals auf die beschissene Idee kommen konnte, mir so ein bescheuertes neues Hobby zu suchen. Wörter mit „besch…“ fallen mir relativ viele ein. Und: „Alter!“ sage ich auch öfter als mir lieb ist. In allen möglichen Betonungen. „Wollt’se da getz warten bis die Stunde um is? Oder krieg ich noch bisschen was geboten für dein Geld?“ knarzt es in meinem Ohr. Ich zucke mit den Schultern, hebe die Arme an und lasse die Hände auf meine Oberschenkel fallen. Dann starte ich das Motorrad neu und widme mich der nächsten Grundfahraufgabe. In meinem Ohr knarzt es schon wieder. „Nächste‘ma darfse auch wieder in den Spiegel gucken, wenne anfährst.“
(mehr …)Autor: aenni.online
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Schwerin 533km
“Ich mach schon mal meinen Akku dran!” sage ich, und klicke das bockschwere Ding an mein Fahrrad. “Für deinen brauchen wir den Schlü… ach Scheiße!”
Tanja guckt mich an. Ich atme tief ein: “Für deinen brauchen wir den Schlüssel. Und den… hab ich… also… der… ist Zuhause! Ich bin so ein Idiot!”
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Mit dem Betonbike am Störkanal
“Was meinst du, warum da hinten Schilder stehen!” mault mich der Bauarbeiter an: “Weil du hier gerade nicht durch kannst. Merkst du das nicht?” Ich merke das. Und bin angemessen kleinlaut. Ich bin Komoot gefolgt, am Störkanal entlang, und das war ein Fehler. “Ja, hast Recht. Hab ich bisschen spät gemerkt…” antworte ich. “Das Schild stand da letztes Jahr schon, und da konnte man auch durchfahren.” versuche ich meinen Faux-Pas zu erklären. Werde dann aber, vollkommen zurecht, darauf hingewiesen dass jetzt aber nicht letztes Jahr ist. “Ganz am Rand lang! Und nicht da mitten rein latschen!” bekommen ich als Anweisung mit auf den noch nicht gebauten Weg. Dann darf ich weiterschieben.
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Schwerin 1 – Mücken am See
Die Wäsche ist trocken, Muttis runder Geburtstag bedacht, das Fahrrad ist vom Salz der Ärmelkanalluft befreit und der Brummi getankt. Eigentlich könnte ich wieder los.
Noch eine gute Woche habe ich Zeit, und die möchte ich eigentlich nicht Zuhause verbringen. Und der Bulli sicher auch nicht. Ich öffne also meine Google- Urlaubs- Map und klicke mich durch die Gegend. Eifel – da wollte ich doch mal ohne Hund und mit dem Fahrrad hin, den Nationalpark erkunden. Oder Xanten? Da ist es flach und die Anfahrt ist überschaubar. Oder doch Schwerin? Irgendwie habe ich das Gefühl, da schon lange nicht gewesen und mit gucken auch noch lange nicht fertig zu sein.
Ich klicke und gucke, wäge ab und überlege. Zu einem rechten Ergebins komme ich nicht. Weil es kein Richtig und Falsch gibt. Weil es überall schön werden wird. Das Argument, was für Schwerin gesprochen hätte, hat schon vor einiger Zeit deutlich gesagt, dass das Leben gerade ein paar Baustellen bereitet und für ein Treffen in Ruhe keine Zeit bleiben würde. Aber: Schwerin ist ja trotzdem schön.
Ich lasse den Zufall entscheiden, schreibe ein- und dieselbe Mail an Campingplätze in allen drei Regionen und beschließe, dorthin zu fahren, wo man mir als erstes antwortet. Dann verabrede ich den Hund mit seinen Urlaubssittern und warte ab.
Nach zwei Stunden habe ich die erste Antwort. Es wird Schwerin. Schlau ist das nicht, denke ich, für fünf Nächte so eine weite Reise. Aber ich wollte den Zufall entscheiden lassen und werde da jetzt auch nicht dran rütteln. Also packe ich die Klamotten ins Auto, verzichte auf einen Blick in meine Packliste (ich habe kaum was ausgeräumt seit ich vorgestern Abend vor der Tür geparkt habe) und bringe den Hund zu meinen Eltern.
Dann stelle ich den Wecker auf 05.05 Uhr – so sollte ich vor dem Berufsverkehr zumindest den nervigsten Teil der A1 hinter mir haben.
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Pralinen in Brügge
„Ja, passt. Oder: Nee. Passt doch nicht.“ Gut, dass Glo ausgestiegen ist. Ich lege den Rückwärtsgang ein und rangiere weg von der Parkplatzhöhenbeschränkung. Wie hoch der Brummi mit den geschulterten Fahrrädern ist sollte ich demnächst mal messen, um auch ohne Einweiserin sicher zu sein.
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Bredene
Nachmittags laden wir in Dünkirchen die Fahrräder auf und ziehen weiter nach Bredene bei Ostende in Belgien. Dort hatten wir mehrere Plätze angefragt, jetzt, in der Nebensaison aber nur eine Antwort bekommen. Der Platz ist fast leer. Ein einsamer Kastenwagen steht abseits auf der großen Wiese, vereinzelt treffen wir auf Dauercamper, die hier, wie überall in der Region, eher schlichte Mobilheime bewohnen. Camping- Chichi, wie wir ihn von deutschen Dauercampern kennen, mit Vorgarten, Plastekitsch und Fähnchen, finden wir hier nirgends. Der Belgier scheint es pragmatisch zu mögen. Einheitliches Mobilheim, in Reihe hingestellt, daneben ein Parkplatz. Fertig. Und: irgendwie hat er damit ja Recht.
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Dünkirchen – Ein Zwischenstopp
„Äh… german!“ antworte ich der jungen Frau am Ticketverkauf auf ihre überraschende Frage nach meiner Nationalität und meine eh schon gedrückte Stimmung erreicht ihren zwischenzeitlichen Tiefpunkt. Im nächsten Augenblick frage ich mich, ob und wie ich das weiterhin extrem freundliche Lächeln der Verkäuferin interpretieren soll, und ob: „Äh: Swiss!“ eine okaye Notlüge gewesen wäre.
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Stella Plage 2 – „Est-ce Orus, qui parle?“
„Lass heute mal n Tag machen, an dem ich nachher nichts zu bloggen habe weil einfach gar nichts passiert ist.“ schlage ich vor. Glo nickt zustimmend. Nach noch einer Fahrradtour steht uns angesichts der fragwürdigen Straßen- und vor allem Radwegverhältnisse nicht der Sinn. Schon interessant, auf welche verwirrend undurchdachte Weise man Radwege anlegen kann. Oder, was man für Radwege hält. Oder was man einfach als Radweg bezeichnet um nachher zu behaupten: Hä? Non?! Schon wieder ein überfahrener Cycliste auf seinem Velo unter einem Renault? Mais pourquoi? Hier sind doch überall des Pistes für les Cyclistes.
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Stella Plage – im Herzen der Betonkrake
Understatement ist nicht die Sache derjenigen, die vor vielen Jahren beschlossen haben, zwischen Merlimont und Cucq in unmittelbarer Strandnähe eine Ferienhaussiedlung zu bauen. Beim Blick auf die Karte sieht man ein durchgeplantes, sich fächerartig vom Strand in die Dünen ausbreitendes Gebilde aus schnurgeraden Straßen und halbrunden Querstraßen. Alles hier läuft auf die Promenade zu, als wäre sie ein Paradeplatz, auf dem man allsommerlich zum großen Zapfenstreich bliese, auf einem Baguette, vermutlich, oder dem Softeishörnchen.
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Dieppe 2 – Hauts de France / Basse cuisine
Ich breche das Baguette in zwei Hälften und quetsche es gegen seinen Willen in meinen Rucksack. Zusammen mit einer Tube Aioli, ein paar Trauben und ein paar Möhren nennen wir das dann Abendessen. Die Aussicht wird es rausreißen. Schließlich haben wir recht spontan entschieden, uns den zusammengesuchten Kram an der Promenade einzuverleiben, während irgendwo da hinten, grob über Plymouth, die Sonne ins Wasser fällt.
„Richtig“ gegessen haben wir außerdem vorhin am Hafen von Dieppe. Obwohl das Wort richtig hier schon sehr freundlich gewählt ist. Ich muss wohl eher zugeben, dass wir im wohlklingenden „Café de Paris“ auf Touristennepp reingefallen sind. Oder, auch das halte ich für möglich, die Franzosen essen ihre Pommes immer so labbrig und den Burger ohne jede Sauce. Naja, man muss auch verlieren können.
Dass heute nicht unser kulinarisch herausragendster Tag werden sollte hatte sich eigentlich schon beim Frühstück abgezeichnet. Zu dem vorbestellten Baguette aus dem Camping- Shop, den beiden Croissants und dem Pain au chocolat fehlte uns der passende Aufstrich. Glücklicherweise hatte über Nacht eine Parzelle weiter eins dieser Selbstausbauer- Vanlife- Insta Pärchen seinen nahezu fensterlosen Citroen Jumper eingeparkt. Philipp, ein hagerer junger Mann mit zu kurzer Jeans und pfiffiger Schiebermütze hatte wohl Schiss, dem günstig geschossenen Jumper ein Loch in die Tür zu sägen. Schade für die Beiden
Wir aber hatten Glück, denn wir haben nicht nur ringsum beste Bulli- Aussicht, sondern mit dem Vanlife-Couple auch freundliche Nachbarn, zu deren #Vanlife- Feeling auch ein zünftiges Nutella- Frühstück gehört. Philipp und seine pink beschopfte Puck-Brillen-Trägerin (ihr Name blieb uns leider verborgen, aus meiner Sicht eine klassische Tamara, Freunde dürfen sicher Tammy sagen) erkannten jedenfalls unsere Frühstücksnot und bereicherten unsere spröde Croissant- Situation mit einem freundlich über die Hecke gereichten Glas echten Borkener Import- Nutella. Weltklasse.
So gestärkt stiegen wir auf die Räder und ich übertreibe nicht, wenn ich hier noch einmal deutlich sage: Tammy, Philipp, ohne eure Spende wäre die anschließende Tour an die Steilküste ein gewaltiges Stück trauriger gewesen.
Vom Campingplatz aus hat man in gemütlichen drei E-Bike-Minuten den Kiesstrand erreicht und steht an einem flachen Stück Küste, von dem aus man in beide Richtungen zu hohen Kreideklippen hinauf schaut. Wir entschieden uns spontan, erst einmal nach links abzubiegen, in der Hoffnung dort am Fuße der Klippen einen schönen Blick in Richtung Dieppe zu haben. Zwischen quietschgelbem Raps, vorbei an unzählbaren Millionenanwesen (wo haben die hier alles das ganze Geld her?) und auf verschlungenen Pfaden mussten wir demnach erstmal rauf auf den Hügel, um dann auf recht direktem Wege wieder runter zu rollen, durch einen schmalen Felseinschnitt, direkt bis ans Meer.
Die Küste hier ist rau, die Strände bestehen aus rund gewaschenen groben Kieseln, die machen, dass man die Wellen schon lange hören kann, bevor man sie sieht. Es rauscht und grummelt pausenlos und ich möchte nicht wissen was passiert, wenn ein unvorsichtiger Tourist die zahlreichen Warnschilder in den böigen Wind schlägt und doch versucht, sich die Füße abzukühlen. Mitgerissen wird er vermutlich, und genauso rund gewaschen wie die Kiesel. Nur hören wird man ihn dann nicht mehr.
Wir halten also ehrfürchtig trockenen Fußes Abstand und verbringen eine ganze Weile zwischen den beeindruckenden Felsen damit, Hühnergötter zu suchen und die Natur aus allen möglichen Perspektiven zu fotografieren.
Irgendwann aber lockt uns dann der Hunger zurück auf die Fahrräder, das heißt, wir trampeln wieder Klippe hoch, Klippe runter, vorbei an unserem Urlaubsort, auf der anderen Seite wieder Klippe rauf, Klippe runter an der Burg entlang nach Dieppe.
Immer wieder, wenn die Straße einen schönen Blick auf die Steilküste hergibt, bleiben wir stehen, sagen einander, was für eine bescheuerte Idee dieser Reise war und wie hässlich hier alles ist, lachen dann laut und radeln weiter. Dass der eine oder andere Millionär genau diese Region zum Bau seines Urlaubsanwesens auserkoren hat ist mehr als verständlich.
Zurück in Dieppe ist der Hafen unser Ziel. Irgendwo hier sollte es doch eine Kleinigkeit für uns geben. Wir landen in einem Café mit Snackgelegenheit. Die Menschen davor essen Muscheln mit sehr lecker aussehenden Pommes. Wir entscheiden uns für die Variante Burger mit Pommes und werden von einem herausragend netten Kellner betreut, der sich auf Englisch und sehr gemächlichem Französisch, Grundschullehrerhaft zu mir gebeugt bemüht, meine hochkomplizierte Bestellung (2 Cola, 2 Bacon Burger) zu verstehen.
Dass die Sache mit den Fries dann zum Reinfall wurde und der Koch offenbar nicht ganz so motiviert war wir der Service erzählte ich ja bereits.
Satt und mittelzufrieden schieben wir die Räder weiter am Hafen entlang. Ein Crêpe könnte mich vielleicht mit der angespannten Versorgungslage versöhnen. Auf dem Rückweg wird sich in Dieppes 100 Boulangerien wohl ein Pfannkuchen für mich finden. Erstmal aber ist noch der Hafen dran.
An der Seebrücke versucht ein verdächtig ausgeblichenes Schild Besuchern das Betreten des Stegs zur Hafeneinfahrt auszureden. Nach kurzer Überlegung und mit Blick auf die zahlreichen noch lebenden Angler entscheiden wir uns, todesmutig den anderen Spaziergängern zu folgen. Bei Ebbe und eher schwacher Brandung wird uns Neptun für diese Regelübertretung schon nicht übers Geländer ins Meer werfen. Wir beobachten ein Ausflugsschiffchen und zwei kleine Trawler. Das Ablegen der Fähre nach Newhaven verpassen wir knapp, wollten da aber eigentlich eh nicht so gerne hin. Obwohl: Fries können die am anderen Ärmelkanalufer erfahrungsgemäß besser.
Aber zurück zu den lokalen Köstlichkeiten. Dass der ältere Mann am Crêpestand der seelenlosen Betonpromenade kaum noch Zähne hat deute ich als Hinweis auf schmackhafte Teigware. Er scheint sein Handwerk zu verstehen und auch gern mal den einen oder anderen Nutellacrêpe zu snacken. Der Crêpes- Index (CRIX – Portionspreis mit Nutella) steht bei erschwinglichen zwei Euro. Ich schlage zu und werde nicht enttäuscht.
Noch ein bisschen satter und deutlich zufriedener E-biken wir schließlich, ihr wisst schon: Klippe hoch, Klippe runter, zurück zu unserem Campingplatz und halten unterwegs noch für ein Baguette to go und Frühstückszubehör beim Carrefour City, bevor dieser kulinarisch durchwachsene Tag beim Sonnenuntergangsimpropicknick das Ende findet, das er verdient hat.
Morgen früh ziehen wir weiter und ich bin gespannt, welche Raritäten der nordfranzösischen Küche uns in Stella Plage so erwarten.
